Datum09.07.2026 16:50
Quellewww.zeit.de
TLDRDer Bundestag diskutiert über erweiterte polizeiliche Ermittlungsbefugnisse durch KI, um etwa Terrorismus zu bekämpfen. Kritiker befürchten einen Eingriff in Grundrechte und eine biometrische Massenfahndung, insbesondere bei Nutzung ausländischer Software. Gleichzeitig wird Japans Entscheidung, kein eigenes Hochleistungs-KI-Modell zu entwickeln, diskutiert, wobei offene Modelle als ressourcenschonende Alternative genannt werden. Meta stellte zudem seine neue Bild-KI "Muse Image" vor, die sich jedoch noch nicht als "Superintelligenz" erweist.
InhaltDer Bundestag streitet über neue Ermittlungsbefugnisse der Polizei. Europa benötigt kein eigenes Hochleistungsmodell. Und Meta veröffentlicht Bild-KI. Der KI-Newsletter Sie lesen den KI-Newsletter "Natürlich intelligent" vom 9. Juli 2026. Um den Newsletter jeden Donnerstag per Mail zu erhalten, melden Sie sich hier an. Haben Sie sich diese Woche auch über das grobe Foulspiel der Fifa geärgert? Das Internet jedenfalls ist durchtränkt von KI-generierten Videos, seit die Rotsperre gegen Folarin Balogun zurückgezogen wurde. Eins zeigt den Stürmer, wie er dem Schiedsrichter ein Abbild des US-Präsidenten entgegenhält. Seine Trumpkarte hebele die zuvor verhängte Rote Karte aus, erklärt er darin dem aufgebrachten Schiri. Wenn Sie wegen des WM-Skandals immer noch vor Wut schnauben, können Sie sich zur Entspannung hyperidyllische KI-generierte Bilder der Hochzeit von Taylor Swift und Travis Kelce anschauen, die vergangenen Freitag stattgefunden haben soll. Darauf zu sehen ist Adam Sandler, der das Paar traut, und Selena Gomez mimt Swifts Trauzeugin. Offizielle Fotos gibt es bislang zwar noch nicht von der Hochzeit. Aber an irgendwelchen Illusionen muss man sich in diesen Tagen ja festhalten. Erinnern Sie sich noch, wie vor zwei Jahren die ehemalige RAF-Terroristin Daniela Klette aufgespürt wurde? Mehr als 30 Jahre lang konnte sich Klette vor der Polizei verstecken, bis sie Anfang 2024 in Berlin-Kreuzberg verhaftet wurde. Zuvor hatten einige Journalisten ein Fahndungsfoto Klettes mit der Gesichtserkennungssoftware PimEyes abgeglichen und tatsächlich ein aktuelles Foto von ihr gefunden, das sie in einem Capoeira-Club in Berlin zeigte. 30 Minuten, behauptete damals der kanadische Journalist Michael Colborne, hätte er gebraucht, bis er besagte Spur zu Klette fand. Spätestens seit dieser Blamage für die deutschen Ermittlungsbehörden wird vehement darüber diskutiert, die digitalen Ermittlungsbefugnisse für das Bundeskriminalamt und die Bundespolizei auszuweiten. Befürworter argumentieren, das sei dringend an der Zeit, die Polizeibehörden müssen schließlich mit zeitgemäßen Mitteln fahnden können, um Bürgerinnen und Bürger etwa vor terroristischen Anschlägen schützen zu können. Kritiker, wie die NGO AlgorithmWatch, warnen hingegen vor einer biometrischen Massenfahndung im Internet, die den Abgleich mit öffentlich zugänglichen Fotos oder Stimmen einschließt, und mit der dann eine Art Superdatenbank aufgebaut werden könnte. Ein weiterer heikler Punkt: Für die KI-gestützten Suchen könnte ausländische Software zum Einsatz kommen, etwa von Privatunternehmen wie PimEyes, Clearview AI oder Palantir. Davor warnen beispielsweise die Grünen, die die Anonymität öffentlicher Räume gefährdet sehen. Die Fraktion appellierte in dieser Woche, es benötige ein Vorgehen mit "Augenmaß", also klar geregelte Ausnahmefälle, die in KI-Reallaboren erprobt werden, und das bestenfalls mit einer Eigenentwicklung, statt einer pauschalen Ausweitung der Ermittlungsbefugnisse. Diese Woche wurde im Bundestag erst einmal nur über die geplanten Sicherheitsmaßnahmen beraten. Entschieden ist noch nichts. Jeanne Dillschneider, Obfrau im Digitalausschuss und Mitglied im Verteidigungsausschuss, teilte der ZEIT nach der Bundestagsdebatte am Mittwochabend mit: "Die geplanten Befugnisse ermöglichen tiefe Grundrechtseingriffe und betreffen am Ende nicht nur Personen im Fokus der Sicherheitsbehörden, sondern potenziell jeden von uns." Ist Europa im KI-Wettrennen bereits abgehängt? Daran scheiden sich die KI-Geister. Die einen fürchten, Europa werde den Anschluss verlieren, wenn nicht sehr bald sehr viel mehr Geld und Rechenkapazitäten auf KI geworfen werden. Andere sind da nicht ganz so pessimistisch, selbst wenn sich immer deutlicher abzeichnet, dass man das Rennen um die neuesten KI-Hochleistungsmodelle, sogenannte frontier models, erst einmal verloren hat. Mein Kollege, Jakob von Lindern, hat einen sehr lesenswerten Text darüber geschrieben, warum das nicht nur Schlechtes bedeuten muss. Viele der inzwischen frei verfügbaren offenen Modelle werden immer besser. Der Abstand zu den besten geschlossenen Modellen schmilzt zusehends, argumentiert er. Das kann Europa in vielerlei Hinsicht zugutekommen. Denn einerseits ermöglichen die offenen Modelle perspektivisch eine Unabhängigkeit von den USA: Einmal auf den lokalen Servern abgespeichert, kann niemand sie mehr aus der Ferne zurückziehen, wie zuletzt mit Anthropics Mythos-Modell geschehen. Und anderseits verschlingen sie deutlich weniger Ressourcen wie Strom und Wasser, weil man dafür nicht Rechenzentren megalomanischen Ausmaßes bauen müsste. In unserem Podcast Neustart vergleicht Jakob das mit dem Bild des Fahrradfahrens: Das ist gesund, umweltschonender und ans Ziel kommt man mit dem Velo auch. Passend dazu warnte auch Mistral-Gründer Arthur Mensch kürzlich – sicherlich nicht uneigennützig – davor, auf geschlossene Modelle zu setzen. Mistral entwickelt vor allem Open-Source-Modelle. Dennoch: Ganz ohne Frontier wird es nicht gehen, mahnt Jakob von Lindern. Zumindest beim Thema Cybersicherheit sollte man den Anschluss nicht verpassen. Um mal beim Fußball zu bleiben: Wenn die Abwehr steht, lässt sich ein gutes Spiel auch aus der Defensive heraus bestreiten. Man sollte nur nicht zu viele Torchancen liegen lassen. Der US-Konzern Meta, zu dem unter anderem Instagram, WhatsApp und Facebook gehören, hat in dieser Woche eine neue Bild-KI vorgestellt. Muse Image heißt sie und ist das erste Tool, das aus Metas neuem Superintelligence Labs (MSL) stammt. Genau: Das ist die Sparte von Meta, in die der Konzern einst Milliarden US-Dollar pumpte, um Talente bei der Konkurrenz abzuwerben. Nur um kurz darauf Hunderte Mitarbeiter des Labs zu entlassen. Wenige Wochen danach gab Turing-Award-Preisträger Yann LeCun bekannt, das Unternehmen zu verlassen. Seitdem versucht Meta unter seinem neuen KI-Chef, Alexandr Wang, leistungsstarke KI-Modelle zu entwickeln. Ob sich nun mit Muse Image schon die erhoffte Kehrtwende ankündigt? Ich habe Muse Image einmal in WhatsApp ausprobiert, wo das neue Modell gerade ausgerollt wird, sowie direkt auf der Seite meta.ai. Die KI sollte mir ein Bild des US-Präsidenten Donald Trump generieren, der mit einem Fußball in der Hand in Richtung des gegnerischen Tors stürmt. Wer braucht schon Spielregeln? Auf dem Bild, das mir Muse im ersten Anlauf in WhatsApp auswarf, ist auch ein unverkennbar kämpferischer Trump zu sehen, dem die rote Krawatte beim Sprint über das Spielfeld um den Hals fliegt. Nur hält er keinen Fußball in der Hand, sondern einen US-amerikanischen Football. Zwar gelang der Anlauf im Browser dafür auf Anhieb. So richtig nah an der Superintelligenz fühlt sich das aber noch nicht an.