Meinung: Die Lage am Morgen - Die Regierung handelt und verteilt die Kosten ihrer Kompromisse

Datum10.07.2026 05:48

Quellewww.spiegel.de

TLDRDie Bundesregierung verabschiedet ein Sparprogramm für die Krankenversicherung, das höhere Zuzahlungen und steigende Beiträge für Gutverdiener vorsieht. Das Heizungsgesetz wird abgemildert, sodass Öl- und Gasheizungen weiterhin erlaubt sind. Deutschland erhält die Zusage für den Kauf von Tomahawk-Marschflugkörpern von den USA. Ein Gesetzentwurf zur Strafbarkeit der Leugnung des Existenzrechts Israels stößt auf verfassungsrechtliche Bedenken. Nigel Farage tritt bei einer Nachwahl gegen einen satirischen Kandidaten an.

InhaltDas Sparprogramm für die Krankenversicherung wird heute beschlossen. Trump schickt Europa unerwartet Waffen. Und Nigel Farage muss gegen eine Mülltonne kandidieren. Das ist die Lage am Freitagmorgen. Heute geht es um das Sparprogramm für die Krankenversicherung und ein baldiges Ende des Heizungsgesetzes. Außerdem: Trump schickt Europa unerwartet Waffen. Und Nigel Farage muss gegen eine Mülltonne kandidieren. Es ist der letzte Plenartag von Bundestag und Bundesrat vor der Sommerpause. Und die Bundesregierung lässt heute über zwei ihrer Gesetzespakete abstimmen: das Gesundheits-Sparprogramm und den Rückbau des Habeckschen Heizungsgesetzes. Damit will Bundeskanzler Merz belegen: Die Koalition handelt. Das sogenannte GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz hat einen wundervollen Namen. Es soll einen großen Teil der 19-Milliarden-Lücke in der gesetzlichen Krankenversicherung schließen, um den Preis spürbarer Einschnitte: Wer ein verschreibungspflichtiges Medikament erhält, zahlt in der Apotheke künftig 50 Prozent mehr zu – mindestens 7,50 statt 5 Euro. Die Vergütung der Arztpraxen wird stärker gedeckelt. Ärzte- und Therapeutenverbände warnen vor längeren Wartezeiten, insbesondere in der Psychotherapie (mehr hier ). Und Gutverdiener zahlen mehr für die Krankenversicherung, weil die Beitragsbemessungsgrenze um 300 Euro im Monat steigt. Zugleich soll die Heizungswende der Ampelregierung mit dem heutigen Tag ihr baldiges Ende finden, denn der Bundestag wird sie wohl kippen – und durch ein neues "Gebäudemodernisierungsgesetz" ersetzen. Die Vorgabe, dass neu eingebaute Heizungen grundsätzlich zu mindestens 65 Prozent mit erneuerbaren Energien betrieben werden müssen, entfällt damit. Öl- und Gasheizungen dürfen damit wieder eingebaut und langfristig betrieben werden – allerdings muss ein schrittweise steigender Anteil klimaneutraler Brennstoffe verwendet werden. Fridays for Future demonstriert heute bundesweit und fordert die Entlassung von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (mehr zu den Zweifeln am Gesetz hier ). Am Donnerstag versuchte Kanzler Merz in einer Regierungserklärung die Reformfähigkeit der "politischen Mitte" zu beschwören: Ein Reformgefühl wie zu Schröders Zeiten hat das Land heute zwar noch kaum erfasst, aber immerhin ist nun sichtbar: Die Regierung kommt nach Monaten des Streitens ins Arbeiten – und verteilt die Kosten ihrer Kompromisse. Die Sprunghaftigkeit von Donald Trump hat für Europa einmal ein Gutes: Während er im Persischen Golf seinen Krieg neu entfachte, iranische Ziele bombardieren ließ und die im April vermittelte Waffenruhe für beendet erklärte, machte der US-Präsident zwei Zugeständnisse, mit denen sich Europa besser gegen Russland verteidigen kann. Die USA haben dem Verkauf von Tomahawk-Marschflugkörpern und bodengestützten Typhon-Startern an Deutschland zugestimmt – unterzeichnet ist bislang eine Absichtserklärung, die förmliche Freigabe soll noch folgen. Deutschland schließe so eine kritische strategische Lücke in seiner Verteidigung, sagte Merz, zugleich arbeite man an eigenen europäischen Systemen. Der deutsche Taurus reicht nur rund 500 Kilometer weit, der Tomahawk das Dreifache. Die USA haben im Irankrieg einen großen Teil ihres Arsenals verfeuert. Im Mai kündigte Trump an, die US-Präsenz in Deutschland zu verkleinern: Er strich die geplante Stationierung eines amerikanischen Tomahawk-Bataillons (mehr hier ). Nun soll Deutschland die Marschflugkörper immerhin selbst kaufen dürfen. Auch die Ukraine erhielt ein bedeutendes Zugeständnis: Sie erhält die Lizenz, Patriot-Abfangraketen zu produzieren. Diese benötigt sie dringend: Bei den letzten russischen Angriffen auf Kyjiw konnte keine einzige ballistische Rakete abgefangen werden. Zwar sind viele Fragen offen, und vermutlich würde es mindestens ein Jahr dauern, bis die Ukraine eigene Patriots hätte – und dennoch ist es eine bedeutende Nachricht. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj kündigte gestern Abend zudem an, dass sein Land in den kommenden Tagen wieder Patriot-Abfangraketen von den USA erhalten wird. Nachdem Trump den Nato-Gipfel in Ankara mit erneuten Annexionsdrohungen zu Grönland eröffnet hatte, sind das gute Nachrichten. Allerdings sollte niemand deshalb auf die Idee kommen, auf die USA unter Donald Trump wäre deshalb Verlass. Der Bundesrat entscheidet heute über die Frage: Soll er einen hessischen Gesetzentwurf in den Bundestag einbringen? Es geht um eine Grundsatzfrage zwischen Meinungsfreiheit und Staatsräson: Das CDU-geführte hessische Justizministerium will einen neuen Absatz in Paragraf 130 des Strafgesetzbuchs einfügen, in den Tatbestand der Volksverhetzung. Wer das Existenzrecht Israels leugnet, soll mit Geldstrafe oder bis zu fünf Jahren Haft bestraft werden können – wenn er dies in einer Weise tut, die geeignet ist, die Bereitschaft zu antisemitischen Gewalt- oder Willkürmaßnahmen zu fördern. Es gibt bei dem Vorhaben zwei Probleme. Erstens gibt es im Völkerrecht kein klar definiertes "Existenzrecht" von Staaten. Anerkannt sind ihre Souveränität, territoriale Integrität und politische Unabhängigkeit. Existenzrecht ist ein politischer Begriff, kein juristischer – er wird in der Regel nur im Zusammenhang mit Israel benutzt: um zu markieren, dass das in der Region bedrohte Israel als Staat anerkannt und gegen seine Gegner unterstützt wird. Das zweite Problem ist, dass – selbst wenn es ein solches Existenzrecht für Staaten gäbe – unklar ist, warum ausgerechnet nur Israel ins deutsche Strafgesetzbuch geschrieben werden soll und kein anderer Staat der Welt. So dürfte künftig das Existenzrecht Kosovos, Taiwans, Chinas oder der Bundesrepublik bestritten werden, falls das jemand tun möchte. Es fällt unter die Meinungsfreiheit. Bei Israel hingegen gälte das nicht mehr. Die Initiatoren begründen dies mit der deutschen Verantwortung aus dem Holocaust. Es ist ein Konflikt zwischen Erinnerungspolitik und Verfassungsrecht. Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages kommt in einem zwölfseitigen Gutachten zu erheblichen verfassungsrechtlichen Bedenken. Der Entwurf schaffe ein "Sonderrecht gegen eine konkrete Meinung", das "grundsätzlich nicht mit der Meinungsfreiheit aus Art. 5 GG vereinbar" sei. Rechtfertigen ließe es sich nur, wenn eine eng begrenzte Ausnahme in der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts auf diesen Fall übertragen werden könnte – das hält der Wissenschaftliche Dienst jedoch für schwer begründbar. Selbst bei Zustimmung im Bundesrat wird heute nichts strafbar. Der Entwurf würde erst in den Bundestag gehen, wo ein fast wortgleicher Unionsvorstoß 2023 im Rechtsausschuss scheiterte. Frankreich gewinnt auf beeindruckende Weise sein sechstes Spiel bei dieser WM, obwohl Kylian Mbappé die unglaubliche Serie des marokkanischen Torhüters ausbaut. Ayyoub Bouaddi reiht sich hinter Pelé ein . Noch mehr Rätsel wie Viererkette, Wordle und Paarsuche finden Sie bei SPIEGEL Games. …ist Count Binface, ein Mann mit einem Mülltonnendeckel auf dem Kopf. Er tritt bei der Nachwahl im englischen Clacton-on-Sea gegen den Rechtspopulisten Nigel Farage an – und er könnte sogar sein prominentester Widersacher werden. Der Chef von Reform UK gab am Dienstag seinen Sitz in Clacton auf, um sich neu bestätigen zu lassen – er steht wegen einer Fünf-Millionen-Pfund-Spende eines Krypto-Milliardärs in der Kritik. Labour, Konservative, Liberaldemokraten und Grüne verzichteten allesamt auf einen eigenen Kandidaten, sie nannten das Ganze einen Zirkus. So steht Farage nun einer verkleideten Kunstfigur gegenüber. Hinter Count Binface steckt der Comedian Jon Harvey, der mit seiner Kunstfigur schon bei der Londoner Bürgermeisterwahl 2021 mehr als 24.000 Stimmen holte. Er gibt sich als 5900 Jahre alter intergalaktischer Krieger. Sein Programm: den Preis des 99-Flake-Soft-Ice auf 99 Pence begrenzen, den Videobeweis im Fußball abschaffen, Adele soll verstaatlicht werden. Für Clacton verspricht er, "mindestens ein bezahlbares Haus" zu bauen. Der Populist Farage, der gegen das Establishment wettert und auf einen Skandal mit einem PR-Stunt antwortet, ist in einer nicht ganz einfachen Situation: Er steht im Wahlkampf mit einer sprechenden Mülltonne. Von Forelle, Lachs und Co. keine Ahnung, aber großen Appetit? Hier finden Sie Ihren neuen Lieblingsfisch: Die knusprigste Haut, der beste Geschmack, die wenigsten Gräten: Unser Fisch-Finder zeigt Ihnen, was bei Ihnen unbedingt auf den Teller sollte . Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag. Ihr Mathieu von Rohr, Leiter des SPIEGEL-Auslandsressorts