Fußball-WM heute: Ganz England stellt sich den Wecker auf 2 Uhr nachts

Datum05.07.2026 17:09

Quellewww.zeit.de

TLDRMexiko trifft im Aztekenstadion auf England, wobei Mexiko bisher ohne Gegentor blieb. Der Artikel hebt auch den norwegischen Stürmer Erling Haaland hervor, bekannt für seine Leistung und seinen angeblichen täglichen Kalorienbedarf. Weiterhin wird Morten Thorsby vorgestellt, der sich für den Klimaschutz einsetzt und dessen Trikotnummer auf das Zwei-Grad-Ziel verweist. Ein weiterer Teil beschäftigt sich mit dem amerikanischen Unabhängigkeitstag und der positiven Soft Power Norwegens, die durch ihre Inszenierung als "Nordmänner" und ihren Kampf gegen den Klimawandel entstand.

InhaltGastgeber Mexiko spielt zum letzten Mal zuhause, selbst wenn sie gegen England gewinnen. Läuft Norwegens Stürmerstar Haaland mit Cowboyhut auf? Das bringt der WM-Abend. Keine Frage: Mexiko gegen England (2 Uhr, Mexiko-Stadt, MagentaTV). Der formstarke Gastgeber Mexiko trifft im legendären Aztekenstadion in der mexikanischen Hauptstadt auf England, die Heimat des Fußballs. Muss ich überhaupt noch mehr sagen? Die Mexikaner haben bei dieser WM bisher alle Spiele gewonnen und noch kein Gegentor (!) zugelassen. Die bisherigen Gegner Südafrika, Südkorea, Tschechien und Ecuador waren zwar keine sonderlich harten Prüfsteine, aber Wald- und Wiesenmannschaften waren sie eben auch nicht. Der mexikanische Heimvorteil im Aztekenstadion wird enorm sein. Hier dribbelte 1970 schon Pelé (nein, nicht das Kaninchen meines Kindheitsfreundes und Fußballfanatikers Flemming), die sagenhafte Nummer zehn Brasiliens, durch die Abwehrreihen; hier schoss Maradona sein Tor mit der "Hand Gottes". Über 80.000 Menschen passen hinein. Einen englischen Pass werden heute die wenigsten haben. Dafür haben Sie daheim in England sogar die heilige Sperrstunde verschoben, damit die Fans bis 5 Uhr in die Pubs können. Für uns in Mexiko-Stadt dabei sein wird mein Kollege Christian Spiller. Für ihn ist das Aztekenstadion das vielleicht schönste der Welt. Dank der mexikanischen Tortas, einer Art völlig überdimensioniertem Sandwich an dem Christian sich schon beim Eröffnungsspiel vor mittlerweile mehr als drei Wochen überfressen hat, wird er auch unser Spesenkonto schonen. Morgen früh können Sie dann hier seine Reportage lesen. Ich weiß, er war hier schon mal Thema, aber manche Spieler sind nun mal so groß, dass sie mehrmals vorkommen müssen: Erling Haaland, der norwegische Ausnahmespieler. Und das in vielerlei Hinsicht. Zunächst die Eckdaten: 95 Kilogramm schwer, 195 Zentimeter hoch und vermutlich beinahe so breit. Um diese Maschine am Laufen zu halten, benötigt Haaland nach eigener Aussage rund 6.000 Kilokalorien pro Tag – mehr als doppelt so viel wie für einen normalen erwachsenen Mann empfohlen. Als Work-out schlägt Haaland auch mal Holz im Wald. Nach dem Training trinkt er Rohmilch. Haalands Wecker? Klar: die Hymne der Champions League. Er erzielte in 58 Champions League-Spielen unfassbare 57 Tore. Und mit Cowboyhut und in Westernstiefeln sieht der Mann auch noch gut aus. Was kann er denn nicht?! Das werden die Brasilianer versuchen, herauszufinden. Morten