Datum11.07.2026 19:20
Quellewww.spiegel.de
TLDRMartha Lillard, die letzte bekannte Polio-Überlebende, die eine Eiserne Lunge nutzte, ist gestorben. Sie infizierte sich 1953, bevor der Impfstoff verfügbar war. Trotz Lähmungen lebte sie ein kreatives Leben, blieb aber auf die alte Maschine angewiesen, da moderne Geräte ihr nicht ausreichten. Die Wartung der Eisernen Lunge wurde zunehmend schwierig. Ihr Tod markiert das Ende einer medizinischen Ära, in der die Eiserne Lunge ein Symbol der Polio-Folgen war.
InhaltEs ist das Ende einer medizinischen Ära: Mit dem Tod der US-Bürgerin Martha Lillard gibt es wohl keine Überlebenden der Kinderlähmung mehr, die zum Atmen auf eine sogenannte Eiserne Lunge angewiesen sind. Mit Martha Lillard, der letzten bekannten Polio-Überlebenden, die eine Eiserne Lunge benutzte, verschwindet ein Stück Medizingeschichte aus der Gegenwart. Die US-Amerikanerin war nach übereinstimmenden Berichten amerikanischer Medien bereits Ende Juni im Alter von 78 Jahren in Oklahoma gestorben. Die Apparatur, der sie ihr Überleben verdankte, galt lange als Symbol für die schwere Krankheit. Lillard hatte sich 1953 im Alter von fünf Jahren mit Polio infiziert – zwei Jahre bevor in den USA der erste Impfstoff gegen die Krankheit eingeführt wurde. Die Infektion lähmte große Teile ihres Körpers und schädigte ihre Atemmuskulatur dauerhaft. Nach Angaben ihrer Familie auf einer GoFundMe-Seite blieb Lillard trotz ihrer schweren gesundheitlichen Einschränkungen selbstständig und kreativ. Sie malte, schrieb Gedichte und komponierte Musik am Klavier. Während andere Polio-Überlebende später auf moderne Beatmungsgeräte umsteigen konnten, blieb Lillard auf die Eiserne Lunge angewiesen. Sie habe zwar Alternativen ausprobiert, doch keine habe ihr die nötige Unterstützung beim Atmen geboten, sagte sie noch wenige Tage vor ihrem Tod dem Lokalsender KFOR. Zuletzt habe sich ihr Gesundheitszustand zunehmend verschlechtert, berichtete die Schwester der Verstorbenen, auch infolge von Langzeitauswirkungen zweier Covid-Infektionen. Gleichzeitig sei die Wartung der jahrzehntealten Eisernen Lunge, auf die Lillard den Berichten zufolge zuletzt rund um die Uhr angewiesen war, immer schwieriger geworden. Ersatzteile aus den Vierzigerjahren seien kaum noch zu beschaffen gewesen, zudem habe sich niemand mehr gefunden, der das Gerät reparieren konnte, zitierte KFOR die Schwester. Erst im März 2024 war mit Paul Alexander ein weiterer bekannter Nutzer des historischen Beatmungsgeräts im Alter von 78 Jahren gestorben. Er hatte mehr als 70 Jahre damit gelebt. Die eiserne Lunge ist ein großer Metallzylinder, der Patienten mithilfe von Druckveränderungen beim Atmen unterstützt. Polio ist eine ansteckende Infektionskrankheit, die vor allem bei Kleinkindern dauerhafte Lähmungen hervorrufen und zum Tod führen kann. Das Virus wird oft über verunreinigtes Wasser verbreitet. Eine Heilung gibt es bisher nicht. Aufgrund engagierter Impfkampagnen in den vergangenen Jahrzehnten gilt Polio seit Jahren als weltweit nahezu ausgerottet. Dadurch konnten bis heute rund 20 Millionen Menschen vor einer Lähmung und anderthalb Millionen vor dem Tod bewahrt werden, wie es bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) heißt.