Wissenschaftler gegen AfD: »Das ist ein Akt der Notwehr«

Datum03.07.2026 11:28

Quellewww.zeit.de

TLDRWissenschaftler haben die Initiative "Wissenschaft gegen Faschismus" gegründet, um sich gegen die AfD zu positionieren. Angesichts der Gefahr einer Faschisierung und Bedrohung der Wissenschaftsfreiheit rufen sie in Erfurt zur Gegenmobilisierung auf. Sie fordern, Krisen an ihren Wurzeln anzugehen, anstatt regressive autoritäre Antworten zuzulassen. Ihre Sorge gilt der Einschränkung der Forschung und Lehre, falls die AfD an Einfluss gewinnt.

InhaltWissenschaft im Widerstandsmodus: Forschende rufen zum Widerstand gegen die AfD auf. Ein Gespräch über den Protest und Faschisierungstendenzen in der Gesellschaft. Der Initiative "Wissenschaft gegen Faschismus" haben sich knapp 600 Forschende angeschlossen. Am Wochenende, wenn sich die AfD in Erfurt zum Bundesparteitag trifft, treffen sich auch Professorinnen und Professoren dieser Initiative in der Stadt zu einer Tagung. Unter der Überschrift "Bevor es zu spät ist" diskutieren sie "wissenschaftliche Perspektiven auf die faschistische Gefahr". Mit dabei: die in Jena lehrende Soziologin Silke van Dyk und die Philosophin Rahel Jaeggi von der Berliner Humboldt-Universität. Beide wollen in Erfurt nicht nur über Gefahren sprechen – sondern auch gegen die AfD auf die Straße gehen. DIE ZEIT: Frau van Dyk, einen derart großen Zusammenschluss von Wissenschaftlern, die sich öffentlich gegen die AfD positionieren, hat es bislang nicht gegeben. Warum jetzt? Silke van Dyk: Das ist nicht einfach ein normaler Parteitag einer gewöhnlichen Partei. Hier versammeln sich Mitglieder einer explizit demokratiefeindlichen, in Teilen gesichert rechtsextremen Partei. Natürlich mobilisieren uns auch die anstehenden Landtagswahlen und die Möglichkeit einer AfD-Alleinregierung in Sachsen-Anhalt. Wir – als Soziologen, als Historikerinnen, als Philosophen – forschen zu den Hintergründen, wie es zu dieser fundamentalen Rechtsverschiebung kommen konnte. Dieses Wissen wollen wir unter die Leute bringen. ZEIT: An Erklärungsansätzen für den Erfolg der AfD gibt es keinen Mangel. Die Versuche, die AfD zu schwächen – etwa durch eine härtere Migrationspolitik –, haben dennoch nicht funktioniert. Hören Politik und Gesellschaft zu wenig auf Sie? Rahel Jaeggi: Die sozialwissenschaftliche Erkenntnis, dass die Übernahme rechtsextremer Positionen nie zu einer Schwächung der Rechtsextremen führt, weil die Leute lieber das Original wählen, sollte sich eigentlich herumgesprochen haben, dürfte man meinen. Das sogenannte Migrationsproblem ist aber auch ein gutes Beispiel dafür, wie nicht nur die Lösung einer Krise in die falsche Richtung führt, sondern die Krise schon selbst falsch beschrieben ist. Denn haben wir wirklich eine Migrationskrise? Oder haben wir eine Krise der Infrastruktur? Was müsste man also tun, um Krisen dort anzugehen, wo sie angegangen werden müssten, statt regressive autoritäre Antworten zuzulassen? Das ist eine Frage, die wir diskutieren wollen. ZEIT: Was genau haben Sie auf der Konferenz vor? Jaeggi: Zunächst mal ist das schlicht eine wissenschaftliche Tagung, auf der viele verschiedene Stimmen über die faschistische Gefahr diskutieren. Es geht nicht nur um die AfD, es geht überhaupt um demokratiefeindliche, menschenfeindliche, rechtsextreme Tendenzen, etwa in der Migrationspolitik. Und um die Frage, auf welche Krise reagiert diese aufkommende Bewegung, und worin besteht eigentlich das, was man faschistische Gefahr oder Faschisierung nennt. Dass die Konferenz in Erfurt am Vortag des AfD-Parteitags