Datum05.07.2026 10:29
Quellewww.spiegel.de
TLDRRechte Kreise leugnen den Klimawandel, propagieren aber gleichzeitig Klimaanlagen zur Abkühlung. Dabei sind Klimaanlagen tatsächlich Wärmepumpen, die auch zum Kühlen geeignet sind. Kritiker werfen rechten Parteien und Medien vor, eine Scheindebatte über Klimaanlagen zu führen, während sie gleichzeitig erneuerbare Energien verteufeln. Der Artikel betont, dass Klimaanlagen und Wärmepumpen sinnvoll mit dem Stromnetz integriert werden können, um Emissionen zu reduzieren und Hitzeproblemen entgegenzuwirken.
InhaltUm Klimaanlagen ist eine bizarre Scheindebatte entbrannt. Rechte lobpreisen die Geräte als Lösung für ein Problem, das es in ihren Augen gar nicht gibt – die Erderwärmung. Dabei funktioniert Abkühlung ganz einfach. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Heiße Tage sind besonders schwere Tage für alle, die auf die eine oder andere Weise daran mitarbeiten, das Geschäft mit schmutzigen Brennstoffen wie Kohle, Öl und Gas am Leben zu erhalten. Christian Stöcker, Jahrgang 1973, ist Kognitionspsychologe und Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW). Dort verantwortet er den Studiengang Digitale Kommunikation und mehrere Forschungsprojekte über digitale Öffentlichkeit und Desinformation. Vorher leitete er das Ressort Netzwelt bei SPIEGEL ONLINE. Prinzipiell ist die Haltung der "die Klimakrise ist kein Problem"-Fraktion ja: Es wird gar nicht so viel wärmer, früher war es auch schon heiß, alles nicht so tragisch, gehen Sie bitte weiter. Gleichzeitig aber ist den Leuten eben heiß, auch den Leserinnen und Lesern rechtspopulistischer Propagandamedien. Es ist gar nicht so leicht, diesen Widerspruch aufzulösen. Dabei sollen Feindbilder helfen. Schuld an der Hitze müssen demnach die gleichen Leute sein wie immer: "Linksgrün" sind die, "Klimaspinner" oder auch einfach "die deutschen Medien". Letztere haben dem "Chefredakteur" der millionärsfinanzierten, hochdefizitären, rechten Propagandaplattform "Nius" zufolge "der Klimaanlage den totalen Krieg erklärt". Das ist, natürlich, Nonsens. Bei der "Welt" aus dem Hause Springer erklärte der "Chefreporter Wissenschaft", der seit vielen Jahren gegen Klimaschutz und Klimaschützer wettert, dass die Deutschen ein verqueres Verhältnis zum Klimawandel hätten. Das führe dazu, "dass die beste Technik verschmäht wird". "Klimawandelskeptikerin" Marine Le Pen vom rechtsradikalen Rassemblement National in Frankreich hat diese schon beim Zusehen anstrengende argumentative Gymnastik vorgemacht. Le Pen forderte plötzlich Klimaanlagen für alle . Dass es die nicht gebe, sei die Schuld der "Linken". Grüne und Linke hatten in Frankreich darauf hingewiesen, dass mehr Klimaanlagen besonders in dicht bebauten Innenstädten für noch mehr Hitze im Außenbereich sorgen werden, weil sie warme Luft ins Freie blasen . Die AfD setzte noch einen drauf: Der "Klimawahn", behauptet die rechtsextreme Partei nun, führe "zu mehr Hitzetoten" und zwar durch "ideologische Baufehler wie den Verzicht auf Klimaanlagen". Kurz: Die Leute, die gestern noch behauptet haben, die Erhitzung sei kein Problem, erklären jetzt die Leute für doof, die sich nicht auf die Erhitzung vorbereitet haben. Und die Leute, die gestern noch die Wärmepumpe verteufelt haben, erklären jetzt ausgerechnet die für doof, die