Datum09.07.2026 04:00
Quellewww.zeit.de
TLDRZwei Jahre nach einer Landtagsinitiative sind in Thüringen weder ein Verzeichnis spezialisierter Ärzte für ME/CFS und Long Covid noch eine Aufklärungskampagne umgesetzt worden. Das Gesundheitsministerium begründet dies mit notwendigen Vorarbeiten zur Definition von Spezialisten. Linke-Abgeordnete Lena Saniye Güngör kritisiert dies als mangelnde Ernsthaftigkeit und Zynismus, da Betroffene nicht die Kraft für dezentrale Angebote hätten. Dringender Handlungsbedarf wird betont.
InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Linke-Kritik“. Lesen Sie jetzt „Erschöpfungserkrankung: Keine Ärzteliste, keine Kampagne“. Zwei Jahre nach einer Landtagsinitiative zur Verbesserung der Situation von Betroffenen gibt es in Thüringen weiterhin kein Verzeichnis von spezialisierten Ärzten zur Behandlung der Erschöpfungserkrankungen ME/CFS und Long Covid. Das geht aus einer Antwort des Gesundheitsministeriums auf eine Anfrage der Linke-Landtagsabgeordneten Lena Saniye Güngör hervor. "Ein Ärzteverzeichnis besteht derzeit nicht", heißt es in der Antwort. Das gilt auch für eine Kampagne zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit für die besonderen Probleme der Erkrankten. Eine solche Aufklärungskampagne sei "nicht angedacht", teilt das Ministerium in der Antwort mit. ME/CFS steht für Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue Syndrom und ist eine schwere Krankheit, die besonders nach einer Infektion auftreten kann. Das Thema wurde einer breiten Öffentlichkeit vor allem in der Corona-Pandemie bekannt. Vier Wochen nach einer Corona-Infektion weiterbestehende oder neu auftretende schwere Beschwerden wie Erschöpfung und Atemnot werden Long Covid genannt. Ab einem Zeitraum von zwölf Wochen lautet der Begriff für die Spätfolgen Post Covid. Beiden Krankheitsbildern ist gemein, das Betroffene unter ungewöhnlich großer Erschöpfung leiden und kaum noch in der Lage sind, ihr Leben zu organisieren oder zu bewältigen. Immer wieder berichten Betroffene zum Beispiel, dass sie schon nach einem kurzen Gang in den Supermarkt so erschöpft sind, dass sie danach stundenlang auf dem Sofa oder im Bett liegen müssen, um sich zu erholen. Der Landtag hatte im März 2024 einen umfangreichen Antrag verabschiedet, mit dem die Abgeordneten von der Landesregierung die Umsetzung einer ganzen Reihe von Maßnahmen gefordert hatten. Diese sollen dazu beitragen, "das stille Leiden" von an ME/CFS und Long Covid erkrankten Menschen zu beenden. Der von der damals noch im Landtag vertretenen FDP eingebrachte Antrag war mit großer Mehrheit verabschiedet worden. Er fiel in die Endphase der rot-rot-grünen Landesregierung mit einem Linke-geführten Gesundheitsministerium. In seiner Antwort teilt das nunmehr SPD-geführte Ministerium mit, es seien noch diverse Vorarbeiten nötig, um eine Übersicht über spezialisierte Ärzte überhaupt aufbauen zu können. Beispielsweise müsse zunächst standardisiert festgelegt werden, welche Ärzte als entsprechende Spezialisten gelten würden. Die Akademie der Landesärztekammer Thüringen befasse sich mit diesem Thema. "Daran anschließend könnte ein entsprechendes Netzwerk von spezialisierten Ärzten etabliert und ein Ärzteverzeichnis eingerichtet werden." Güngör zeigte sich entsetzt über den Stand der Umsetzung. "Ich hätte unterstellt, dass wir weiter sind." Die Ministeriumsantwort zeige, dass die CDU/BSW/SPD-Landesregierung die entsprechenden Krankheitsbilder nicht ernst nehme und offenkundig auch nicht verstehe. Dass es in der Antwort zum Beispiel auch heiße, es sei keine zentrale Anlauf- und Beratungsstelle für ME/CFS- und Long-Covid-Kranke geplant, sondern auf verschiedene bestehende Angebote verwiesen werde, "ist geradezu zynisch", sagte Güngör. Die Betroffenen hätten ja gerade nicht die Kraft, von einem Arzt zum nächsten oder einem Beratungsangebot zum nächsten zu gehen, sagte sie. Es müssten so schnell wie möglich mindestens das damals vom Landtag geforderte Ärzteverzeichnis und die Aufklärungskampagne umgesetzt werden, verlangte Güngör. Es sei offenkundig, dass der damals vom Landtag zum Ausdruck gebrachte Willen bis heute nicht erfüllt sei. Wie viele Menschen in Thüringen an ME/CFS und Long Covid leiden, lässt sich nur schätzen. Das liegt auch daran, dass die Diagnosen von Ärzten teils oft erst sehr spät oder gar nicht gestellt werden. Zudem werden Betroffene manchmal stigmatisiert: Ihre Symptome werden als Ausreden missverstanden, um etwa lange krankgeschrieben zu werden. In der Antwort an Güngör verweist die Landesregierung für ME/CFS auf Zahlen, nach denen alleine 2025 fast 10.000 Patienten in Thüringen wegen dieser Krankheit ambulant in medizinischer Betreuung waren. Im Jahr 2024 waren es demnach etwa 9.000 Menschen. Stationär wurden 2024 etwa 1.400 und 2025 etwa 700 Menschen wegen dieses Krankheitsbildes im Freistaat behandelt. © dpa-infocom, dpa:260709-930-356205/1