Fußball-WM heute: Das Habsburger-Duell

Datum02.07.2026 17:26

Quellewww.zeit.de

TLDRDer Artikel beleuchtet verschiedene Aspekte der WM: das "Habsburger-Duell" Spanien gegen Österreich, die Karrieren alternder Stars wie Modrić und Ronaldo, die schwierige Nachfolge von Fußballlegenden am Beispiel von Luca Zidane und die weiterhin im Turnier vertretenen deutschen Trainer Rangnick und Tuchel. Zudem wird Korruption im DFB und die historische Bedeutung der niederländischen Hymne thematisiert.

InhaltSpanien gegen Österreich. Wer denkt da nicht an Königshäuser? Die Geschichte lehrt eine alte Fußballerweisheit: Irgendwann endet jede Herrschaft. Das bringt der WM-Abend. Was ist das Spiel des Tages? Spanien gegen Österreich. Oder wie wir im Fußball-Feuilleton sagen: Das Habsburger-Duell. Im 16. und 17. Jahrhundert regierten die Habsburger Spanien und Österreich, nachdem ihr Sohn Philipp Johanna von Kastilien geheiratet hatte. Es war wohl keine glückliche Ehe, Felipe el Hermoso war einfach zu schön und ging ständig fremd, seine Frau wurde wahnsinnig vor Eifersucht und als Juana la Loca bekannt. Als ihr Mann starb, zog sie monatelang mit dessen Sarg durch das Land. Die Habsburger regierten Spanien fast 200 Jahre lang, bis die spanische Linie der Familie ausstarb: Zu viele Onkel hatten ihre Nichten geheiratet, zu viele Cousins ihre Cousinen; der letzte von ihnen, ein Karl mit dem Beinamen El Hechizado, der Verhexte, litt unter der sogenannten Habsburger Unterlippe, einem weit vorstehenden Unterkiefer, und starb zeugungsunfähig im Jahre 1700. Die österreichische Linie der Habsburger war deutlich erfolgreicher, dort regierte die Familie bis ins Jahr 1918. Die fußballdynastischen Verhältnisse sind umgekehrt: Das Haus Spanien regiert regelmäßig die Fifa-Weltrangliste, die österreichische Linie steht zwar nicht vor dem Aussterben, ist allerdings wirklich keine Weltmacht. Vielleicht zeigt die Partie Spanien gegen Österreich (21 Uhr, ARD) aber eine ewig gültige Lektion der Geschichte: Irgendwann kommt jede Herrschaft an ihr Ende. Zwei große alte Männer des Fußballs: Luka Modrić, 40, und Cristiano Ronaldo, 41. Schon oft in ihren langen Fußballerleben hat sie das Schicksal zusammengeführt, 222-mal liefen sie gemeinsam für Real Madrid auf. Im Spätherbst ihrer Karrieren treffen sie aufeinander (Portugal gegen Kroatien, 1 Uhr, Magenta TV). Es ist das zehnte Duell der beiden, Ronaldo gewann neun davon. Sie sollten Luka Modrić die Daumen drücken. Verlöre der, wäre seine Nationalmannschaftskarriere wohl beendet. Er sagte neulich in einem Interview, dass er ein gewisses Alter erreicht habe und sein Karriereende nah sei. Cristiano Ronaldo hat dagegen einmal ausrechnen lassen, dass er das biologische Alter eines 29-Jährigen besitze. Sie werden also vermutlich noch die Gelegenheit haben, Ronaldos straffes Gesicht im gleißenden Licht der marokkanischen Sonne bei der WM 2030 zu bewundern. Zidane, also Luca Zidane. Den zweitältesten Sohn des berühmten Zizou, zog es, wie seine drei Brüder auch, in den Profifußball. Sie alle wurden in der berühmten Jugendakademie von Real Madrid ausgebildet. Luca spielte in seiner Jugend für die französische Auswahl, entschied sich dann aber für Algerien, das Geburtsland seiner Großeltern. Als ihn dessen Coach Vladimir Petković ins Nationalteam berief, musste er sogleich der Presse versichern, dass der berühmte Vater nicht nachgeholfen habe. Luca zeigte in diesem Turnier, dass es nicht leicht ist, in derart große Fuß(ball)stapfen wie die seines Vaters zu treten. Fotos zeigen Zizou im Publikum, wie er die Leistungen seines Sohnes im algerischen Tor mit versteinerter Miene betrachtet. Tatsächlich waren die derart bescheiden, dass ihn der Coach im letzten Spiel der Vorrunde nicht mehr in die Startelf berief. Auch heute Abend, im Spiel gegen die Schweiz (5 Uhr, ZDF) wird er wohl nur die Bank hüten. Es sieht so aus, als hätte Luca Zidane nicht das Talent seines Vaters geerbt. Allerdings, und das mag immerhin ein schwacher Trost sein, auch nicht dessen Haaransatz. Die deutschen Fußballer mögen ausgeschieden sein, eine stolze Zwei-Drittel-Mehrheit der deutschen Fußballtrainer befindet sich noch immer im Turnier. Das deutsche Fußballwesen lebt in Gestalt von Thomas Tuchel (England) und Ralf Rangnick (Österreich) weiter. Sie haben sich sozusagen, ähnlich wie die Habsburger früher, in fremde Fußball-Familien eingeheiratet. Felix Austria, kann man da nur sagen, denn Ralf Rangnick hat Österreich ins erste WM-K.