Tour de France: Gelb ist die Farbe seiner Hoffnung

Datum04.07.2026 16:20

Quellewww.zeit.de

TLDRDer 19-jährige Paul Seixas ist Frankreichs große Hoffnung auf den ersten Toursieg seit 1985. Seine beeindruckenden Erfolge, darunter Siege bei der Baskenland-Rundfahrt und starke Leistungen gegen Tadej Pogačar, wecken Optimismus. Trotz seines jungen Alters zeigt Seixas bemerkenswerte Reife und mentale Stärke. Experten wie Bernard Hinault und Tour-Direktor Christian Prudhomme loben sein Talent. Sein Tour-Debüt als jüngster Teilnehmer seit 1937 wird mit Spannung erwartet.

InhaltSeit 1985 wartet Frankreich auf einen einheimischen Tour-de-France-Sieger. Der 19-jährige Paul Seixas soll sie erlösen. Eine große Bürde für einen Debütanten, oder? Gelb ist die Farbe der Tour de France. Schon am Donnerstag war sie überall in Barcelona zu sehen, dort, wo am Samstag die Tour ihren Anfang nimmt. Riesige schwarz beschriftete gelbe Plakate kündeten von dem Sportereignis aus dem Nachbarland. Lauter Zuschauer mit von einem Sponsor zugeworfenen gelben Kappen beobachteten die Parade der 21 Teams. Sie führte vom Jugendstil-Klinikkomplex Hospital de la Santa Creu i Sant Pau aus zur Sagrada Família. Dort rollten die Fahrer über eine gelbe Rampe hinauf auf die Bühne, die Kirche leuchtete pittoresk im Abendlicht. Gelb wird auch das Trikot sein, das der beste Fahrer der Tour erhält. Um 19.30 Uhr fuhr Paul Seixas mit seiner Mannschaft Decathlon CMA CGM auf das riesige Podium. Die ohnehin bestens gelaunten vielen Tausend Zuschauer, darunter viele Franzosen, jubelten daraufhin noch lauter. Seixas, ein herausragender Zeit- und Bergfahrer, gerade mal 19 Jahre alt, schlank, lockiges Haar, debütiert in diesem Juli beim größten Radrennen der Welt. Er ist dabei jetzt schon Frankreichs Hoffnung auf den ganz großen Coup, den ersten Sieg eines Franzosen seit Bernard Hinaults finalem Triumph im Jahr 1985. Seixas ist bereits jetzt ein Sammler von Siegen, sieben sind es schon in dieser Saison. Die schwere Baskenland-Rundfahrt gewann Seixas mit 2:30 Minuten Vorsprung souverän vor dem Deutschen Florian Lipowitz. Im Norden Spaniens gelangen Seixas zudem drei Etappensiege bei sechs Tageswertungen. Kurz darauf ließ er der Konkurrenz beim hügeligen Klassiker Flèche Wallonne in den Ardennen keine Chance. Vier Tage später stellte sich Seixas beim Monument Lüttich-Bastogne-Lüttich vor und konterte als einziger Fahrer bis zum allerletzten Anstieg jeden Angriff von Tadej Pogačar, dem derzeitigen Großmeister des Radsports. Pogačar gewann vor Seixas, der mit diesem zweiten Platz ein weiteres Kapitel seiner erstaunlichen Frühreifen-Saga schrieb. Bernard Hinault, als fünfmaliger Tour-Sieger ein Säulenheiliger des französischen Sports, zeigt sich begeistert von den Leistungen seines potenziellen Nachfolgers Seixas. "Er hat etwas an sich, das Optimismus für die Zukunft weckt. Hut ab, wirklich Hut ab", sagte Hinault in der französischen Zeitung L’Équipe. Restlos begeistert über Seixas’ Entwicklung ist auch Christian Prudhomme, der Direktor der Tour de France. Im Gespräch mit der ZEIT sagt er: "Meine Güte, was für ein Fahrer. So einen wie ihn haben wir in Frankreich seit 50 Jahren nicht mehr gesehen, seit Hinault. Unglaublich." Ein Wort falle ihm ein, wenn er auf die Entwicklung von Seixas schaue: "Atemberaubend. Schlicht atemberaubend." Niemand wisse, wohin seine Entwicklung führen werde. "Aber er öffnet eine Tür zu etwas ganz Großem. Ich weiß nicht, wie das Rennen ausgehen wird, aber ich bin überzeugt davon, dass uns Paul Seixas bei dieser Tour viele Emotionen bescheren wird." Marc Madiot, der in der Welt des Radsports sehr einflussreiche Chef der französischen Auswahl Groupama-FDJ, bezeichnet Seixas bei RMC Sport abwechselnd als "den Auserwählten" und "Messias". Überdies sagte Madiot: "Paul wird der Fahrer sein, auf den Frankreich gewartet hat. Er besitzt Gaben, über die nur wenige verfügen, Tadej Pogačar etwa. Er hat alles in seinem Repertoire." Patrick Lefevere, der lange Jahre das erfolgreiche Quick-Step-Team leitete, schrieb in einer Kolumne: "Paul Seixas ist ein Wunderkind." Selbst sein Konkurrent, der Weltmeister und viermalige Tour-Sieger Pogačar, ist angetan von Seixas. Nach seinem Sieg vor Seixas