stattfindet, soll zeigen: Die Schritte dorthin passieren nicht irgendwann und irgendwo, sondern hier und heute. ZEIT: Warum wenden Sie sich erst jetzt als Wissenschaftscommunity an die Öffentlichkeit? Jaeggi: Wir äußern uns ja nicht erst jetzt. In unseren Feldern wird schon lange zu Autoritarismus, Rechtsextremismus, Rassismus, Migrationsfeindlichkeit oder der Angreifbarkeit rechtlicher Institutionen geforscht. Und es wird schon seit einiger Zeit über den sogenannten neuen Faschismus oder die neuen Faschisierungstendenzen diskutiert. Diese Konferenz liefert eine erste Zwischenbilanz der Erkenntnisse. Es ist wichtig, sich mit der Öffentlichkeit darüber zu verständigen, was hier passiert und den Beteiligten mit Begriffen und Konzepten etwas an die Hand zu geben, um die Situation zu verstehen. Wir sehen auch unter Studierenden, dass viele sehr beunruhigt sind und sich einbringen wollen. Wir als Wissenschaftlerinnen sind gefragt, im Grunde zum Schutz der Gesellschaft und als Teil einer gesellschaftlichen Gegenmobilisierung. ZEIT: Unter den knapp 600 Unterstützern von "Wissenschaft gegen Faschismus" ist nur eine Handvoll an den großen Unis in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt tätig. Wieso finden Sie ausgerechnet dort, wo die AfD bald stärkste Partei werden könnte, so wenig Unterstützung? Van Dyk: Für Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt kann ich das nicht beantworten, aber ich denke, dass es weniger mit den Landtagswahlen als mit bestehenden Netzwerken zu tun hat. Für Thüringen kann ich nur sagen, dass die Unterstützung groß ist. Es sind ja Wissenschaftler und Studierende der Unis in Jena und Erfurt, die gemeinsam mit anderen unsere Konferenz auf die Beine gestellt haben. Gerade, weil es direkt vor unserer Haustür passiert. ZEIT: Sie warnen vor der AfD, auch weil Sie die Wissenschaftsfreiheit gefährdet sehen. Was macht Ihnen als Professorinnen Sorge vor einer AfD-Hochschulpolitik? Van Dyk: Das Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt richtet sich explizit gegen bestimmte Forschungsstränge: Gender Studies, postkoloniale Studien, das soll verschwinden, und stattdessen werden Lehrstühle für kritische Klimawissenschaft angekündigt – zugespitzt möchte man Professoren für Klimawandelleugnung berufen. Doch am Ende wird es nicht nur einzelne Forschungsrichtungen treffen, sondern insgesamt die Freiheit von Forschung und Lehre. In so einem Klima entstehen Angsträume, in denen sich Wissenschaftlerinnen überlegen, wie und wozu sie forschen, aus Sorge vor Konsequenzen. Forschung braucht Demokratie, und Demokratie lebt von freier Wissenschaft. Und gerade in der Hochschulpolitik hätte eine AfD-Landesregierung einen starken Durchgriff. Jaeggi: Die Haltung, sich präventiv wegzuducken, ist eine Gefahr, die sich schon jetzt abzeichnet. Unter Studierenden, die überlegen, ob dieses oder jenes Thema sie in ein falsches Fahrwasser bringt. Unter Lehrenden, die sich fragen, wollen wir unseren Lehrstuhl für Genderforschung noch so nennen, oder gäbe es einen unverfänglicheren Titel? So wird schon geredet, mit Blick auf mögliche kommende Regierungsbeteiligungen der AfD. ZEIT: Gibt es unter Ihren Kollegen auch welche, die an Forschungsgeld, das die AfD freimachen könnte, interessiert sind? Van Dyk: Das habe ich selbst bisher nicht beobachtet. Die offene Unterstützung der AfD ist an den Hochschulen gering, aber es ist nicht davon auszugehen, dass sich die Wissenschaft in ihrer ganzen Bandbreite von der AfD abgrenzt. Bestimmt werden manche Forscher im Wettbewerb um Ressourcen dorthin gehen, wo sie die finden.