-o.-Spiel seit 1954 geführt. Über das "Drama von Kansas City", eines der absurdesten Spiele der WM-Geschichte, sagte Rangnick danach: "So ein Wechselbad der Gefühle hatte ich in 40 Jahren Trainertätigkeit noch nicht einmal annähernd." Na, wenn mal das Spiel gegen Spanien heute keine kalte Dusche wird. 150 Ermittler des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen haben die DFB-Zentrale in Frankfurt durchsucht. Wegen Korruptionsverdacht. Es geht um mehrere Tausend Tickets, die vor der Heim-EM 2024 illegal an ausgewählte Gäste vergeben wurden. "Strukturierte Vorteilsgewährung" heißt das auf Juristendeutsch. Gibt es eigentlich auch den Tatbestand "Kriminell schlechtes Abschneiden bei WM-Turnieren"? Unsere hausinterne Hymnenexpertin und Autorin Christina Rietz hört sich zur WM durch die Hymnen der teilnehmenden Nationen. Im Newsletter wird sie Ihnen jeden Tag eine vorstellen. Heute die der Niederlande. Der Niederlande? Die sind schon ausgeschieden, ja. Aber erstens ist die Hymne wunderschön, und zweitens ist es eine antispanische Hymne aus dem 16. Jahrhundert. Auch die Niederlande gehörten nämlich einmal den spanischen Habsburgern und wagten einen Aufstand, den die Hymne verewigt hat. Die Österreicher könnten sie heute Abend bei einem etwaigen fußballerischen Aufstand gegen Spanien leise summen. Hier also "Het Wilhelmus", das Wilhelmslied. Der berühmte Philipp II., König von Spanien, mächtigster Mann der Welt (und Enkel von Philipp dem Schönen und Johanna von Kastilien, Anm. d. Red.), hatte seinen Bluthund, den Herzog von Alba, in die niederländischen Provinzen entsandt. Der führte dort ein grausames Regiment mit Inquisition, Schauprozessen, Enthauptungen und so weiter. Der Protestantismus sollte nachgerade ausgerottet werden. Wilhelm von Oranien wurde zum Anführer der Rebellen und später zum Helden des niederländischen Aufstands. Um 1570 nun, der Kampf ist in vollem Gange, entsteht Het Wilhelmus. Es ist aus der Perspektive Wilhelms geschrieben: "Wilhelm von Nassau bin ich, von duytschen Blut, dem Vaterland treu bleibe ich bis zum Tod." Genauso loyal klingt die Musik. Hier hören wir nichts Rebellisches, im Gegenteil: Akkorde wie Marmorsäulen, langsames Tempo, reine Deklamation, da wackelt harmonisch gar nichts, nicht mal um einen Halbton. Da findet man nirgends ein dissonantes Intervall. Der Aufstand musste ja begründet und legitimiert werden. Der Text macht das extrem klug, indem der imaginierte Wilhelm sagt: "Den König von Spanien habe ich immer geehrt." Die Musik zeigt diese Ehre und sagt: Hier passiert kein Hochverrat. Hier folgt jetzt jemand seinem Gewissen, wendet sich vom alten Monarchen ab, aus Gründen. "Seit wann sind Flitzer angezogen? Wie viele WMs habe ich verpasst?" (ZEIT-User*in patatentate kommentiert die Partie Belgien gegen Senegal, bei der sich in der 31. Minute drei Flitzer aufs Spielfeld wagten. Vielleicht haben sich die drei in Seattle örtlichen puritanischen Wertvorstellungen angepasst?) "Der entscheidende Moment beginnt nicht im Nationaltrikot. Er beginnt viele Jahre früher, in dem Augenblick, in dem ein junger Spieler lernt, dass Verantwortung nichts ist, was man weitergibt, sondern etwas, das man übernimmt." (Weltmeister Oliver Kahn hat sich auf LinkedIn in die DFB-Debakel-Debatte eingeschaltet. Oder war es etwa die KI von Oliver Kahn?)