Eva-Maria Michelmann: Freigelassene Kölnerin spricht erstmals über Zeit in syrischer Haft

Datum09.07.2026 18:29

Quellewww.zeit.de

TLDRDie Publizistin Eva-Maria Michelmann berichtet nach ihrer Freilassung aus syrischer Haft von unmenschlichen Bedingungen und Folter. Sie war seit Januar 2026 in Syrien inhaftiert und wurde im Juni entlassen. Michelmann warnt eindringlich vor Abschiebungen nach Syrien und bezeichnet die dortigen Gefängnisse als "Folterknäste". Sie kritisiert das Vorgehen der deutschen Behörden und fordert die Freilassung ihres verschollenen Kollegen Ahmet Polad sowie aller politischen Gefangenen.

InhaltDie Publizistin Eva-Maria Michelmann wurde monatelang in einem syrischen Gefängnis festgehalten. Nach ihrer Freilassung spricht sie sich gegen Abschiebungen dorthin aus. In ihrer ersten öffentlichen Äußerung seit ihrer Freilassung im Juni hat Eva Maria Michelmann die Haftbedingungen in syrischen Gefängnissen als unmenschlich beschrieben und eindringlich vor Abschiebungen nach Syrien gewarnt. "Bitte glauben Sie nicht, dass das HTS-Regime in Syrien in irgendeiner Weise demokratisch wäre", sagte Michelmann in einem Videostatement, das bei einer Pressekonferenz ihrer Familie und ihrer Anwälte in Köln gezeigt wurde. "Seine Methoden sind nicht einmal menschlich. Folter mit Schlägen und Elektrizität sind in den Gefängnissen dieses Regimes ganz normale Standardverhörmethoden", sagte Michelmann, die am 19. Juni aus einem syrischen Gefängnis entlassen wurde. Die 36-Jährige war am 18. Januar 2026 in Raqqa festgenommen worden, gemeinsam mit ihrem kurdisch-türkischen Kollegen Ahmet Polad. Beide hatten für prokurdische Medien über die Lage in Nordostsyrien berichtet und in einem Jugendzentrum der Demokratischen Selbstverwaltung Nord- und Ostsyrien Schutz vor marodierenden islamistischen Milizen gesucht, als Einheiten der syrischen Übergangsregierung die Stadt übernahmen. Michelmann hatte sich seit 2022 der Region aufgehalten, die auch unter dem kurdischen Namen Rojava bekannt ist, und zuletzt zum Erstarken neuer IS-Zellen recherchiert. "Zivilistinnen werden auf der Flucht erschossen und auf offener Straße hingerichtet", sagte Eva-Maria Michelmann. Syrien sei nicht sicher. "Keiner, die oder der in Deutschland Schutz sucht, darf vermittels Abschiebung gezwungen werden, nach Syrien zurückzukehren", sagte sie. Auch solle niemand in den "Folterknästen des HTS-Regimes" im Stich gelassen werden. In der Pressekonferenz schilderte sie, durch insgesamt sechs verschiedene Haftorte gebracht worden zu sein – von Aleppo über Idlib bis nach Damaskus. Zuerst sei sie in der Kommandozentrale der Inneren Sicherheit in Aleppo festgehalten worden, danach in einem weiteren Gefängnis in Aleppo, in dem Verhöre unter Einsatz von Folter stattfänden. Dann sei sie in ein Frauengefängnis nach Idlib verlegt worden. Dies sei der erste Ort gewesen, an dem sie in Kontakt zu anderen Gefangenen gekommen sei. Viele der Frauen dort seien bereits vor dem Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 jahrelang inhaftiert und gefoltert worden. In einem Gefängnis in Damaskus etwa hätten 15 Frauen, überwiegend Alawitinnen, in einem winzigen Raum mit schimmeligen Wänden auf zwei Matratzen geschlafen, sagte Michelmann. In einem anderen seien mehr als 20 Frauen in einem kleinen gekachelten Raum ohne Matratzen eingepfercht gewesen. Zuletzt habe sie ein Gefängnis mit Müttern, Kleinkindern und Säuglingen geteilt. Angehörige und deutsche Behörden erfuhren zunächst nichts von Michelmanns Festnahme, monatelang galt sie als vermisst. Die syrische Übergangsregierung bestritt zunächst, sie festzuhalten. Erst Zeugenaussagen freigelassener Kämpfer der prokurdischen Einheiten SDF nach einem Gefangenenaustausch im April bestätigten ihren Aufenthaltsort. Am 23. April erhielt eine Vertreterin der deutschen Botschaft erstmals konsularischen Zugang zu Michelmann. Die syrische Regierung räumte die Festnahme offiziell erst Ende April ein – und bezeichnete Michelmann und Polad als "ausländische Kämpfer", eine Darstellung, die ihre Anwälte als Desinformation zurückwiesen. Einen Großteil der Haft habe die Kölnerin in völliger Isolation verbracht. "Ich war alleine in einem fensterlosen Raum eingesperrt", sagte Michelmann. Man habe ihr mitgeteilt, dass niemand nach ihr fragen würde und dass die deutschen Behörden auf Anfragen zu ihrer Person nicht antworteten. "Ich musste monatelang davon ausgehen, dass die Menschen, die mich kennen und lieben, mich für tot halten." Anwalt Roland Meister erhob bei der Pressekonferenz Vorwürfe gegen deutsche Behörden: Der Bundesnachrichtendienst habe offenbar frühzeitig über Michelmanns Aufenthaltsort Bescheid gewusst, ohne die Familie in Kenntnis zu setzen. Die 152 Tage Haft, davon nach Meisters Angaben rund 90 Prozent in Isolation und unter Folter, seien ein völkerrechtlicher Strafbestand, der verfolgt werden müsse. Michelmanns Bruder Antonius Michelmann kritisierte den Umgang der Bundesregierung mit dem Fall. Die Politik betreibe einen "Kuschelkurs" mit dem syrischen Regime, öffentliche Kritik suche man vergeblich. Viele deutsche Politiker hätten sich bis heute nicht öffentlich zur Inhaftierung seiner Schwester geäußert. Ihre Mutter Rotraut Hake-Michelmann dankte allen, die sich für ihre Tochter eingesetzt hatten. Zum Zustand ihrer Tochter sagte sie, es gehe ihr den Umständen entsprechend gut – und fügte hinzu: "Die Reaktionen auf solche Erlebnisse kommen oft verzögert. "Es ist sehr schön zu wissen, dass es Tausende Menschen in Deutschland gibt, die Journalistinnen zur Seite stehen, wenn sie verschleppt und gefoltert werden, weil ihre kritischen Beiträge von einem machthabenden Regime als bedrohlich empfunden werden", sagte Eva.Maria Michelmann. In diesem Sinne wolle sie sich "ganz herzlich bei allen bedanken, die sich in dieser Zeit für meine Freiheit und für das Recht auf kritischen Journalismus stark gemacht haben". In Gedanken sei sie nun jedoch vor allem bei jenen, die noch in Haft seien. Sie forderte die Freilassung ihres Kollegen Ahmet Polad (bürgerlicher Name Mehmet Nizam Aslan), der weiterhin verschwunden ist, sowie aller weiteren politischen Gefangenen in Syrien.