Meinung: AfD-Parteitag in Erfurt: Alternative für Dreckwerfen

Datum05.07.2026 20:17

Quellewww.spiegel.de

TLDRDer AfD-Parteitag in Erfurt war von internen Machtkämpfen geprägt, bei denen Alice Weidels Netzwerk gestärkt wurde. Trotz öffentlicher Harmonie mit Co-Chef Tino Chrupalla führten aggressive Kampagnen und "Schlammschlachten" zu einem Vorstand, der stärker auf Weidels völkisch-nationalistische Linie ausgerichtet ist. Ihr Ziel ist ein professionelleres Auftreten, was jedoch eher auf Verbergen von Konflikten und Lagerlogik hindeutet. Die Partei wird dadurch weiter nach rechts verschoben.

InhaltDie schmutzigen Machtkämpfe beim Bundesparteitag der AfD zeigen, wie aggressiv und missgünstig die Rechtsextremisten auch untereinander sind. Und wie sehr Weidel ihre Macht ausgebaut hat. Kurz vor Ende des AfD-Parteitags in Erfurt hält Alice Weidel noch eine Rede. Sie dankt den sechs Männern, die künftig nicht mehr im Bundesvorstand sein werden. Weidel lächelt und lobt überschwänglich. Peter Boehringer beispielsweise: Der sei ein "Arbeitstier" und habe viel "Fleißarbeit" geleistet, er werde ihr persönlich fehlen, sagt Weidel. Auch Carsten Hütter danke sie für "sechs Jahre vertrauensvolle Zusammenarbeit", ja, "tolle Arbeit". Bei Kay Gottschalk bedankt sie sich "herzlich", der sei ein "Urgestein" der AfD. Das klingt freundlich, professionell, aber es ist unehrlich. Alice Weidel und ihre Netzwerke haben alles dafür getan, dass die Genannten nicht in den neuen Bundesvorstand der rechtsextremen AfD gewählt werden. Sie wollten lieber andere dort haben, Leute aus den eigenen Reihen, die nicht hinter ihrem Co-Chef Tino Chrupalla stehen, mit dem sie ohnehin noch eine Rechnung offen hatte. Und die ihre inhaltliche Richtung teilen. Genau wie Chrupallas Netzwerk versuchte, ihre Kandidaten am Aufstieg zu hindern. Aber scheiterte. Schon länger gibt es die Harmonie, die Weidel und Chrupalla öffentlich verkaufen wollen, nicht. Wenn sie ihn als "den lieben Tino" bezeichnet oder er behauptet, die beiden seien "ein Herz und eine Seele", lachen inzwischen einige AfD-Funktionäre. In Erfurt erreichte der Machtkampf nun seinen Höhepunkt. Es zeigte sich, wie skrupellos in der AfD vorgegangen wird. Und wie autoritätshörig viele in der AfD inzwischen sind. Denn entgegen allen Versuchen, die Personalfragen hinter den Kulissen zu klären, um professioneller zu wirken, keine Negativschlagzeilen zu produzieren, kam es zu mehreren Kampfkandidaturen. Vor allem aber: Schon im Vorfeld gab es Schlammschlachten. Da wurde nicht nur über die Arbeitsleistung oder vermeintliche Affären gelästert, sondern auch eifrig Material verschickt, um Kandidaten zu kompromittieren. Bereits bei den Skandalen rund ums Thema Vetternwirtschaft hatte der Parteitag eine Rolle gespielt, gezielt waren Informationen an Medien weitergegeben worden. Auch auf Landesvorstandswahlen wurde Einfluss genommen, um entsprechende Signale nach Erfurt zu schicken, zuletzt etwa in Bayern. Der Umgang untereinander zeichnet ein Bild davon, wie viel Aggression und Missgunst in der AfD herrschen. Das "Wir gegen die"-Gefühl, wie es die Partei in ihrem Kampf gegen politische Gegner und Minderheiten häufig einsetzt, ist selbst unter Parteikollegen massiv. Man mag sich kaum vorstellen, wie sie mit Menschen außerhalb der Parteien umgehen würden, wenn sie tatsächlich Regierungsmacht bekämen. In Erfurt haben Weidel und das Münzenmaier-Netzwerk rund um den Fraktionsvize Sebastian Münzenmaier gewonnen, das hinter ihr steht. Alles in enger Absprache mit dem thüringischen Landeschef Björn Höcke, der nun zwei enge Vertraute im Bundesvorstand hat. Sie haben nun so viel Einfluss wie noch nie. Im Vorstand sitzen – bis auf Chrupalla und Micha Fehre aus Niedersachsen – nur ihre Leute. Die AfD wird damit nicht nur jünger und weiter auf Weidel zugeschnitten, die in zwei Jahren versuchen dürfte, alleinige Chefin zu werden. Die Partei wird auch weiter auf den völkisch-nationalistischen Kurs getrimmt. Sie wird noch härter gegen die Konservativen hetzen. Lediglich bei Russland dürfte es weniger radikal werden, mehr Distanz zum Kreml geben. Und sie wird versuchen, die Reihen zu schließen. Denn es ist das erklärte Ziel von Weidels Leuten, besonders "professionell" auftreten. Auch wenn das im Zweifel nur heißt, nach Lagerlogik zu wählen und Konflikte zu verstecken.