seit Jahren für Klimaanlagen werben – denn Klimaanlagen sind Wärmepumpen. Man kann heute ein dummes Haus bauen: mit Gasheizung. Oder ein schlaues: mit Wärmepumpe/Klimaanlage. Aber auch in einer kleinen Mietwohnung lassen sich Balkonkraftwerk und Klimagerät kombinieren. Wer sich heute eine Wärmepumpe in einen Neubau einbaut – das sind zum Glück, der mittlerweile wissenschaftlich aufgearbeiteten Kampagne aus dem Hause Axel Springer für Gas- und Ölheizungen zum Trotz, die meisten – kann damit auch kühlen. Das geht auch mit einer Fußbodenheizung. Dann kühlt eben der Boden, entweder passiv oder aktiv. Ersteres funktioniert mit jeder Sole/Wasser- und Wasser/Wasser-Wärmepumpe , sogar mit Modellen, die nicht speziell dafür ausgelegt sind. Dazu wird die Kälte des Wassers oder des Erdreichs über den Wärmetauscher ins Haus geleitet. Mit einer Luft/Wasser-Wärmepumpe, wie sie hierzulande verbreitet ist, kann man nur aktiv kühlen: Man dreht die Funktion der Wärmepumpe gewissermaßen um. Sie entzieht dem Haus Wärme und gibt sie nach außen ab. Ich kenne diverse Haushalte, die dank ihrer Fußbodenheizung hervorragend durch die Hitzewelle kamen. Dass das nicht funktioniert, wird in sozialen Medien derzeit gern behauptet – von Leuten mit Gas- oder Ölheizung. Die Bodenkühlung hat den Vorteil, dass auch nichts pustet oder rauscht. Sogar mit passiver Kühlung kann man ein Gebäude um zwei bis drei Grad abkühlen. Wenn das der Unterschied zwischen 28 und 25 Grad Celsius ist, macht es für das Wohlbefinden eine Menge aus. Noch einfacher ist es mit einer Luft-Luft-Wärmepumpe – denn das ist im Grunde nichts anderes als eine Split-Klimaanlage. Das sind diese etwa in Südeuropa verbreiteten Geräte, bei denen ein Kasten an der Hauswand hängt, der warme Luft nach außen abgibt. All das sind übrigens gute Gründe gegen das mutmaßlich verfassungswidrige geplante "Gebäudemodernisierungsgesetz" von Katherina Reiche (CDU). Es soll den Betrieb von fossilen Gasheizungen bis in die Vierzigerjahre erlauben, die dann irgendwann mit "grünen Gasen" laufen sollen. Kühlen kann man mit ihnen aber nicht. Die Behauptung, es gebe in Deutschland eine "Klimaanlagen-Phobie" ("Welt") oder gar einen "totalen Krieg gegen die Klimaanlage" ("Nius"-Chef Julian Reichelt) ist etwas, das wir aus dem Anti-Klimaschutz-Diskurs seit vielen Jahren kennen: eine Strohmannbehauptung. Wenn man dem Gegner keinen echten Vorwurf machen kann, erfindet man eben einen. Die deutschen Grünen zum Beispiel haben nichts gegen Kühlung, im Gegenteil: "Grüne fordern Sofortprogramm für Klimaanlagen ", titelte die "Tagesschau" diese Woche. Tatsächlich wird es ohne Klimaanlagen vielerorts in Zukunft kaum gehen, denn es wird noch heißer. Die Hitzewellen, die wir jetzt erleben – schon in der kommenden Woche könnte die nächste auf uns zukommen – sind das Ergebnis vergangener Treibhausgasemissionen. Noch immer steigen die Emissionen weltweit aber weiter, aktuell zusätzlich befeuert von den grotesk energiehungrigen Rechenzentren, die überall in die Landschaft geklatscht werden. Die Erwärmung wird sich fortsetzen, bis die Menschheit es endlich schafft, ihre Emissionen zu reduzieren. Darüber wollen Le Pen, "Nius", AfD und "Welt" aber lieber nicht reden. Dass in deutschen Kliniken, Alters- und Pflegeheimen, Kindertagesstätten und so weiter meist keine