»Nur eine Frage«: Haben wir einen freien Willen, John-Dylan Haynes?

Datum08.07.2026 15:33

Quellewww.zeit.de

TLDRDie Hirnforschung zeigt, dass Entscheidungen im Gehirn bis zu zehn Sekunden vor der bewussten Wahrnehmung vorbereitet werden. John-Dylan Haynes' Forschung deutet darauf hin, dass diese unbewussten Prozesse die Entscheidung zwar stark prägen, aber kein vollständiger Determinismus vorliegt. Das Bewusstsein kann später noch eingreifen und Entscheidungen abbrechen, was die Idee eines unaufhaltsamen Ablaufs widerlegt. Vorhersagbarkeit von Entscheidungen bedeutet nicht Schicksalsbestimmung, sondern spiegelt die Stabilität von Präferenzen wider. Freier Wille wird eher in der Fähigkeit gesehen, eigene Wünsche zweiter Ordnung zu verfolgen und spontane Impulse zu steuern.

InhaltSekunden, bevor wir eine Entscheidung treffen, können Forscher diese mit 70-prozentiger Treffsicherheit vorhersagen. Wer hat in unserem Kopf wirklich das Sagen? John-Dylan Haynes ist Psychologe, Neurowissenschaftler und Professor an der Charité in Berlin. Mit seinen Experimenten im Kernspintomografen hat er weltweit für Aufsehen gesorgt: Er konnte zeigen, dass Entscheidungen im Gehirn vorbereitet werden, bevor wir sie bewusst treffen – mitunter bis zu zehn Sekunden vorher. Seine Studie "Unconscious Determinants of Free Decisions in the Human Brain", veröffentlicht in Nature Neuroscience, hat die Debatte über den freien Willen weitergeführt. Später hat er die berühmten Libet-Experimente aus den 80er-Jahren, auf denen die ganze Diskussion um den freien Willen basierte, im Kern entkräftet. Heute sieht er die Sache differenzierter als viele seiner Kollegen – und besteht darauf, dass Vorhersage nicht dasselbe ist wie Vorherbestimmung. Dieses Interview basiert auf einem Gespräch für den ZEIT-Podcast "Nur eine Frage". Die Auszüge wurden gekürzt, redigiert und teilweise umgestellt, um die Lesbarkeit zu verbessern. Alle Folgen sind auf www.zeit.de/n1f zu finden. Dort können Sie auch den N1F-Newsletter abonnieren. Fragen, Kritik, Anregungen? Schreiben Sie eine Mail an n1f@zeit.de. Redaktion: Jens LubbadehVisuelle Produktion: Michael Pfister DIE ZEIT: Herr Haynes: Haben wir einen freien Willen? John-Dylan Haynes: Wenn Sie 100 Menschen auf der Straße fragen würden, bekämen Sie 100 verschiedene Antworten. Wenn Sie Philosophen fragen: das Gleiche. Und bei Hirnforschern auch. Warum? Niemand weiß eigentlich genau, was man sich darunter vorstellen soll. Leute, die sagen: Es gibt einen freien Willen, sind immer sehr beliebt. Die, die sagen: Es gibt keinen, sind sehr unbeliebt. Was bedeutet aber freier Wille? Da ist zum einen die äußere Freiheit: dass ich etwa nicht im Gefängnis sitze, dass ich meine Wünsche in der Welt umsetzen kann. ZEIT: Das ist doch eher die Freiheit, meinen Willen umzusetzen. Haynes: Genau. Das wollte ich nur ausschließen. Das meinen wir meistens nicht, wenn wir von Willensfreiheit reden. Es geht eher um die Freiheit, eigene Entscheidungen treffen zu können. Dann bleiben zwei große Themen. Erstens: Sind unsere Gedanken frei von den Hirnvorgängen? Zweitens: Selbst wenn unsere Denkprozesse durch das Gehirn realisiert werden, können sie trotzdem noch in irgendeinem sinnvollen Sinne frei sein? Fangen wir mit der ersten Frage an. Die moderne Hirnforschung hat gezeigt: Unsere gesamten Denkvorgänge werden durch das Gehirn realisiert. Jeder Gedanke, jede Entscheidung – möchte ich Tee oder Kaffee? – spielt sich im Medium des Gehirns ab, in unseren Nervenzellen, und ist dadurch durch die Naturgesetze mitbestimmt. Im Gehirn wirken die