Datum02.07.2026 17:30
Quellewww.spiegel.de
TLDRDie schwarz-rote Koalition hat ein Reformpaket für "Aufschwung und Beschäftigung" vorgelegt. Kernpunkt ist eine Krankschreibung ab dem ersten Tag, die eine ärztliche Bescheinigung erfordert und auf Misstrauen basiert. Dies stößt auf heftige Kritik von Ärzten und den Grünen. Das Paket wird als „kleinster gemeinsamer Nenner“ bewertet, dessen Erfolg von der Umsetzung abhängt. Interviews beleuchten zudem Themen wie Drogensucht im Deutschrap.
InhaltDie schwarz-roten Reformpaketboten haben geliefert. Was ändert sich bei Krankschreibung und Kündigungsschutz? Und ist das alles ein großer Wurf oder der kleinste gemeinsame Nenner? Das ist die Lage am Donnerstagabend. Die drei Fragezeichen heute: Heute sind Kanzler Merz und die Spitzen der von ihm geführten schwarz-roten Koalition vor die Kameras getreten und haben einen Durchbruch bei den Reformvorhaben verkündet, auf den das Land lange gewartet hat. Herausgekommen sind 34 Einzelpunkte, die ein "Programm für Aufschwung und Beschäftigung" ergeben sollen (hier die fünf wichtigsten Beschlüsse im Schnellcheck ). Meine Kolleginnen und Kollegen aus unserem Hauptstadtbüro und unserem Wirtschaftsressort ordnen Ihnen die Pläne ein: "In den Arbeitsmarkt soll wieder mehr Bewegung, das war offenbar ein Ziel der Koalition", berichtet mein Kollege Florian Diekmann. "Die Verhandelnden hatten mehrere Optionen, geeinigt haben sie sich auf alle." Dazu zählen: Mehr dazu hier: Was den Arbeitsmarkt sonst noch ankurbeln soll "Ich hätte das nicht gemacht", sagt Ex-Gesundheitsminister Lauterbach von der SPD über den wohl umstrittensten Beschluss: Wer sich krank meldet, braucht künftig ab dem ersten Tag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Dafür muss man in die Praxis, per Telefon soll sie niemand mehr bekommen. Mein Kollege Christian Teevs sagt: "Bisher vertraut man den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern grundsätzlich, die Neuregelung stellt auf grundsätzliches Misstrauen um." (Hier mehr dazu .) Die Reaktionen sind laut und heftig: Ärztevertreter sprechen von "Super-Gau" für die Praxen, nennen die Beschlüsse "absolut katastrophal". Die Grünen geißeln den Aufbau eines "gesundheitspolitischen Bürokratisierungs- und Belastungsprogramm". Jede Wette, der Widerstand an diesem Punkt wird heftig. Mehr Hintergrund hier: Krankschreibung ab Tag eins – "für Arztpraxen ist das der Super-GAU" "Erstmal können alle drei Koalitionspartner aufatmen", findet meine Kollegin Sophie Garbe. "Dass sie sich vor dem Sommer auf ein Paket verständigt haben, ist ein Erfolg an sich." Vor dem Treffen habe man auf beiden Seiten noch befürchtet, sich bei Einkommensteuer und Arbeitsmarkt gar nicht einigen zu können – oder dass es eine Mammut-Sitzung brauchen würde, um zusammenzufinden. Beides ist nicht eingetreten. "Es gibt ein großes Aber", findet Sophie. "Das Paket ist kein großer Reformaufschlag, sondern eher der kleinste gemeinsame Nenner." Und beide Seiten konnten am Ende nur Teile von dem durchsetzen, was sie sich ursprünglich erhofft hatten. Bei der Einkommensteuer konnte die SPD einen Punkt machen: Die Reichensteuer wird angehoben. CDU und CSU dürften sich wiederum freuen, dass sie beim Thema Arbeitsmarkt einiges durchgesetzt haben (siehe oben). Mein Kollege Roland Nelles ist bei allem Klein-Klein optimistisch: "Dieses Reformpaket könnte Deutschland endlich aus der Krise führen", kommentiert er. "Entscheidend ist vor allem die Botschaft, dass das Land insgesamt wieder flexibler, weniger bürokratisch und selbstbewusster werden soll." Bei manchen Schlagzeilen gibt es nur zwei denkbare Reaktionen: 1. Ach was! 2. No shit! Heute bei der Meldung "Kannibalismus ist schlecht für die Gesundheit". Ach was! Und über dem Interview, das meine Kollegin Nora Gantenbrink mit dem erfolgreichen Rapper Capital Bra geführt hat, steht das Zitat "Drogen machen dein Leben fürn Arsch". No shit. Es folgt dann aber eines des bemerkenswertesten Gespräche, das ich seit langem gelesen habe. Bemerkenswert offen, bemerkenswert klar, bemerkenswert selten - denn Capital Bra gibt eigentlich keine Interviews. In seinen Liedern geht es oft um Drogenkonsum – vor allem um das Schmerzmittel Tilidin. Auch während des Interviews zog er ein Tilidin-Rezept aus der Jackentasche. Nora schreibt seit Jahren über Deutschrap. Sie hat den suchtkranken Rapper Haftbefehl in Offenbach interviewt und mit Sido über seine Drogensucht gesprochen. Sie selbst hatte einen suchtkranken Vater, was sie zu einem Buch mit dem Titel "Dad" inspiriert hat. Auch deshalb treibt sie die Frage um: Warum sind so viele Rapper abhängig? Diese Frage stellte sie auch Capital Bra. Nora sagt: "Die Spuren seiner Suchterkrankung sieht man ihm an. Capital Bras größter Wunsch ist: clean zu werden." Aus der Scrolle gefallen: Die US-amerikanische Schauspielerin Sadie Sink, 24, bekannt als Max in der Netflix-Serie "Stranger Things", rügt störenden Handygebrauch im Theater. Sie sagte dem US-Magazin "Nylon": "Ich bin total wütend, wenn ich im Publikum drei iPhones sehe." Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel. Drei Vorschläge. Sie könnten... - ... etwas kochen, vielleicht nahezu vietnamesische Glasnudeln mit gewürztem Hack und so wieder "den Geschmack der Küchen der Welt fälschen", wie es mein Kollege Stevan Paul nennt. "Fischsauce, Limette und Chili schmecken jedenfalls nach Vietnam, und in der vietnamesischen Küche liebt man das Spiel mit warmen und kalten Komponenten", so Stevan. "Hauptsache würzig, dabei leicht und belebend – so wie diese herzhafte Bowl." (Hier das Rezept .) - ... Fußball gucken, bei der WM treffen heute um 21 Uhr Spanien und Österreich aufeinander (hier der Live-Kommentar ). Ihnen einen unterhaltsamen Abend. Herzlich Ihr Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion