Datum06.07.2026 05:53
Quellewww.zeit.de
TLDRAngesichts eines drohenden Zehntausende Lehrer umfassenden Mangels kritisiert Professor Klaus Zierer die schlechter werdende Lehrerausbildung. Insbesondere die Schulpädagogik, die traditionell Schlüsseldisziplin für die Praxisrelevanz war, verliere an Boden. Berufungen auf Schulpädagogik-Lehrstühle erfolgen zunehmend ohne die erforderliche Lehrerfahrung, was die Authentizität der Ausbildung mindert und Studierende von der schulischen Realität entfremdet.
InhaltBald fehlen Zehntausende Lehrer, doch die Ausbildung wird immer schlechter. Es braucht mehr Praxis auf den Lehrstühlen, findet Klaus Zierer. Klaus Zierer ist Professor für Schulpädagogik an der Universität Augsburg. Deutschland steuert auf einen historischen Lehrermangel zu. Schon heute verlassen viele vorzeitig den Beruf, Prognosen gehen von Zehntausenden fehlenden Lehrern in den nächsten Jahren aus. Das ist fatal. Denn wer soll die fortschreitende Bildungsmisere aufhalten, wenn nicht hoch qualifizierte Fachkräfte? In dieser Situation wäre eine starke Lehrerausbildung entscheidend, die den Nachwuchs an die Hochschulen bindet – und nicht, wie derzeit an den vielen Studienabbrechern sichtbar wird, aus den Augen verliert. Aber ausgerechnet in der Lehrerausbildung vollzieht sich eine bemerkenswerte Entwicklung, deren Folgen wir schon heute sehen: Eine Erosion der Schulpädagogik. Dass sich Fachbereiche verändern und einige auch verschwinden, ist Ausdruck einer lebendigen Wissenschaft. Aber manche Veränderungen sind problematisch. In der Lehrerausbildung ist das so. Schulpädagogik galt über Jahrzehnte hinweg als die Schlüsseldisziplin der Lehrerausbildung. Sie umspannt im Wesentlichen die Theorie der Schule, des Lehrplans und des Unterrichts. Sie behandelt Themen, die von den gesellschaftlichen Funktionen der Schule über den Bildungs- und Erziehungsauftrag bis hin zur Elternarbeit und der Planung einer Unterrichtsstunde reichen. Diese Breite kann keine andere Disziplin abdecken und methodisch reflektieren. Sinnvollerweise war ein Lehramtsstudium daher Voraussetzung für die Berufung auf eine Schulpädagogikprofessur, dazu lange Zeit drei Jahre Unterrichtserfahrung. Davon hat man sich heute verabschiedet. Bei einer Berufung dominieren andere Qualitätskriterien. Nicht die Expertise in der Breite des Faches bestimmt, wer eine Professur bekommt, sondern die Reputation anhand einseitiger Wissenschaftsindikatoren. In vergangenen Ausschreibungen fand sich häufig der Hinweis, dass fehlende Schulerfahrung mit besonderen Forschungsleistungen kompensiert oder inhaltliche Breite auch in internationalen Publikationen nachgewiesen werden könne. Das ist absurd! Das Ergebnis lässt sich gerade in Bayern beobachten. Dort sind an vier zentralen Standorten keine Pädagogen auf Schulpädagogiklehrstühlen, sondern Psychologen. An weiteren vier Orten sind es zwar Pädagogen, aber ohne Schulerfahrung. Nur an zwei Orten gibt es noch Schulpädagogen, die auch einmal an Schulen unterrichtet haben. Vor 20 Jahren sah das noch ganz anders aus, da lehrten nur habilitierte Lehrer mit Schulerfahrung. Der Kontakt zur Schule ist für die Lehrerausbildung entscheidend. Wer nie die Mühen des Referendariats durchlief, nie vor einer Klasse stand, nie Elterngespräche führte, nie die Feinheiten des Schulrechts erlebte, der kann nicht authentisch von der Schule berichten. Authentizität ist aber einer der wirksamsten Faktoren überhaupt, wenn es um eine erfolgreiche Schule geht. So lässt es sich in "Visible Learning" nachlesen, dem größten Datensatz der empirischen Bildungsforschung. Wer argumentiert, dass keine Praxis gar besser sei, weil man so nicht von dieser verdorben werde, der verkauft den eigenen Makel als Tugend. Wie aber konnte es so weit kommen? Mit der Stärkung der Hochschulautonomie haben die Wissenschaftsministerien auch das Berufungsrecht aus der Hand gegeben. Was auf den ersten Blick sinnvoll scheint, weil Hochschulen stärker ein eigenes Profil herausarbeiten können, entpuppt sich auf den zweiten Blick als fatale Freiheit. Denn die Qualität in der Fläche liegt nicht mehr im Kompetenzbereich des Wissenschaftsministeriums – und geht verloren. Lehrerausbildung ohne Schulpädagogik hilft keinem außer schulfremden Wissenschaftlern. Sie pflegen ihre akademischen Orchideen. Und die Lehramtsstudentinnen und -studenten bleiben enttäuscht zurück, weil sie an der Universität keinen Ort finden, an dem Wissenschaft und schulische Realität zusammenkommen.