Thorsby. Der ist Mittelfeldspieler, aber trägt die Nummer zwei, die traditionell Außenverteidigern gehört. Allerdings ist Thorsby auch kein Fußballprofi im traditionellen Sinne. Er hat sich dem Kampf gegen die Klimakrise und die Erderhitzung verschrieben. Seine Trikotnummer spielt auf das Zwei-Grad-Ziel der Vereinten Nationen an: die Obergrenze für eine irgendwie noch menschlich erträgliche Erderhitzung. Thorsby fährt mit dem Fahrrad zum Training und reist lieber mit dem Zug als mit dem Flugzeug. Seinen ehemaligen niederländischen Verein überzeugte er davon, Solaranlagen auf das Stadiondach zu bauen. Auf die schwierige Vorrundengruppe der Norweger angesprochen, sagte Thorsby: "Ich freue mich, weil wir nicht so viel fliegen müssen." Vom norwegischen Quartier in Greensboro, North Carolina, bis zum Spielort heute Abend in New Jersey sind es laut Google Maps allerdings 657 Meilen. Wir hoffen, dass er nicht das Rad genommen hat (Fahrtzeit 59 Stunden). Ihre erste Fourth-of-July-Parade besuchen. Unser WM-Reporter Christian Spiller schrieb mir heute Nacht: "Als verkrampfter Deutscher stand ich dem US-Patriotismus stets mit einer Mischung aus Faszination und Grauen gegenüber. Also bin ich am Jubiläumstag nach Huntington Beach gefahren, zur angeblich größten Parade am Unabhängigkeitstag westlich des Mississippi. Auf der Strandpromenade gut gelaunte Menschen auf Cruisebikes, an die sie Boomboxen und Flaggen jeder Größe geklemmt haben. Badehosen und Bikinis sind natürlich im rot-weiß-blauen Stars-and-Stripes-Muster. Auf der Parade dann nirgendwo ein Maga-Cap, auch kein Trump-Shirt, es ist halt Kalifornien. Stattdessen: an winkenden Zuschauern vorbeiziehende Kindersportgruppen, Veteranen samt Hubschrauber aus Vietnam und – kein Scherz – Alpakas. Allgemeiner Tenor: Wir feiern unser Land, egal wie seltsam unser Präsident ist. Ein neues Accessoire ist in diesem Jahr übrigens zu den vielen USA-Hüten, -Badehosen und -Latzhosen dazugekommen: das Trikot des US-Männerteams." In der internationalen Politik zählt neben Militärmacht und Wirtschaftskraft noch eine dritte Währung: die Soft Power. Diesen Begriff prägte 1990 der Politikwissenschaftler Joseph Nye und meinte damit, dass Länder mächtiger sind, wenn sie auch beliebt bei den anderen Erdbewohnern sind. Und damit sind wir schon wieder bei Norwegen. Denn ganz egal, ob das Team heute Nacht gegen Brasilien ausscheidet oder ins Viertelfinale einzieht: Gehörig an Soft Power dazu gewonnen haben die Norweger schon jetzt, schreibt mein Kollege Nils Markwardt aus dem Politischen Feuilleton der ZEIT. Mit dem längst weltbekannten Trockenruder-Jubel, mit dem Teamfoto in Wikingeroptik, inszenieren sie sich als der rohen Natur trotzende Nordmänner, die so aussehen, "als ob sie gleich zum Brandschatzen nach Schleswig-Holstein aufbrechen". Für Kollege Markwardt sind die Norweger der Darling des Fußballsommers, weil ihre "martialische Nordmännerinszenierung nicht auf einen reaktionären Machismo hinausläuft, sondern vielmehr der augenzwinkernde Ausdruck eines soften Kollektivismus ist". Wie viel Kilogramm Lachs die Norweger mit in ihr Teamcamp in North Carolina genommen haben, verrät Nils Markwardt hier.