UN-Entwicklungsprogramm: »Jede Schule wirkt wie ein Präventivschlag«

Datum04.07.2026 14:23

Quellewww.zeit.de

TLDRKürzungen bei Entwicklungsprogrammen erschweren die Einschätzung der Ebola-Ausbreitung im Kongo. Der Chef des UN-Entwicklungsprogramms betont, dass globale Vernetzung eigene Verwundbarkeit erhöht, wenn auf Hilfe verzichtet wird. Er kritisiert, dass Eigeninteressen in der Entwicklungspolitik offener als Mitmenschlichkeit geäußert werden, lobt aber Deutschlands Rolle als wichtiger Geber und Verfechter von Investitionen in Systeme, die Entwicklung, Frieden und Stabilität fördern.

InhaltEin Krieg endet nicht, wenn keine Bomben mehr fallen, sagt der Chef des UN-Entwicklungsprogramms. Hier erklärt er, wie Steuerbeamte gegen Hunger helfen sollen. DIE ZEIT: Herr De Croo, das Ebolavirus breitet sich in der Demokratischen Republik Kongo und anderen afrikanischen Ländern weiter aus. Was wissen Sie über die aktuelle Lage? Alexander De Croo: Da kursieren im Moment viele Gerüchte und Meinungen darüber, was los ist und was passieren müsste. Tatsächlich ist es aber sehr kompliziert geworden, die Lage auf dem Land genau einzuschätzen. ZEIT: Warum? De Croo: Die Gesundheitsversorgung wurde in vielen Dörfern zurückgefahren, auch weil die Entwicklungsprogramme so stark gekürzt worden sind wie nie zuvor. Folglich sind wir dort nicht mehr präsent und können uns kein ganz genaues Bild mehr von der Ausbreitung der Pandemie auf dem Land machen. ZEIT: Manche Stimmen argumentieren: Der Kongo ist weit weg, wir brauchen kein besonders genaues Bild. De Croo: Unsere geografische Lage schützt uns doch längst nicht mehr. Denken Sie an die Covidpandemie. Die Welt ist so vernetzt, dass niemand mehr sagen kann: "Ich bin wohlhabend und so weit entfernt, dass mir nichts passieren kann." Bei Ebola gibt es nach den Informationen, die wir von der Wissenschaft bekommen, derzeit keinen Grund zur Panik. Wir müssen keine Flüge streichen und keine Länder isolieren. In einigen Gebieten ist die Situation schwierig, aber noch beherrschbar. Wenn wir uns allerdings noch weiter aus der Infektionsbekämpfung und der Basisgesundheitsversorgung zurückziehen, steigt auch unsere eigene Verwundbarkeit weiter. Es ist nicht harmlos, Entwicklungsausgaben zu streichen. ZEIT: Ein deutscher Diplomat sagte uns kürzlich: Als Ebola zum ersten Mal auftrat, haben wir sofort unsere Teams hingeschickt, um bei der Bekämpfung zu helfen. Jetzt holen wir unsere eigenen Leute raus. De Croo: Beim UNDP versuchen wir stets, unsere Mitarbeiter im Land zu halten, solange wir sie nicht in Gefahr bringen. Aber ja: Wir und auch die Weltgesundheitsorganisation hatten früher mehr Kapazitäten und konnten mehr Fachleute in Krisengebiete entsenden. ZEIT: In Kenia wollten die Vereinigten Staaten eine Quarantänestation eröffnen – ausschließlich für amerikanische Ebola-Patienten, nicht für Kenianer. Der Plan wurde begraben. Dennoch: Zeigt das ein neues Maß an Ignoranz, ja eine Verrohung der Weltpolitik? De Croo: Ich kann diesen Einzelfall nicht beurteilen. Aber in der Entwicklungspolitik kennen wir seit je zwei Seiten der Medaille. Auf der einen steht das Motiv: Das ist das Richtige, das sollte man tun, wir sind alle Menschen. Auf der anderen geht es um handfeste eigene Interessen. Neu ist, dass das Eigeninteresse heute offener ausgesprochen wird und Mitmenschlichkeit nicht mehr dasselbe Gewicht hat. Doch zum Glück gibt es viele Länder, die noch immer beide Seiten im Blick haben. Deutschland gehört dazu. ZEIT: Auch die deutsche Bundesregierung hat Gelder gekürzt. De Croo: Ja, aber Deutschland liegt weiter im Mittelfeld und bleibt für das UNDP der größte Geber. Deutschland hat auch erkannt, dass es bei Entwicklungspolitik nicht um Hilfe und Projekte geht, sondern um Investitionen und Systeme. Was braucht ein Land, damit lokales Unternehmertum gedeihen kann? Welches Gesundheitswesen schafft die Voraussetzung dafür, dass sich bestimmte Industrien ansiedeln? Welche Investitionen in Reformen, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie sind nötig, um eine inklusive Gesellschaft zu sichern? Das alles fördert nicht nur Entwicklung, sondern auch Frieden und Stabilität.