Reformpaket: »Frauen drohen in die Schwarzarbeit abzurutschen«

Datum05.07.2026 06:04

Quellewww.zeit.de

TLDRDie Soziologin Jutta Allmendinger warnt, dass Frauen von den Sozialreformen der Bundesregierung weniger profitieren könnten. Sie kritisiert, dass die Reformen die Erwerbsarbeit aufwerten, aber die unbezahlte Sorgearbeit entlasten, ohne die nötigen Voraussetzungen für Frauen zu schaffen. Allmendinger fordert die Abschaffung des Ehegattensplittings und den Ausbau von Kinderbetreuung, um Frauen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu ermöglichen und Schwarzarbeit zu verhindern. Eine Reform des Elterngelds und eine Angleichung der Gehälter seien ebenfalls notwendig.

InhaltDie Reformpläne der Bundesregierung könnten zulasten der Frauen gehen, warnt die Soziologin Jutta Allmendinger. Und erklärt, was fehlt, damit auch sie profitieren. Jutta Allmendinger, 69, ist Soziologin und erforscht seit Jahrzehnten die Bedürfnisse von Frauen. Wir wollten von ihr wissen, was die Reformpläne der Bundesregierung für Frauen bedeuten.  DIE ZEIT: Frau Allmendinger, die Bundesregierung plant große Reformen bei Rente, Pflege, Gesundheit und Steuern. Können Frauen davon profitieren? Jutta Allmendinger: Das ist noch nicht ausgemacht, auch wenn ich großes Potenzial sehe. Was da gerade passiert, ist eine grundlegende Verschiebung im Sozialstaat. Ich würde sogar sagen, es ist die größte seit Einführung der Sozialversicherung unter Bismarck, zumindest in Westdeutschland. ZEIT: Wie meinen Sie das? Allmendinger: Der Alleinverdienerhaushalt oder auch der Anderthalbverdienerhaushalt waren bislang das Leitbild, auf das unser Sozialstaat in vielerlei Hinsicht zugeschnitten war. Viele Regelungen gingen implizit davon aus, dass ein Partner – meist der Mann – den Großteil des Einkommens erwirtschaftet, während der andere – meist die Frau – einen großen Teil der unbezahlten Erziehungs- und Pflegearbeit übernimmt und dafür beruflich kürzertritt. Von diesem Leitbild verabschiedet sich die Politik nun schrittweise. Das ist mit Blick auf die Gleichstellung zu begrüßen. Das Problem ist nur: Sie tut das, ohne die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass beide tatsächlich in gleichem Maße erwerbstätig sein und Sorgearbeit übernehmen können. Aufgewertet wird die Erwerbsarbeit, entwertet wird die unbezahlte Sorgearbeit. ZEIT: Woran machen Sie das konkret fest? Allmendinger: Nehmen Sie zum Beispiel die Minijobs. Sie werden de facto abgeschafft, sobald man darauf Rentenversicherungsbeiträge zahlen muss, wie es kürzlich die Rentenkommission empfohlen hat. Auch wenn die Koalition das noch nicht beschlossen hat: Langfristig könnten Frauen von ihrem Wegfall profitieren. Wenn auch Minijobs sozialversicherungspflichtig werden, entfällt der Anreiz, die Arbeitszeit künstlich unter der Minijobgrenze zu halten. So würden Frauen hoffentlich mehr verdienen und mehr in die Rentenversicherung einzahlen – sie wären also auch im Alter besser abgesichert. Nur ist das eben nicht zu Ende gedacht. ZEIT: Was braucht es noch, damit Frauen wirklich von dieser Reform profitieren? Allmendinger: Damit Frauen langfristig tatsächlich finanziell besser dastehen als heute, müsste auch das Ehegattensplitting abgeschafft werden. Sonst werden Frauen ihre Arbeitszeit weiterhin stärker reduzieren als Männer. Alles andere macht steuerlich keinen Sinn. Einen ähnlichen Effekt hat auch die kostenlose Mitversicherung in der gesetzlichen Krankenkasse. Sie hält Frauen ebenfalls in schlecht bezahlten Jobs, weil sie sich sonst selbst versichern müssten. ZEIT: Die kostenlose Mitversicherung soll nun abgeschafft werden. Allmendinger: Zu Recht! Wenn man sie aber isoliert abschafft, so wie es die Regierung plant, kann das Frauen sogar schaden. Der Staat müsste parallel zwingend Kitas und Ganztagsschulen ausbauen. Denn nur wenn es genug Betreuungsmöglichkeiten gibt, können Frauen mehr arbeiten. Bei den Minijobs ist es das Gleiche. Da fürchte ich sogar, dass Frauen ohne diese ergänzenden Maßnahmen in die Schwarzarbeit abrutschen könnten. Das wäre dramatisch und das Gegenteil dessen, was die Regierung erreichen will. ZEIT: Warum ist bei alldem die Abschaffung des Ehegattensplittings so zentral? Allmendinger: Das Ehegattensplitting belohnt nach wie vor den Haushalt, in dem einer viel verdient und die andere wenig oder gar nicht arbeitet. Das passt nicht zu einer Politik, die gleichzeitig bei Rente und Pflege mehr Eigenverantwortung und eine kontinuierliche Erwerbstätigkeit erwartet. ZEIT: Die ungleiche Erwerbsarbeit beginnt meist mit dem ersten Kind. In Deutschland nehmen Mütter im Schnitt knapp zwölf Monate Elternzeit, Väter immer noch nur zwei Monate. Gehört auch eine Reform des Elterngelds in ein solches Gesamtpaket? Allmendinger: Unbedingt. Wir wissen aus vielen Untersuchungen, dass Männer, die länger Elternzeit nehmen, sich auch später stärker bei der Kinderbetreuung einbringen. Bei den Vätermonaten aber hinkt Deutschland hinterher. Derzeit können Paare für 14 Monate Elterngeld bekommen, wenn ein Elternteil mindestens zwei Monate nimmt. Das sind in der Regel die Väter. Doch diese zwei Monate sind zu wenig. Wenn man Gleichstellung ernst meint, müsste man diese Vätermonate ausweiten. ZEIT: Viele Paare können sich das aber nicht leisten, dass der mit dem höheren Einkommen, also meist der Mann, lange vom Job fernbleibt. Allmendinger: Solange ein Ausstieg des besser verdienenden Partners mit hohen Einbußen verbunden ist, bleiben die Frauen länger zu Hause. Deshalb müssen wir auch an die Bezahlung ran. Die Gehälter zwischen Frauen und Männern müssen sich stärker angleichen. Da kann mehr Entgelttransparenz helfen, wie es die EU-Kommission einfordert. Umso wichtiger wäre es, wenn Deutschland die entsprechende EU-Richtlinie schnell umsetzt.