Meinung: Kolumne: 35 Grad im Büro – wir sollten was tun

Datum04.07.2026 08:37

Quellewww.spiegel.de

TLDRDer Klimawandel erfordert sowohl eine Verlangsamung als auch Anpassung. Steigende Temperaturen haben bereits spürbare wirtschaftliche Folgen. Deutschland muss technologische Chancen nutzen, etwa in erneuerbaren Energien und der Infrastruktur, und von früheren Vorreiterrollen lernen. Bürger können durch Investitionen in Energieeffizienz, Solar und nachhaltige Geldanlagen profitieren, während politische Maßnahmen zur Förderung des Klimaschutzes unerlässlich sind.

InhaltDie vergangenen Wochen haben gezeigt, dass wir den Klimawandel nicht nur verlangsamen, sondern uns auch anpassen müssen. Das sind die Möglichkeiten bei Heizung, Auto und Geldanlage. Die Herausforderungen mit dem Klima sind wirklich nicht neu. Nicht für Sie, und für mich ganz sicher auch nicht. Vor 31 Jahren habe ich den ersten Weltklimagipfel in Berlin als Pressesprecher der Umweltverbände begleitet – und versucht, die damalige Umweltministerin Angela Merkel anzustacheln. Damals ging es uns darum, ob wir durch Klimapolitik die Erwärmung so bremsen können, dass wir eigentlich gar nicht so viel an Anpassung leisten müssen. Ökologisches Wachstum versus Postwachstum, darum drehten sich unsere hitzigen Diskussionen. Über bauliche und städteplanerische Anpassungen an ein verändertes Klima haben wir kaum diskutiert damals. Hermann-Josef Tenhagen, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur von "Finanztip" und Geschäftsführer der Finanztip Verbraucherinformation GmbH. Der Geldratgeber ist Teil der gemeinnützigen Finanztip Stiftung. "Finanztip"  refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links, nach deren Anklicken "Finanztip" bei entsprechenden Vertragsabschlüssen des Kunden, etwa nach Nutzung eines Vergleichsrechners, Provisionen erhält. Mehr dazu hier .Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "taz". Dort war er jahrelang ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld. Wir dachten, wir müssten vor allem ein paar Inselstaaten im Pazifik vor steigenden Meeresspiegeln und dem Untergang retten. Notfallmaßnahmen bei uns – das schien in weiter Ferne. Inzwischen erleben wir, dass wir nicht nur etwas tun müssen, damit der Globus nicht verbrennt und die weltweiten Temperaturen nicht deutlich steigen. Die Temperaturen in Europa steigen sogar noch schneller . Wir müssen gleichzeitig eine Menge Geld ausgeben und dafür sorgen, dass wir auch hierzulande die Folgen des Klimawandels, die es jetzt schon gibt, sozial, ökonomisch und politisch besser überstehen. Ein Symbol: In meinem Finanztip-Büro unterm Dach werden es im Sommer inzwischen regelmäßig über 30 Grad. Die Kollegen haben in meiner Abwesenheit in der vergangenen Woche 35 Grad gemessen. Jenseits solcher anekdotischen Evidenz gibt es auch harte Zahlen . Die Zahl der Hitzetage in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahrzehnten schlicht verdreifacht. Und jeder Hitzetag kostet die deutsche Wirtschaft 431 Millionen Euro, hat Prognos 2025 mal ausgerechnet . Mehr Hitzetage sind tatsächlich Klimawandel. Friederike Otto, Klimaprofessorin am Imperial College in London, hat mit ihrem Forschungsteam lineare Zusammenhänge zwischen der globalen Erwärmung und vermehrten Hitze- und Dürrekatastrophen gezeigt. Die Forschungsergebnisse und Modelle des von ihr mitgegründeten Netzwerks World Weather Attribution werden inzwischen sogar genutzt, um Energiekonzerne vor Gericht