Sterbehilfe: Uruguay erlaubt aktive Sterbehilfe

Datum16.10.2025 05:20

Quellewww.zeit.de

TLDRUruguay hat die aktive Sterbehilfe legalisiert, nachdem der Senat mit 20 von 31 Stimmen dafür gestimmt hat. Damit wird Uruguay das erste Land in überwiegend katholischem Lateinamerika, das diese Praxis erlaubt. In der Region gab es in den letzten Jahren zunehmend Debatten über Sterbehilfe, mit Widerstand von der katholischen Kirche. Aktiv Sterbehilfe ist auch in anderen Ländern wie den Niederlanden und Kanada erlaubt, unterscheidet sich jedoch vom assistierten Suizid, der in Deutschland legal ist.

InhaltDer Senat von Uruguay hat mehrheitlich für die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe gestimmt. Damit schließt sich das Land einer kleinen Gruppe von Staaten an. Uruguay hat die aktive Sterbehilfe legalisiert. Der Senat verabschiedete das Gesetz zur Entkriminalisierung der Sterbehilfe am Mittwoch und reiht das Land damit in eine kleine Gruppe von Staaten ein, in denen schwerkranke Patienten legal Hilfe beim Sterben erhalten können. Das Gesetz, das in den vergangenen fünf Jahren nur schleppend vorangekommen war, überwand nun seine letzte Hürde: 20 von 31 Senatoren stimmten dafür. Im überwiegend katholischen Lateinamerika ist Uruguay nun das erste Land, das aktive Sterbehilfe per Gesetz erlaubt. In Kolumbien und Ecuador ist die Praxis nach Urteilen der obersten Gerichte zumindest entkriminalisiert. In Chile hat Präsident Gabriel Boric kürzlich einen neuen Vorstoß unternommen, um ein seit Langem im Senat blockiertes Sterbehilfegesetz voranzubringen. In den vergangenen Jahren haben Debatten und Proteste das Thema in der Region zunehmend in den Fokus gerückt. Der stärkste Widerstand gegen die Sterbehilfe kam vonseiten der katholischen Kirche. Die Verabschiedung des Gesetzes festigt den Ruf Uruguays als eines der sozial liberalsten Länder der Region.  Auch in den Niederlanden, Belgien, Luxemburg, Spanien, Kanada und in fast allen Gebieten Australiens ist aktive Sterbehilfe legal, meist unter strengen Auflagen. Der Unterschied zum assistierten Suizid, der in Deutschland seit 2020 erlaubt ist, besteht in der Durchführung. Bei der aktiven Sterbehilfe verabreicht eine Person dem oder der Sterbewilligen beispielsweise eine tödliche Substanz, beim assistierten Suizid nimmt sie diese selbst ein. DIE ZEIT geht behutsam mit dem Thema Suizid um, da es Hinweise darauf gibt, dass bestimmte Formen der Berichterstattung zu Nachahmungsreaktionen führen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nennen dieses Phänomen Werther-Effekt, in Anlehnung an Goethes Roman Die Leiden des jungen Werthers, nach dessen Veröffentlichung sich eine Reihe junger Männer das Leben nahm. Nachdem der deutsche Nationaltorwart Robert Enke 2009 sein Leben beendet hatte, nahm die Zahl der Suizide auf Bahnstrecken in Deutschland zu. Markus Schäfer und Oliver Quiring von der Universität Mainz berichten, dass in den ersten vier Wochen nach Enkes Tod in Deutschland 133 Suizide mehr verzeichnet wurden, als laut der amtlichen Todesursachenstatistik für diesen Zeitraum zu erwarten gewesen wäre (Schäfer & Quiring, 2013). In der Psychologie gibt es verschiedene Erklärungsansätze für den Werther-Effekt. Als anerkannt gilt vor allem die Theorie des Modelllernens des Psychologen Albert Bandura, die besagt, dass sich Menschen Verhaltensweisen aneignen, die sie zuvor bei anderen Menschen beobachtet haben – besonders wenn sie sich mit der Person identifizieren können. Untersuchungen legen nahe, dass bestimmte Formen der Berichterstattung ein besonders hohes Identifizierungspotenzial bieten und deshalb vermieden werden sollten (Ziegler & Hegerl, 2002). Eine umfassende Untersuchung von Forschern der New Yorker Columbia University hat gezeigt, dass häufige, prominente und reißerische Berichterstattung über Suizide Jugendliche zur Nachahmung motiviert (Gould et al., 2014). Es ist wahrscheinlich, dass soziale Medien den Werther-Effekt noch verstärken, untersucht wurde das bislang nicht. Die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention rät dazu, keine Fotos oder Abschiedsbriefe der betreffenden Person zu veröffentlichen und heroisierende oder romantisierende Beschreibungen des Suizids zu vermeiden. Das Motiv für die Selbsttötung dürfe höchstens allgemein, aber nicht als nachvollziehbar dargestellt werden. Der Deutsche Presserat empfiehlt ebenfalls Zurückhaltung. Dies gelte insbesondere für die Nennung von Namen und die Schilderung näherer Umstände wie Ort und Methode der Selbsttötung. Völlig ausklammern wird ZEIT ONLINE das Thema Suizid nicht, da es gesellschaftlich relevant ist und viele Menschen betrifft, etwa schwer an Depressionen Erkrankte oder Angehörige. Suizidgedanken ähneln einem Teufelskreis, der unausweichlich scheint, sich aber durchbrechen lässt. Häufig sind sie eine Folge psychischer Erkrankungen wie Psychosen, Sucht, Persönlichkeitsstörungen und Depressionen, die mit professioneller Hilfe gelindert und sogar geheilt werden können. Betroffene finden zum Beispiel Hilfe bei der Telefonseelsorge unter den Telefonnummern 0800 1110111 und 0800 1110222. Die Berater sind rund um die Uhr erreichbar, jeder Anruf ist anonym, kostenlos und wird weder von der Telefonrechnung noch vom Einzelverbindungsnachweis erfasst. Direkte Anlaufstellen sind zudem Hausärztinnen sowie auf Suizidalität spezialisierte Ambulanzen in psychiatrischen Kliniken, die je nach Bundesland und Region unterschiedlich organisiert sind. Eine Übersicht über eine Vielzahl von Beratungsangeboten für Menschen mit Suizidgedanken gibt es etwa auf der Website der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention. Wer den Verdacht hegt, dass ein Freund oder Angehöriger an Suizid denkt, sollte ihn zunächst darauf ansprechen und dabei unterstützen, professionelle Hilfe zu suchen. Wichtig sei es, auf Warnsignale zu achten und diese ernst zu nehmen – etwa 80 Prozent aller Selbsttötungen werden zuvor angekündigt. Besorgniserregend seien nicht nur klare Suiziddrohungen und -ankündigungen, sondern auch indirekte Äußerungen der Hoffnungslosigkeit wie "Es hat alles keinen Sinn mehr" oder "Irgendwann muss auch mal Schluss sein". Zudem könnten bestimmte Verhaltensweisen auf Suizidgedanken hindeuten. So wollen suizidgefährdete Menschen häufig ihre Angelegenheiten ordnen, also zum Beispiel Wertgegenstände verschenken oder ihr Testament aufsetzen. Auch stimmt der Entschluss zur Selbsttötung manche Menschen mit Depressionen ruhiger und weniger verzweifelt, was häufig als Besserung des psychischen Zustands missinterpretiert wird. Hilfe für Angehörige bietet neben der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention auch der Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker unter der Rufnummer 0180 5950951 und der Festnetznummer 0228 71002424 sowie der E-Mail-Adresse seelefon@psychiatrie.de.