bei dem schweren Schotterpisten-Klassiker Strade Bianche im März sagte Pogačar: "Dieser Junge wird mal ein Monster auf dem Rad. Wir werden in Zukunft noch viel von ihm zu sehen bekommen." Seixas’ sportlicher Leiter Julien Jurdie sagt im Gespräch mit der ZEIT: "Was mich an Paul am meisten beeindruckt, ist diese Reife, die er mit 19 Jahren besitzt. Sein sehr präzises Gespür für die Rennen und sein umfangreiches Wissen über alle Aspekte rund ums Radfahren – sei es Erholung, Ernährung oder das Training." Einiges müsse er noch lernen, klar, "aber viel ist es nicht mehr". Seixas sei ein geborener Leader. Schon seinen ersten Rennrad-Wettkampf habe er gewonnen, sagte Seixas im vergangenen Oktober in einem Interview bei L’Équipe. In Bourg-en-Bresse sei das gewesen, mit acht oder neun. Wie es weiterging? "Der Erfolg kam Schritt für Schritt, Rennen für Rennen fing ich an zu gewinnen und besser zu werden." Mit 19 Jahren, neun Monaten und zehn Tagen folgt jetzt das Tourdebüt. Seixas ist damit der jüngste Teilnehmer der Frankreich-Rundfahrt seit 1937. Der Italiener Adrien Cento war beim Start des Rennens in Paris damals 19 Jahre und knapp vier Monate alt. Im Juni, bei der Tour Auvergne-Rhône-Alpes, einem Vorbereitungsrennen auf die Frankreich-Rundfahrt, stürzte Seixas zwar am vorletzten Tag, schaffte es aber gemeinsam mit seinen Teamkollegen von Decathlon CMA CGM noch ganze drei Minuten Rückstand bis zum finalen Anstieg aufzuholen. Die finale Etappe brach er dann aber ab. Er konnte wegen seiner Schürfwunden und Prellungen nicht mehr in den Kampf um den Tages- und Gesamtsieg eingreifen. Und nur darum geht es Seixas, der sagte: "Wenn ich starte, will ich auch gewinnen." Die Verletzungen aus seinem Sturz setzten ihm in den Tagen danach weiterhin zu. Sein Knie bereitete Probleme. Ein MRT klärte auf: kein Bruch, lediglich eine starke Schwellung. "Ich dachte, alles sei in zwei, drei Tagen verheilt, aber es dauerte länger. Ich konnte in der Woche danach nicht Radfahren. Das war hart. Aber jetzt ist alles in Ordnung. Ich bin topfit", sagte Seixas. Zuletzt habe er noch "ausgiebig und sehr gut" an seiner Form in einem Höhentrainingslager in Les Arcs gearbeitet, oben in den französischen Alpen, sagte er vor wenigen Tagen in einem Interview mit L’Équipe. Vor der Teampräsentation am Donnerstag erschien Seixas leger mit einer beigefarbenen Leinenhose und einem weißen Hemd bei der Pressekonferenz der Stars des Rennens. Seixas war vor den Topfavoriten Tadej Pogačar und Jonas Vingegaard an der Reihe. Mit federndem Schritt bestieg er das Podium und antwortete entspannt und geistreich auf Französisch und in fließendem Englisch. Da saß ein junger Mann, der angesichts des Trubels, des Booms und der Erwartungen, die ihn vor dem Start der Tour begleiten, erstaunlich entspannt wirkte. Diese Ruhe und Ausgeglichenheit sei einfach seine Art, so Seixas im Gespräch mit der ZEIT. "Das ist – neben allem Körperlichen – die Voraussetzung dafür, erfolgreich zu sein." Aber die Erwartungen einer ganzen Nation, die Hoffnungen, die sie mit ihm verbindet – was macht das mit ihm? Seixas sieht die Sache offenbar sehr gelassen: "Ich betrachte die Tour wie jedes andere Rennen auch. Mir ist bewusst, dass das hier eine andere Dimension ist. Aber ich bin bereit, mich der Tour zu stellen. Hier am Start zu stehen, ist die Erfüllung eines Kindheitstraums", sagte er auf der Pressekonferenz. Ein paar Tage zuvor schon hatte Seixas im Gespräch mit der ZEIT gesagt: "Ich bereite mich so gut es geht auf alles vor, was die Tour mit sich bringt. Im Rennen und abseits davon. Es ist nicht so dahingesagt, sondern meine feste innere Überzeugung: Ich freue mich riesig auf meine erste Tour." 19 Jahre, famoses Potenzial, jetzt schon ein Siegfahrer – Seixas ist derzeit der begehrteste Fahrer der Welt. Sein Vertrag läuft 2027 aus, und er wird bereits mit den sehr finanzstarken Teams UAE, für das auch Pogačar fährt, und den Ineos Grenadiers in Verbindung gebracht. Es gibt allerdings Initiativen, die sich bemühen, Seixas in einer französischen Auswahl zu halten. Sie werden angeführt von Staatspräsident Emmanuel Macron. Dazu sagte Seixas: "Ich habe ja noch einen Vertrag, und in meinem aktuellen Team fühle ich mich sehr wohl."