biologischen Prozesse nach den Naturgesetzen, und wir können uns mit unseren Entscheidungen nicht darüber hinwegsetzen. Dieser Aspekt der Willensfreiheit betrifft die Frage: Ist es möglich, sich bei seinen Entscheidungen über die Gesetzmäßigkeit der Hirnprozesse hinwegzusetzen? ZEIT: Das heißt, am Entscheidungspunkt steht der Ausgang bereits fest? Haynes: Die entscheidende Frage ist: Könnte die Entscheidung anders gewesen sein? Und die Antwort ist: wahrscheinlich nein. Wir kommen an einen Entscheidungspunkt, wir überlegen, wollen wir Kaffee oder Tee trinken, wollen wir eine Straftat begehen oder nicht. Und an diesem Punkt, wo wir subjektiv das Gefühl haben, es könnte noch so oder so ausgehen – steht der Ausgang eigentlich schon fest. Das ist die Vorstellung des sogenannten Determinismus. Ich bin auch dieser Meinung, halte es aber eher für eine Leithypothese. Ich wäre aber der Letzte, der sagen würde, dass das schon völlig bewiesen ist. Aber die Vorstellung ist dominant in der modernen Neurowissenschaft. ZEIT: Woher weiß man das? Haynes: Historisch geht das zurück auf Benjamin Libet, einen amerikanischen Neurophysiologen, der in den frühen Achtzigerjahren ein berühmtes Experiment machte: Er bat Menschen, einfache Entscheidungen zu fällen – etwa die Hand anzuwinkeln, wenn sie den Impuls dazu verspürten. Gleichzeitig maß er mit einem sich bewegenden Punkt auf einem Bildschirm, wann die Menschen das Gefühl hatten, sich zu entscheiden, und mithilfe von Hirnmessungen maß er, was im Vorlauf zur Entscheidung im Gehirn passierte. Was Libet fand, war: Während ich noch das Gefühl habe, dass meine Entscheidung offen ist, hat mein Gehirn bereits begonnen, diese Entscheidung unbewusst vorzubereiten. Libet war zu seiner Zeit einer der absoluten Stars des Fachgebiets. Sein Experiment hat eine Debatte losgetreten, die fast 50 Jahre lang viele beschäftigt hat. ZEIT: Wie erschütternd ist das? Haynes: Für Naturwissenschaftler ist es eigentlich nicht besonders rätselhaft. Wenn man glaubt, dass unsere Gehirnprozesse unsere Gedanken realisieren und das Gehirn naturwissenschaftlichen Prinzipien folgt, dann gibt es eben Hirnbedingungen für die Entscheidungen, die sich in der Zeit entwickeln. Hirnvorgänge laufen ab wie eine Kaskade von Dominosteinen – irgendwo zwischendrin entscheide ich mich, und davor ist im Kausalgeschehen des Gehirns etwas passiert. Aber viele Forscher damals, Benjamin Libet inklusive, waren Dualisten. Sie glaubten an eine fundamentale Trennung zwischen Geist und Gehirn, dass die Seele unabhängig von der Materie existiert. ZEIT: Das ist ja fast eine religiöse Sicht. Oder zumindest eine transzendente. Haynes: Man kann diesen Dualismus bis in die Antike zurückverfolgen – Sokrates glaubte, dass sich nach dem Tod die Seele vom Körper ablöst. Aus der Steinzeit finden sich Gräber mit Löchern, die als "Seelenauge" interpretiert werden, durch das die Seele des Verstorbenen ins Jenseits gehen konnte. Noch bis in die 1980er-Jahre haben viele renommierte Forscher, etwa der Nobelpreisträger Sir John Eccles, an eine prinzipielle Trennung von Seelen- und Gehirnwelt geglaubt. ZEIT: Kommen wir zu Ihren eigenen Experimenten. Sie haben Libets Ansatz weiterentwickelt. Haynes: Ja. Wir haben Experimente gemacht, bei denen Menschen sich entscheiden mussten – zum Beispiel die linke oder rechte Taste zu drücken, zwei Knöpfe, einer für die linke, einer für die rechte Hand. Und wir konnten aus der Hirnaktivität sieben bis zehn Sekunden vorher erkennen, wie sich jemand gleich entscheiden würde, noch bevor die Person selbst das Gefühl hatte, eine