für die Folgen des Klimawandels zur Verantwortung zu ziehen. Beides, nämlich den Klimawandel zu bremsen und mit den Folgen der schon unabwendbaren Erwärmung umzugehen, sind gleichzeitig ökonomische Herausforderungen. Man könnte auch sagen, es sind ökonomische Chancen. Für uns hier in Deutschland. Weil Technologie, gerade im Energie- und Klimabereich, etwas ist, mit dem wir uns auskennen. International wird uns in dem Feld immer noch Kompetenz zugeschrieben. Ob wir noch Vorreiter sind, da habe ich Zweifel. Das Institut Prognos hat in der oben erwähnten Studie für das Bundeswirtschaftsministerium solche Chancen auf Jobs und Wachstumseffekte beschrieben. Netto sollte die Zahl der Arbeitsplätze bei einer ambitionierten Klimapolitik sogar höher sein . Früher hat die Welt, wenn es um technologischen und gesellschaftspolitischen Wandel in Klimafragen ging, nach Deutschland geschaut. Das Anfang des Jahrtausends eingeführte EEG, das Erneuerbare-Energien-Gesetz mit seiner Einspeisevergütung , ist in anderen Ländern, Bundesstaaten oder Staatenbünden über 100-mal kopiert worden . Weil andere Länder fasziniert gesehen haben, wie man in Deutschland mit dem Instrument die Bürgerinnen und Bürger dazu gebracht hat, in erneuerbare Energien zu investieren. Sogar die konservativen Bauern. Nur an den aktuell Regierenden hierzulande ist diese Faszination vorbeigegangen. Beim EEG geht es in der Berliner Debatte seit Jahren nur noch um die Kosten, nicht um die politische Lernkurve und die Ableitung für weitere Reformprojekte. Jetzt soll die Einspeisevergütung sogar komplett abgeschafft werden. Beim Bauen und im Verkehrssektor hinken wir beim Klimaschutz hinterher, wir sind die Verbrennerauto-Nation. Unsere Regierungen kämpfen die meiste Zeit dafür, politisch im Bau- und im Verkehrsbereich nichts tun zu müssen. 2021 musste das Bundesverfassungsgericht die damalige schwarz-rote Koalition unter Kanzlerin Angela Merkel mit seinem Klimaurteil zum Jagen tragen, damit auch künftige Generationen noch ein lebenswertes Land vorfinden . Das Klimagesetz wurde im Wahlkampf 2021 verschärft, doch schon die Ampelkoalition hat die gerichtlich geforderten Klimaziele wieder verwässert, und die schwarz-rote Regierung von Friedrich Merz will keine Konsequenzen daraus ziehen, dass der Verkehrssektor und der Gebäudesektor geplanten Ziele nicht einhalten. Das geht nicht länger. Der aktuelle Sommer oder Frühsommer zeigt: Wir müssen uns jetzt um beides parallel kümmern, Klimaschutz und Anpassung. Eigentlich hat Wladimir Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine mit seinen energiepolitischen Konsequenzen schon die erste Steilvorlage geliefert. Grüne Energie sei Freiheitsenergie, sagte ein Bundesfinanzminister von der FDP damals. Auch der Irankrieg von US-Präsident Donald Trump hat das noch einmal deutlich gemacht. Aber die deutsche Politik tut sich einfach schwer, diese Vorlagen auch zu verwandeln. Sogar die internationale Energieagentur  war in ihren Vorschlägen kreativer als Politik und Industrie. Erfolgsorientierte Politik könnte auf der einen Seite schauen, wie wir technologisch und sozial wieder die Vorreiterrolle erreichen, die wir mal hatten, und dort unsere Arbeitsplätze, unsere wirtschaftliche Zukunft als Exportnation sichern. Auf der anderen Seite hat die Regierung sich das Mandat geben lassen, 500 Milliarden Euro zusätzlich für die Modernisierung der Infrastruktur auszugeben. Das Geld sollte nicht genutzt werden, um Flatterbänder auf