Angriffe von Pakistan: Worum es im Konflikt zwischen Pakistan und Afghanistan geht

Datum03.07.2026 14:20

Quellewww.zeit.de

TLDRPakistan führt aufgrund vermeintlicher Terroranschläge einen "offenen Krieg" gegen die Taliban-Regierung in Afghanistan. Der Konflikt hat historische Wurzeln und wird durch die unerkannte Durand-Linie verschärft. Wiederholte Eskalationen mit Luftangriffen und Gegenangriffen treffen die Zivilbevölkerung hart und verschlimmern die humanitäre Krise. Internationale Vermittlungsversuche scheitern oft am Kreislauf der Gewalt.

InhaltImmer wieder gibt es an der Grenze von Pakistan und Afghanistan Angriffe, mehrfach wurde verhandelt. Pakistan spricht von einem "offenen Krieg". Was steht dahinter? Der Konflikt zwischen Afghanistan und Pakistan eskaliert immer wieder, zuletzt Ende Juni. Warum kommt es dazu? Welche Vorwürfe stehen im Raum? Welchen historischen Hintergrund hat der Konflikt? Der Konflikt entlang der Grenze der beiden Länder eskaliert seit einiger Zeit. Bereits im vergangenen Oktober hatte die pakistanische Armee Ziele in Afghanistan angegriffen, danach war eine vorübergehende Waffenruhe vereinbart worden. Diese hielt jedoch nur zwei Tage, es folgte eine erneute Waffenruhe. Ende Oktober erklärte Pakistan die Verhandlungen über einen langfristigen Waffenstillstand zwischen den Ländern in Istanbul aber für gescheitert. Seit Ende Februar dieses Jahres spricht die pakistanische Regierung von einem "offenen Krieg" gegen die Taliban-Regierung. Pakistan hatte Afghanistan bereits in der Vergangenheit mehrfach vorgeworfen, Terroristen zu beherbergen, die in Pakistan Anschläge verüben. Die Regierung in Kabul bestritt derartige Vorwürfe in der Vergangenheit. Im Februar hatte ein Terroranschlag in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad eine weitere Eskalation ausgelöst. Für diesen hatte die pakistanische Regierung die Taliban in Afghanistan verantwortlich gemacht. Die Ursachen für das angespannte Verhältnis reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. 1893 entstand die Grenze zwischen den Ländern auf den Druck der britischen Kolonialverwaltung hin und grenzte das Emirat Afghanistan von dem kolonialisierten Britisch-Indien ab. Sie ist benannt nach dem Briten Sir Henry Mortimer Durand, der Außenminister der britischen Kolonie Indien war. Heute grenzt Afghanistan jedoch nicht mehr an die britische Kolonie Indien, sondern an Pakistan. Die Grenze wurde von afghanischer Seite aber nie anerkannt. Besonders nationalistische Paschtunen wollen erreichen, dass die Gebiete in der Grenzregion in Zukunft wieder zu Afghanistan gehören. Auch in der jüngeren Vergangenheit ist die Geschichte der beiden Länder verbunden. Als die Sowjetunion 1979 in Afghanistan einmarschierte, kam Pakistan bei der Nachschublieferung der USA an die Widerstandsgruppe der Mudschaheddin eine zentrale Rolle zu. Die Taliban, die wenige Jahre nach der sowjetischen Invasion in den 1990er Jahren das erste Mal in Afghanistan herrschten, rekrutierten sich zum Teil aus dem Umfeld religiöser Schulen in Pakistan, den sogenannten Madrasa-Schulen. Damals gehörte Pakistan zu den wenigen Ländern, die die erste Herrschaft der Taliban anerkannten. Seit der erneuten Machtübernahme der Taliban in Afghanistan im Jahr 2021 haben sich die Beziehungen zwischen den beiden Ländern verschlechtert. Experten zufolge hatte Pakistan gehofft, seinen Einfluss im Nachbarland nach der erneuten Machtübernahme der Taliban ausbauen zu können. Das hat demnach jedoch nicht funktioniert. Zuletzt hatten Afghanistan und Pakistan in China über den Konflikt verhandelt. Chinesischen Angaben zufolge hatten sich die Länder im April darauf geeinigt, keine Maßnahmen zu ergreifen, durch die die Situation eskalieren würde. "Das ist letztlich ein sehr typisches Muster. Es gibt immer eine Eskalation, sei es ein Terroranschlag. Pakistan antwortet darauf, die Lage eskaliert", sagt Experte Felix Kolbitz, der bei der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung für Pakistan zuständig ist. "Es