Datum07.07.2026 17:34
Quellewww.zeit.de
TLDRDer WM-Abend
InhaltDer Schweizer Trainer braucht gute Ärzte. Oder greift er selbst in die Kräuterkiste? Und: ein Feiertag für Freunde der Gruppendynamik. Alles Wichtige zum WM-Abend Ägypten gegen Argentinien (18 Uhr, ARD / MagentaTV). Hobbysoziologinnen hier? Dieses Spiel spricht alle an, die sich mit Gruppendynamiken beschäftigen. Argentiniens Trainer Lionel Scaloni hat es geschafft, zehn Spielern zu erklären, dass sie für den elften – Lionel Messi – mitlaufen müssen. Der schießt ihnen dafür die Tore. Das klingt trivial, doch wer nur ein bisschen Mannschaftserfahrung hat, weiß, welch große Trainerleistung dahintersteckt. Und das, nachdem sie den großen Titel vor vier Jahren schon geholt haben. Klar haben sie Messi, sagte Scalonis ägyptischer Gegenüber Hossam Hassan, "aber wir respektieren alle Spieler". Er kennt Scalonis Situation nur zu gut. Auch er hat um einen Star, Mo Salah, ein konkurrenzfähiges Team gebaut, das den favorisierten Argentiniern vor allem mit seinen Kontern gefährlich werden kann. Dass er ohnehin auf Vorabzuschreibungen pfeift, zeigte er nach dem Sieg gegen Australien: Trotz Fifa-Verbot jubelte Hassan mit der Palästinaflagge und widmete allen Palästinensern den Einzug ins Achtelfinale. Der Schweizer Arzt. Nicht der, an Sie jetzt vielleicht denken: Paracelsus war schließlich mehr so der Typ Naturheilkunde, bei dem auch Magie und Astronomie eine Rolle spielten. Er glaubte etwa bei Problemen mit der männlichen Sexualität an die Wirkung von Orchideenknollen, weil sie einem Hoden nicht unähnlich sehen. Oder sind solche Kniffe das Einzige, was den Schweizern jetzt noch helfen kann? Für das Achtelfinale gegen Kolumbien ist der Einsatz von gleich fünf Spielern fraglich. Sicher ausfallen wird Johan Manzambi, einer der auffälligsten Spieler des Turniers. Auch Michel Aebischer, Luca Jaquez, Djibril Sow und Rubén Vargas sind angeschlagen. Trainer Murat Yakin gab sich auf der abschließenden Pressekonferenz in Personalfragen so auskunftsfreudig wie ein Norddeutscher beim Angeln. Vielleicht ist das aber auch ein Trick, um dem Gegner die Vorbereitung zu erschweren und die Heilung seiner Spieler zu beschleunigen. Dann wäre Yakin ein würdiger Nachfolger von Paracelsus. Mohamed Hany. Suchen wir nicht alle nach Halt, Konstanz und Bindung? Der ägyptische Rechtsverteidiger ist das, was man eine treue Seele nennt. Seit er Fußball spielen kann, also seit 2014, läuft er für Al Ahly auf, den bedeutendsten ägyptischen Klub. Er hat von der ägyptischen Meisterschaft bis zur afrikanischen Champions League alles für seinen Verein gewonnen. Doch zu Hause müssen sie sich etwas Neues überlegen, um seinen schönen neuen Rekord angemessen zu würdigen. Noch nie wurden bei einer WM so viele Eigentore erzielt wie bei dieser (13 bisher), und zwei davon kamen von Hany. Er ist damit erst der zweite Spieler, der bei einer Weltmeisterschaft zweimal ins eigene Tor traf. Vor ihm gelang dieses Kunststück nur dem Bulgaren Iwan Wuzow. Das war 1966. Wuzow wurde später Bulgariens Nationaltrainer und Vize-Präsident seines Verbands. Hany hat also noch die Chance, den Rekord ganz allein für sich zu haben. Und muss sich für seine Post-Spieler-Karriere wohl (siehe Wuzow) keine Sorgen machen. Sie trauern mit den Gastgebern. Unser Reporter Christian Spiller erlebte bei Mexiko gegen England eines der aufregendsten Spiele seiner Reporterkarriere. Aber wie das im Leben so ist, kommt nach einem Hoch eben meistens doch erst mal ein Tief: Am Tag danach hingen Wolken über Mexiko-Stadt. Am Himmel und in den Köpfen. Das WM-Aus gegen England wirkt nach. Sichtbar. 24 Stunden zuvor trug noch die ganze Stadt das dunkelgrüne Trikot der El Tri, jetzt sind es nur noch ein paar Trotzige. An den Kiosken die Schlagzeilen voller Tränen: "Es blieb ein Traum" und "Sie weinen bitterlich" und "Sie haben alles gegeben". Die Fanzone auf dem mächtigen Zócalo, dem großen Platz im Herzen der Stadt, ist nur spärlich besucht. Kommt es einem nur so vor, oder lacht heute kaum jemand auf der Straße? Stimmt schon, sagt Ramon an der Tacobude: "Mexiko ist traurig." Und selbst die Tacos al Pastor haben etwas trister geschmeckt. Ich habe einfach noch eine zweite Runde bestellt. Dann ging's.