Autobahnabschnitten zu durchschneiden, sondern um Städte neu, effizient und ökologisch umzuplanen. Um sie wieder zu Orten der Innovation, statt zu den Grillöfen der Republik zu machen. Technisch geht eine Menge, wie Beispiele aus den USA, Spanien, Frankreich und Dänemark zeigen. Helle Straßenbeläge sollen Städte weniger stark aufheizen, in Madrid warnen spezielle Armbänder gefährdete Berufsgruppen vor Überhitzung. Nicht jede gute Anpassungsidee braucht dabei Hightech . Paris lässt registrierte ältere Menschen und Menschen mit Behinderung bei Hitzewellen anrufen. In Dänemark übernehmen Freiwillige solche Sicherheitsanrufe für alleinlebende Ältere und merken so schnell, wenn jemand Hilfe braucht. Hat das jetzt irgendeine Konsequenz für Ihr finanzielles Wohlergehen, fürs Geldanlegen? Natürlich hat die doppelte Herausforderung Konsequenzen für Ihren Geldbeutel. Wie die Geschichte des EEG gezeigt hat, können Sie als Bürgerin und Bürger davon profitieren, dass Sie Ihr Geld richtig investieren. Beim eigenen Haus heißt das nicht, überstürzt eine neue Heizung einzubauen. Stattdessen machen Sie einen Plan, wie Ihr Zuhause mit heißeren Sommern und der immer teurer werdenden Energie besser zurechtkommt. Fangen Sie mit den einfachen und kostengünstigen Dingen an. Heizkurven sind oft auf Werkseinstellungen, das Heizsystem ist schlecht abgestimmt, und Heizungsrohre sind ungedämmt. Da können Sie ansetzen: Stellen Sie die Heizkurve auf Ihren tatsächlichen Bedarf ein, lassen Sie einen hydraulischen Abgleich durchführen  und dämmen Sie die Heizungsrohre . Das spart oft schon viele Hundert Euro im Jahr. Wer noch mit Gas  oder Öl  heizt, sollte außerdem regelmäßig die Preise vergleichen. Auch gegen Hitze lässt sich oft schon mit überschaubarem Aufwand etwas tun: etwa durch außen liegende Verschattung, richtiges Lüften oder besser gedämmte Schwachstellen. Weitere Tipps zum Energiesparen im Bestandsgebäude finden Sie hier  und hier . Der Vorteil: Je weniger Energie Ihr Haus benötigt, desto kleiner und günstiger kann später die neue Heizung ausfallen. Für größere Maßnahmen können Sie sich den Staat ins Boot holen, etwa über Steuerbonus oder Heizungsförderung. Ob die Förderung künftig besser wird, ist offen – aber unwahrscheinlich. Wer ohnehin investieren muss, sollte deshalb prüfen, was jetzt möglich ist . Die gleichen Überlegungen können Sie auch bei Ihrem Auto anstellen. Brauchen Sie den nächsten Zweitwagen oder das eigene Auto überhaupt noch? Und wenn ja, wie sorgen Sie dafür, dass es elektrisch sein kann? Das wird ganz bestimmt preiswerter. Auf dem Land brauchen Sie das Auto wahrscheinlich, auch wegen des fehlenden öffentlichen Nahverkehrs. Aber Ihre Chance für die eigene Solaranlage auf dem Dach oder im Garten ist ungleich größer. Im Prinzip könnten Sie sogar den eigenen Auto-Akku zum Stromspeicher für Ihr Zuhause machen, bei immer mehr Modellen ist das möglich. Solange der Technologiestandort Deutschland noch nicht so weit ist, kaufen Sie sich eben einen preiswerten Speicher  für den Keller oder Dachboden und eine Wallbox  und profitieren erst mal fürs E-Auto vom selbst erzeugten Ökostrom. Die Bilanz ist inzwischen finanziell meistens unschlagbar . Damit schon bald viele E-Autos mit ihren Akkus das Stromnetz entlasten können, ist der Innovationsstandort Deutschland mit seiner Autoindustrie gefordert. Die Bürgerinnen und Bürger machen ja schon alles Mögliche. In manchen Kleinstädten hängen die Solaranlagen am Bahnhof schon über dem