kommt zu Vermittlungen etwa durch China, die Türkei, Saudi-Arabien oder Katar. Man einigt sich auf einen Waffenstillstand und der hält dann im Grunde wieder bis zur nächsten Runde", sagt Kolbitz der ZEIT. Seit Februar beobachte er, dass sich diese Spirale deutlich schneller drehe. Die Taliban ziehen aus Einschätzung von Kolbitz ihre Energie aus Konflikten. "Das zu durchbrechen, ist die Herausforderung." Die pakistanische Seite müsse erkennen, dass der Konflikt nicht mit militärischen Mitteln zu gewinnen sei, sagt Kolbitz. Sie müsse andere Anreize, etwa durch Handel oder bessere Abkommen schaffen, die den Terrororganisationen den Nährboden nehmen. "Ich glaube, das ist die große Herausforderung." Das pakistanische Militär hatte Ende Juni Ziele in Afghanistan aus der Luft und am Boden angegriffen. Nach Angaben Pakistans galten die Angriffe Extremisten und fanden entlang der Grenze zwischen den beiden Ländern statt. Laut dem pakistanischen Informationsminister Attaullah Tarar galten die Luftangriffe Zielen in den Provinzen Paktia, Paktika und Kunar. Die islamistischen Taliban, die in Afghanistan 2021 die Macht übernahmen, sprachen hingegen von getöteten Zivilistinnen und Zivilisten, darunter Frauen und Kinder. Die britische Rundfunkanstalt BBC berichtete unter Berufung auf Taliban-Angaben von Angriffen auf Ziele in der pakistanischen Grenzprovinz Belutschistan. Das pakistanische Militär teilte mit, vier Drohnen abgeschossen zu haben. Es habe zudem gewarnt, dass jede weitere Provokation, eine passende Antwort erhalte. Informationsminister Tarar teilte mit, dass durch die Angriffe Ende Juni mutmaßliche Terroristen getötet worden seien. Dazu sollen auch Angehörige der militanten Gruppe Jamaat-ul-Ahrar (JuA) gehören. Diese werden häufig mit den pakistanischen Taliban, der Gruppe Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP) in Verbindung gebracht. Tarar stellte die Angriffe in einem Post auf der Onlineplattform X als Antwort auf vorangegangene Terrorangriffe in Pakistan dar. Dazu gehörte auch ein Anschlag, der sich vor kurzem in der pakistanischen Hafenstadt Karachi ereignet hatte und zu dem sich die JuA bekannt hatte. Durch den Vorfall waren drei Sicherheitskräfte getötet worden. Die Vereinten Nationen beschreiben die pakistanischen Taliban (TTP) als eine Allianz ehemals unterschiedlicher militanter Gruppen, die in der Grenzregion von Pakistan und Afghanistan ansässig ist. Sie hätte es sich zum Ziel gesetzt, die gewählte Regierung Pakistans zu stürzen und ein Emirat auf Grundlage der eigenen Auslegung des islamischen Rechts zu etablieren. Die TTP sind mit den Taliban in Afghanistan verbündet, aber nicht organisatorisch verbunden. 2010 klassifizierte das US-Außenministerium sie als terroristische Organisation. Die ohnehin angespannte humanitäre Lage in Afghanistan wird durch den Konflikt verschärft. Die bergige Grenzregion im Osten Afghanistans wurde außerdem im vergangenen Jahr von einem Erdbeben verwüstet. Im März hatte es zudem Berichte darüber gegeben, dass der Krieg im Iran den Nachschub für Hilfsgüter erschwere. In einem Bericht des Amtes der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) Afghanistan hieß es, dass die Gewalt an der Grenze zwischen den Sicherheitskräften der de facto Regierung der Taliban in Afghanistan und dem pakistanischen Militär zwischen Januar und März zu 769 zivilen Opfern führte. Die Zahlen stammen demnach von der United Nations Assistance Mission in Afghanistan (UNAMA). 372 Menschen davon sollen gestorben und 397 verletzt worden sein. Besonders viele Vorfälle seien auf Luftangriffe zurückzuführen, hieß es in dem Bericht, der im Mai veröffentlicht wurde. Hilfsorganisationen schätzen, dass seit der Eskalation mehr als 100.000 Menschen in den Provinzen Khost, Kunar, Nangarhar, Nuristan, Paktia und Paktika vertrieben wurden. Bereits im März hatte die Organisation Save the Children zudem von 68.000 vertriebenen Kindern infolge des Konflikts gesprochen. Mit Material der Nachrichtenagenturen AP, AFP, dpa und Reuters