Entscheidung zu treffen. ZEIT: Zehn Sekunden! Und mit welcher Genauigkeit konnten Sie die Entscheidung voraussagen? Haynes: Mit 60 bis 70 Prozent. Also ein bisschen besser als ein Münzwurf, aber statistisch eindeutig. Die Frage, warum die Vorhersage so schwach ist, ist aber für die Forschung sehr spannend. Die Auflösung unserer Messmethoden ist ja stark begrenzt. Wir sehen nicht, was jede einzelne Nervenzelle macht. Es gibt also zwei Möglichkeiten: Entweder das Gehirn hat sieben Sekunden vorher alles komplett festgelegt, wie auf einer Eisenbahnschiene, völlig determiniert. Oder es ist eher eine Tendenz, eine Beeinflussung, aber man hat noch die Möglichkeit, sich umzuentscheiden. ZEIT: Und welche Variante stimmt? Haynes: Wir haben später gezeigt – das war experimentell extrem aufwendig –, dass wir diese aufkeimende unbewusste Entscheidung im Gehirn erkennen und die Person dazu bringen konnten, ihre Wahl zu verändern. Damit wurden diese ganzen Experimente, die in der Libet-Tradition stehen, wie auch übrigens unsere eigenen, eigentlich obsolet. Die Idee war: Wir spüren die unbewusste Vorentscheidung auf, spiegeln sie einer Person zurück, und bitten sie dann, sich noch einmal umzuentscheiden. Wir mussten dafür mit der Elektroenzephalografie arbeiten, also EEG-Verfahren, die die Hirnaktivität viel schneller messen, und KI-Verfahren nutzen, um das in Echtzeit auszuwerten. Und die Personen waren wunderbar dazu in der Lage, ihre Entscheidung noch abzubrechen. Das heißt: Die Vorstellung, dass Entscheidungsprozesse wie eine Dominokette ablaufen – es geht unbewusst los und läuft unaufhaltsam und unabwendbar durch –, die ist falsch. Das Bewusstsein kann später noch dazukommen, einen Dominostein herausnehmen und die ganze Kaskade abbrechen. ZEIT: Sie haben die Libet-Experimente also widerlegt? Haynes: Ja, zumindest in einem Aspekt. Mir ist klar geworden: Diese Entscheidungsvorhersagen, die diesen Experimenten zugrunde lagen, sind eigentlich gar nicht geeignet, um Determinismus zu zeigen. Dieses ganze Gebiet hat sich in Schall und Rauch aufgelöst. Ein Beispiel: Wenn ich abends ins Bett gehe, mache ich das Licht an und lese ein Buch. Eine Viertelstunde später schlafe ich. Man könnte vorhersagen: Wenn das Licht an ist, schläft er eine Viertelstunde später. Aber das zeigt nicht, dass es deterministisch ist. Ich kann mich auch einfach ins Bett legen und schlafen, ohne das Licht anzumachen. Oder ich kann im Bett lesen und dann wieder aufstehen. Vorhersage ist etwas prinzipiell anderes als Vorherbestimmung. Dass wir Entscheidungen langfristig vorhersagen können, ist auch nichts Ungewöhnliches. Wenn ich Sie fragen würde, ob Sie Kaffee oder Tee möchten, könnte man das wahrscheinlich auch eine Woche, einen Monat, ein Jahr zuvor vorhersagen. Dinge in unserem Gehirn sind eben stabil und vorhersagbar. Das heißt aber nicht, dass Sie sich nicht umentscheiden und Tee statt Kaffee nehmen können. Manchmal können uns sogar unsere engsten Freunde besser vorhersagen, wie wir uns entscheiden, als wir selbst. ZEIT: Aber es bleibt doch erschütternd, dass das Gehirn meine Entscheidung vorbereitet, bevor ich davon weiß! Haynes: Das ist erschütternd genug, aber bei genauem Hinsehen nicht so rätselhaft. Unsere Entscheidungen werden durch unbewusste Hirnprozesse vorgebahnt. Wenn das Bewusstsein dazukommt, ist ein Großteil der Entscheidung bereits stark vorgeprägt – aber nicht völlig festgelegt. Das Bewusstsein funktioniert dabei eher wie ein Torwächter. Es kann ein Veto einlegen und die unbewusst angebahnten Impulse wieder abbrechen: Dieser Handlungsimpuls