Gartenzaun. Ihre eigene Solaranlage sollten Sie, wenn möglich, wegen des drohenden Endes der Einspeisevergütung noch dieses Jahr an den Start bringen und gleich vorläufig einen preiswerten Speicher dazu kaufen . Nicht nur fürs Auto: So manche moderne Wärmepumpe eignet sich im Sommer auch als Klimaanlage. Den nötigen Strom liefert die Solaranlage im Sommer pünktlich. Wenn Sie dann mehr Solarstrom erzeugen, wäre es natürlich super, den Strom direkt vor Ort zu verbrauchen. Oder der Nachbar. Seit dem 1. Juni geht das – zumindest auf dem Papier. Die praktische Umsetzung wird noch dauern . Sie können den Strom des Nachbarn nutzen, nur die unverändert hohen Netzgebühren schmälern den finanziellen Vorteil. Daran könnten die Regierenden drehen – wenn sie wollen. Auf die Art können Sie aus Ihrem Haus, das einst viel Energie verbraucht hat, zumindest zeitweise sogar einen Energielieferanten machen. Billige Freiheitsenergie vom Nachbarn. Vielleicht können die Regierenden noch mal bei den Nachbarn jenseits der Grenze schauen, wie die das denn machen. Wer Haus und Auto sein Eigen nennt, kann unmittelbar handeln. Aber auch mittelbar sind wir vor dem Hintergrund der Klimaherausforderungen nicht zum Nichtstun verdammt. Als Mieterin, als Fahrradfahrer, als Geldanlegerin. Mindestens können Sie überlegen, Ihr Geld in einem ETF anzulegen, der nicht nur marktbreit und weltweit investiert, sondern auch nachhaltiger. Also nicht ökologisch komplett nachhaltig, aber nachhaltiger. Bei Finanztip haben wir diese hellgrünen Fonds über Jahre begleitet und können mit einiger Sicherheit sagen: Eine solche Anlagestrategie lohnt sich. Die nachhaltigen ETFs  sind günstig und investieren in viele Aktien von Unternehmen aus der ganzen Welt. So wird das Risiko gestreut. Gleichzeitig setzen sie aber nur auf die nachhaltigsten Unternehmen jeder Branche und schließen besonders dreckige Unternehmen komplett aus. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sagen schon länger, dass Firmen, die auf ihren ökologischen und sozialen Fußabdruck achtgeben, im Prinzip besser gemanagt seien und auch bessere Ergebnisse erwirtschaften müssten. Viel höher sind die Renditen bislang allerdings noch nicht. Aber wir können bei Finanztip auch einzelne dieser Fonds empfehlen. Tatsächlich haben sich die Anlageergebnisse über die längere Frist kaum von denen klassischer ETF-Anlagen  unterschieden. Manchmal liefen sie etwas besser, manchmal etwas schlechter. Das bessere Gewissen gab’s obenauf. Lohnt es sich vielleicht, bei der Geldanlage noch strenger auf den Fußabdruck achtzugeben? Bislang tue ich mich schwer damit. Zum einen erheben streng ökologisch gemanagte Fonds anders als die von uns empfohlenen ETF-Indexfonds hohe Verwaltungsgebühren, die sie oft nicht wieder erwirtschaften. Zum anderen erhöhen sie durch strenge Ausschlüsse das Risiko der Anlage. Oft stammen die enthaltenen Aktien dann aus ähnlichen Branchen, und Anleger gehen ein Klumpenrisiko ein. Nachhaltige ETFs bieten hingegen den günstigen Mittelweg zwischen Risikominimierung und Nachhaltigkeit. Werden wir in den kommenden Wochen und Monaten eine heftige Debatte übers Klima haben? Hoffentlich. Ganz persönlich habe ich überlegt, ob wir mit unserem Bürovermieter mal über das Klimathema sprechen. Immer dann, wenn die Sonne richtig scheint, haben wir es bei uns ordentlich warm. Zu Hause würde ich ja eine Balkon-Solaranlage einsetzen . Wir haben im Büro 13 Balkone. Da muss doch was gehen. Für weniger als 35 Grad.