Möglichkeit zur Kühlung besteht, ist schon lange nicht mehr zeitgemäß. Das ist übrigens auch energiepolitisch in Wahrheit kein großes Problem, wenn man es richtig anstellt: Klimaanlagen müssen vor allem dann laufen, wenn die Sonne scheint, und das heißt: wenn es billigen Strom gibt. Eine Kombination aus Photovoltaikanlage auf dem Dach und Split-Klimaanlagen kann so im laufenden Betrieb kostengünstig und CO₂-neutral betrieben werden. Das ist einleuchtend – und umso unangenehmer für alle, die erneuerbare Energien weiter verteufeln wollen. Klimaanlagen und andere Wärmepumpen sind ideale Beispiele für die zahlreichen Technologien, die man klug in ein modernes Stromsystem einbinden kann: Man lässt sie immer dann laufen, wenn es billigen Strom im Überfluss gibt. Um beim Beispiel Klimaanlage zu bleiben: Wenn das Haus tags mit Strom vom Dach gekühlt wurde, kann die Klimaanlage nachts ausbleiben. Solche potenziell flexiblen Lasten gibt es in einer elektrifizierten Welt jede Menge: Elektroautos, Wärmepumpen, Wasch- und Spülmaschinen, Kühlschränke und Kühlhäuser, Batteriespeicher und so weiter. Das aber ist den Leuten, die unbedingt weiter Gas- oder gar Atomkraftwerke bauen wollen, nicht recht. Selbst gegen den Vorschlag, dass Supermärkte oder Lebensmittelgroßhändler ihre Kühlanlagen bei billigem Strom ein paar Grad weiter herunterkühlen könnten, gab es nicht nur erbitterten, sondern sogar höhnischen Widerstand hierzulande. Wer den Strom vom Dach direkt selbst verbraucht, tut dem Stromnetz einen Gefallen, genau wie jemand, der mittags einen Batteriespeicher lädt, statt den Solarstrom ins Netz einzuspeisen. Es wäre tatsächlich sinnvoll, wenn die Bundesregierung einen Teil des gewaltigen Sondervermögens in die Förderung solarbetriebener Klimaanlagen für Kliniken, Pflegeheime und so weiter investieren würde. Ohne Klimaanlagen wird es hierzulande in Zukunft nicht gehen, aber man muss es eben richtig anstellen: Man sollte Auch 24 oder 25 Grad tagsüber sind in Sommerkleidung gut auszuhalten – wer schon einmal im Sommer eine heruntergekühlte Shoppingmall betreten hat, weiß, wie unangenehm übertriebene Klimatisierung sein kann. Preisabfragezeitpunkt 05.07.2026 10.30 Uhr Keine Gewähr Klimaanlagen werden aber nicht reichen. Und Luft-Luft-Klimaanlagen haben neben ihrem Stromverbrauch einen weiteren Nachteil: Sie heizen die Umgebung auf , denn irgendwo muss die warme Luft ja hin (bei Erdwärmepumpen tritt dieses Problem nicht auf). Die Effekte sind aber moderat , außer in Szenarien, in denen massenweise Klimaanlagen heiße Luft auf windstille, enge Straßen hinauspusten. Die Erhitzung erfordert intelligente Stadtplanung. Mit Klimaanlagen allein werden wir die Hitzeprobleme, insbesondere in Großstädten, nämlich auf keinen Fall lösen. Wir brauchen Begrünung, Entsiegelung, Wasserflächen, öffentliche Orte, die Abkühlung erlauben. Die Temperaturdifferenz zwischen einer Grün- und einer Asphaltfläche kann im Extremfall 20 Grad Celsius und mehr betragen . All das erfordert allerdings eine Regierungspolitik, die die fortschreitende Erhitzung endlich als Problem anerkennt. Und sie nicht, wie Regierungssprecher Stefan Kornelius vergangene Woche, als "Wetter" abqualifiziert . Die Realitätsverweigerung muss endlich aufhören – und dazu gehört auch, dass man endlich wirklich Klimaanpassung betreibt.