kann jetzt nicht hier durch, diese Sache machen wir nicht. Sie haben einen Kuchen im Schaufenster einer Bäckerei gesehen, spüren den Impuls, ihn zu kaufen – und dann kommt das Bewusstsein und sagt: Nein, das mache ich jetzt nicht, ich bin auf Diät! Die Handlungskontrolle greift, und ich habe die Möglichkeit, die Entscheidung in einem größeren Kontext infrage zu stellen. ZEIT: Das Gehirn ist eine Maschine, die Naturgesetzen gehorcht. Hätte ich einen Laplaceschen Dämon, der jedes Atom mit seinem Impuls kennt – könnte ich dann für immer vorherberechnen, was Sie denken und tun werden? Haynes: Das ist die Frage nach der Schicksalshaftigkeit. Wenn man vor zehn Jahren die Welt angehalten und komplett vermessen hätte – könnte man dann die Welt perfekt vorhersagen? Die meisten Physiker sagen: Nein, und zwar prinzipiell nicht, weil auf der Quantenebene ein Rest von Unbestimmtheit enthalten ist. Aber nehmen wir an, man könnte es: Dann wäre durch den Zustand meines Gehirns und der restlichen Welt vor zehn Jahren mein jetziger Zustand festgelegt. Was ich jetzt entscheide, wäre in der Architektur meines Gehirns, die sich über die Jahre entwickelt hat, einfach angelegt. Diese Schwierigkeit fängt aber nicht das ein, was die meisten Menschen unter Willensfreiheit verstehen. Es gibt nämlich eine andere Sichtweise: Dass es bei der Willensfreiheit gar nicht so sehr darum geht, ob ich mich gegen meine Hirnprozesse stemmen kann. Denn sie bereiten ja in der Regel eine Entscheidung vor, die sich aus meinen Wünschen und Präferenzen und Argumenten heraus entwickelt. Salopp formuliert bin ich ja dieses Gehirn. Und in ihm sind ja meine Glaubenssysteme, Überzeugungen und Präferenzen verankert. ZEIT: Ist der Quantenzufall dann nicht das Fundament des freien Willens? Haynes: Das wurde immer wieder mal diskutiert, aber die meisten Forscher und Philosophen sind sich einig, dass dieser Ausweg keiner ist. Denn Zufall bedeutet nur Beliebigkeit. Ich würde doch nicht sagen, dass jemand einen freien Willen hat, bloß weil er auf der Straße erratisches Verhalten an den Tag legt und zufällig irgendwohin rennt. Freier Wille zeigt sich, wenn jemand einen Vertrag unterschreibt und dabei nicht von außen manipuliert wurde – wenn die Person ihre eigenen Wünsche und Überzeugungen umsetzt. Der Zufall hilft da überhaupt nicht. ZEIT: Schopenhauer wird die Aussage zugeschrieben: Der Mensch kann tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will. Stimmt das? Haynes: Das ist eine total wichtige Frage. Es macht eine wichtige Zweistufigkeit aus. Auf der einen Seite: Ich habe einen Wunsch und möchte etwas in der Welt umsetzen. Auf der anderen Seite gibt es Wünsche, die sich auf andere Wünsche richten – sogenannte Wünsche zweiter Ordnung. Ein Beispiel: Nehmen wir an, ich wäre Kettenraucher. Mein Wunsch erster Stufe: Ich möchte jetzt eine Zigarette rauchen. Gleichzeitig habe ich einen Wunsch zweiter Ordnung: Ich möchte diesen Drang ablegen. Die meisten Entscheidungen hängen von einem komplexen Wechselspiel vielfältiger Wünsche und Handlungsimpulse ab, die in Einklang gebracht werden müssen. Es ist eine Art Equilibrium, eine Balance, die man bei jeder Entscheidung finden muss. Und diese Wünsche zweiter Ordnung sind enorm wichtig, weil wir uns dadurch steuern. Dadurch sorgen wir dafür, dass wir unseren Wünschen nicht hilflos ausgeliefert sind. Im Grunde besteht die gesamte Zivilisation und Kultur aus Wünschen zweiter Ordnung. Dass wir sagen: Wir wollen nicht unseren spontanen Impulsen nachgeben. Wir wollen nicht gewalttätig werden, wenn uns jemand schief anguckt.