Datum09.07.2026 10:08
Quellewww.spiegel.de
TLDRStaatliche Coronahilfen haben laut ZEW Studien 140.000 Unternehmen und 280.000 Arbeitsplätze gerettet. Die Maßnahmen waren trotz einiger Fehlanreize wirksam und stabilisierten die Wirtschaft. Für zukünftige Krisen empfiehlt das ZEW zielgenauere Hilfen, ein reformiertes Kurzarbeitergeld mit sinkenden Ersatzraten und die Vermeidung dauerhafter setorale Steuervergünstigungen, wie die Mehrwertsteuersenkung für Restaurants.
InhaltDie Coronapandemie hat die Wirtschaft in eine schwere Krise gestürzt. Einer Studie zufolge wäre der Flurschaden erheblich schwerwiegender ausgefallen, hätte die Regierung nicht so beherzt eingegriffen. Trotz einiger Fehlanreize haben die Wirtschaftshilfen des Bundes während der Coronapandemie einer Studie zufolge Unternehmen und Arbeitsplätze wirksam stabilisiert. 2020 und 2021 seien rund 140.000 Unternehmen vor der Schließung bewahrt worden, sagte Ökonom Friedrich Heinemann vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) am Donnerstag. Etwa 280.000 Arbeitsplätze seien gesichert worden. In seiner Stellungnahme für die Enquete-Kommission "Aufarbeitung der Coronapandemie und Lehren für zukünftige pandemische Ereignisse" des Bundestages empfiehlt Heinemann allerdings für künftige Krisen zielgenauere Hilfen, ein reformiertes Kurzarbeitergeld und den Verzicht auf sektorale Steuervergünstigungen. "Die Gesamtbilanz der deutschen Corona-Wirtschaftshilfen fällt günstig aus", sagte der Leiter des ZEW-Forschungsbereichs "Unternehmensbesteuerung und Öffentliche Finanzwirtschaft". Die Politik habe ihren finanziellen Spielraum schnell und entschlossen genutzt. Damit seien viele grundsätzlich überlebensfähige Unternehmen durch eine außergewöhnliche Krise gebracht worden. "Für künftige Krisen müssen wir allerdings noch stärker darauf achten, dass staatliche Hilfen den notwendigen Strukturwandel nicht dauerhaft behindern", betonte Heinemann. "Krisenpolitik sollte schnell stabilisieren, aber mit zunehmender Dauer auch stärkere Anreize zur Anpassung der Unternehmen setzen." Verbesserungsbedarf sieht Heinemann etwa beim Kurzarbeitergeld. Anders als in anderen europäischen Staaten fehlten in Deutschland weitgehend Mechanismen, die bei länger andauernder Kurzarbeit den Wechsel in zukunftsfähige Beschäftigung förderten. Die im Zeitverlauf steigenden Lohnersatzraten hätten vielmehr Anreize gesetzt, länger in der Kurzarbeit zu verbleiben. Für künftige Krisen empfiehlt Heinemann daher sinkende Ersatzraten sowie eine stärkere Kostenbeteiligung und zusätzliche Auflagen für Unternehmen bei langer Nutzung. Als Beispiel einer besonders schlecht konzipierten Krisenhilfe bewertet Heinemann die zunächst befristete Mehrwertsteuersenkung für Speisen in der Gastronomie. Die Krisenmaßnahme mündete 2026 in eine dauerhafte Steuervergünstigung mit jährlichen Steuerausfällen von knapp vier Milliarden Euro. "Sektorale Steuervergünstigungen können sehr schnell ein politisches Eigenleben entwickeln", sagte Heinemann. "Die Gastronomie-Mehrwertsteuer ist ein Lehrstück dafür, wie aus einer temporären Krisenhilfe eine kostspielige Dauersubvention wird".