Datum06.07.2026 17:48
Quellewww.spiegel.de
TLDRDer Bundestag steht vor einer Entscheidung über die bayerische Zulaufstrecke zum Brennerbasistunnel, einem wichtigen alpenquerenden Bahnprojekt. Die Deutsche Bahn plant einen Milliarden-Finanzpuffer von fast 7,6 Milliarden Euro für die rund 8,6 Milliarden Euro teure, weitgehend unterirdische Neubaustrecke. Bürgerinitiativen lehnen das Projekt ab und bevorzugen eine Modernisierung der Bestandsstrecke. Die neue Strecke soll Kapazitäten für den Güterverkehr schaffen und die Fahrzeiten verkürzen. Die EU könnte das Projekt mitfinanzieren.
InhaltÖsterreich und Italien bauen ein Mega-Bahnprojekt durch die Alpen, auf deutscher Seite fehlt noch die Anbindung. Dafür legt die Deutsche Bahn weitere Milliarden Euro zurück. Bald soll der Bundestag entscheiden. Der Brennerbasistunnel und die dazugehörigen Zuleitungsstrecken in Bayern, Tirol und Italien sollen die über 150 Jahre alte, kurvige Bimmelbahnstrecke über die Alpen ersetzen und die Fahrzeit von München nach Verona um etwa zwei auf dreieinhalb Stunden verkürzen. So der Plan. Seit 2015 wird auch tief im Gebirge gegraben und gebohrt, 2032 soll der 55 Kilometer lange Brennerbasistunnel tief unter dem zentralen Alpenpass in Betrieb gehen. Die Planung der Zuleitungsstrecken in Österreich und Italien ist weit fortgeschritten, einzelne Abschnitte sind bereits fertig oder im Bau. Einzig auf deutscher Seite gibt es bislang nicht einmal eine festgelegte Trasse – diese Entscheidung steht nun im Bundestag an. "Wir haben alle Voraussetzungen geschaffen, um den nächsten großen Schritt, den parlamentarischen Prozess durchzuführen", sagte Projektleiter Matthias Neumaier. Eigentlich hätte sich der Bundestag bereits vor über einem Jahr mit der Trasse befassen sollen, dann kam die Neuwahl dazwischen. Diese neuerliche Verzögerung kann aber nach Angaben der Deutschen Bahn kompensiert werden, sodass die Zulaufstrecke Anfang der Vierzigerjahre in Betrieb gehen könnte. Die von der Bahn bevorzugte Trasse wäre 54 Kilometer lang und würde von Grafing bei München bis zur österreichischen Grenze im Inntal verlaufen, in einem Bogen nordöstlich um Rosenheim herum. Der Großteil der Strecke soll unterirdisch liegen. Das Zögern hat jedoch einen Preis: Das Neubauprojekt der Deutschen Bahn soll knapp neun Milliarden Euro kosten – im ungünstigen Fall könnte es auch erheblich mehr werden. Die Bahn geht für Planung und Bau der bayerischen Zuleitungsstrecke zum Brennerbasistunnel von München zur österreichischen Grenze mittlerweile von Planungs- und Baukosten in Höhe von 8,57 Milliarden Euro aus, wie die Projektleitung berichtete. Hinzu kommt als Vorsorge für den Ausgleich von Inflation und sonstigen Risiken ein Puffer von addiert knapp 7,6 Milliarden Euro. Bahn- und andere Großprojekte werden erfahrungsgemäß teurer als geplant, doch die bundeseigene Bahn geht davon aus, dass der immense Puffer für den Brenner-Nordzulauf nicht in voller Höhe gebraucht werden wird. So hat das Unternehmen die mögliche Inflationsrate demnach mit bis zu zehn Prozent sehr hoch angesetzt. "Unser Ziel ist es natürlich nicht, diese Kosten wirklich auszugeben, sondern mit einem professionellen und intensiven Risikomanagement diese Vorsorgespanne nicht ausnutzen zu müssen", sagte Neumaier, der Leiter des Projekts bei der Bahn-Infrastrukturgesellschaft DB InfraGo. Deutschland müsste die Kosten voraussichtlich nicht allein tragen: Da die Alpenquerung samt Brenner-Nordzulauf Teil des sogenannten Scan-Med-Korridors von Skandinavien nach Italien ist, würde der Bau voraussichtlich von der EU gefördert. Zuletzt hatte die DB im Jahr 2021 die möglichen Kosten auf knapp acht Milliarden Euro geschätzt, in der Zwischenzeit sind jedoch die Baukosten generell stark gestiegen, nicht nur bei der Bahn. Das Projekt geht demnächst in die entscheidende Phase. Das Bundesverkehrsministerium will die DB-Planungsunterlagen der DB für die Trasse samt dazugehörigem ministeriellem Bericht und einer Einschätzung des Eisenbahn-Bundesamts alsbald an den Bundestag übermitteln, wie ein Sprecher von Ressortchef Patrick Schnieder (CDU) in Berlin sagte. Die erwarteten hohen Kosten erklären sich zu einem beträchtlichen Teil dadurch, dass die DB in einem mehr als zehnjährigen Dialogprozess versucht hat, die Bedenken und Widerstände in den Gemeinden entlang der Strecke zu entkräften. Deswegen sind nun 39 Kilometer Tunnel geplant, die erheblich teurer sind als die gewöhnliche oberirdische Streckenführung. Die grundsätzliche Ablehnung der unter dem Dach des "Brennerdialogs" zusammengeschlossenen Bürgerinitiativen konnte die Bahn dennoch nicht überwinden. Ein Streitpunkt ist die Querung des Inn geblieben. Die Bahn will nördlich von Rosenheim eine Brücke über den Fluss bauen, die Bürgerinitiativen fordern eine Untertunnelung, die laut DB weitere drei Milliarden Euro kosten würde. Ursache der Verzögerungen in den vergangenen Jahrzehnten war im Wesentlichen die bayerische Politik, da es gegen den Neubau einer Bahnstrecke im Inntal heftigen Widerstand von Bürgerinitiativen gibt. Die Neubaugegner fordern stattdessen die Modernisierung der 1858 eröffneten Trasse aus königlich bayerischen Zeiten. Nach Angaben der Bahn ist die geplante Beschleunigung des Bahnverkehrs jedoch mit einem Ausbau der bisherigen Strecke nicht möglich – ganz abgesehen davon, dass die DB dann mit vermehrtem Widerstand der Anwohner der bisherigen Strecke rechnet. Der Brennerbasistunnel soll vor allem helfen, Güterverkehr von der Straße zu holen. Besonders die Gemeinden entlang der Brennerautobahn in Tirol klagen seit Jahrzehnten über die Verkehrsbelastung. Die Behörden in Österreich versuchen, die Lkw-Schlangen mit Mitteln wie Blockabfertigung und Abfahrverboten bei Stau zu begrenzen – und geraten darüber immer wieder in Streit mit den deutschen Nachbarn. Ende Mai wurde die Autobahn erstmals wegen einer Demonstration gesperrt.