Ebola in DR Kongo: »Die Menschen kommen erst in die Gesundheitszentren, wenn es schon fast zu spät ist«

Datum02.07.2026 06:43

Quellewww.spiegel.de

TLDREin Ebolaausbruch im Ostkongo, speziell in Nord-Kivu, ist durch die Virusart Bundibugyo schwer zu bekämpfen, da es keine spezifischen Medikamente oder Impfstoffe gibt. Viele Patienten suchen aus Misstrauen und Angst erst spät Hilfe. Ärzte ohne Grenzen klärt auf, baut Behandlungszentren und versucht, in unsicheren Gebieten mit bewaffneten Konflikten zu arbeiten. Kürzere humanitäre Hilfe beeinträchtigt die Reaktion anderer Organisationen.

InhaltIm Osten der DR Kongo wütet das Ebolavirus. Theresa Berthold leitet den Einsatz von Ärzte ohne Grenzen in der Provinz Nord-Kivu. Hier erzählt sie, wie sie die Menschen aufklärt – und was sie aus früheren Epidemien gelernt hat. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. In der Demokratischen Republik Kongo haben die Behörden viel Erfahrung mit dem Ebolavirus. Als das Land in Zentralafrika Mitte Mai den 17. Ausbruch der tödlichen Krankheit seit Beginn der Aufzeichnung erklärte, war schnell klar: Dieses Mal wird es anders. Oft wurden Ausbrüche früh erkannt und schnell beendet, die jetzt grassierende Virusart Bundibugyo hatten Schnelltests nicht erkannt. Als die Weltgesundheitsorganisation den internationalen Gesundheitsnotstand ausrief, kursierte das Virus wohl schon Wochen im Osten des Kongos. Inzwischen zählen die Behörden im Kongo 1307 bestätigte Erkrankungen und 377 Todesfälle. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen, schon jetzt ist es der bislang drittgrößte Ebolaausbruch. Hilfsorganisationen sind in die Krisenregion gereist, um die lokalen Gesundheitsbehörden beim Kampf gegen die Krankheit zu unterstützen. Theresa Berthold ist als Projektkoordinatorin für Ärzte ohne Grenzen vor Ort. Hier berichtet sie von Herausforderungen und Gefahren des Einsatzes. SPIEGEL: Frau Berthold, wie ist die Lage im Ebolagebiet? Berthold: Ich bin in Beni, einer Stadt in der Provinz Nord-Kivu. Ituri, wo der Ausbruch begonnen hat, liegt etwa 200 Kilometer entfernt. Vor drei Wochen bin ich angekommen, vor etwa einer Woche konnten wir unsere tatsächliche Arbeit aufnehmen. Davor mussten wir erst die Test- und Behandlungsstrukturen aufbauen: Isolationszentren, in denen wir gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium vor Ort arbeiten. Laborkapazitäten müssen noch immer ausgebaut werden. Aktuell gibt es bei uns 22 bestätigte Fälle, von denen 17 Patienten bereits verstorben sind. Jeden Tag kommen zwei oder drei neue bestätigte Fälle hinzu, dazu 15 bis 30 Verdachtsfälle pro Tag. Leider kommen viele Patienten viel zu spät. Theresa Berthold, 39, ist Vorstandsmitglied bei Ärzte ohne Grenzen. Aktuell ist sie als Projektkoordinatorin im Osten der Demokratischen Republik Kongo im Einsatz. 2014 reiste sie erstmals mit der Hilfsorganisation in ein Krisengebiet, damals war in Sierra Leone Ebola ausgebrochen. Es folgten Einsätze in Afghanistan, Nigeria, Syrien, Tschad und Jemen. SPIEGEL: Stimmte es, dass es für Bundibugyio, die Virusart, die für den aktuellen Ausbruch verantwortlich ist, weder Medikamente noch Impfstoff  gibt? Berthold: Das stimmt. Die Menschen in Beni fragen uns auch: Warum sollen wir überhaupt kommen? Aber dass es keine direkten Medikamente gibt, heißt nicht, dass wir nichts machen können. Wir können Mittel gegen Fieber, Erbrechen oder Durchfall verabreichen, sie erhöhen die Überlebenschancen – aber eben nur, wenn die Patienten rechtzeitig kommen. Die Menschen kommen erst in die Gesundheitszentren, wenn es schon fast zu spät ist. SPIEGEL: Viele Menschen glauben nicht, dass es das Virus wirklich gibt. Berthold: Es gibt viele Gerüchte in den Gemeinschaften, und die Menschen haben wenig Vertrauen in die Gesundheitsversorgung. Sie haben bei früheren Ausbrüchen gesehen, wie Angehörige lebend in ein Isolationszentrum hineingingen und tot wieder herauskamen. Heute bauen wir Isolationszentren deshalb so, dass Patienten trotzdem noch gesehen werden können, damit keine Gerüchte entstehen, und wir führen Informationskampagnen durch, um über die Krankheit aufzuklären. SPIEGEL: Welche Informationsmaßnahmen ergreifen Sie noch? Berthold: Wir sprechen viel mit Gemeindevorstehern, mit führenden Persönlichkeiten, das gehört auch zu meinem Job. Auch sie wollen helfen, ihre Gemeinschaften zu beschützen, und unterstützen uns bei der Aufklärung. Gemeinsam planen wir, mit lokalem Personal in die Gemeinden zu fahren, um über die Krankheit zu informieren. Dabei werden wir auch von Comedians unterstützt. Wir suchen gerade jemanden für Social Media, viele Informationen verbreiten sich auf Instagram oder TikTok. SPIEGEL: Ihr erster Einsatz für Ärzte ohne Grenzen war 2014 in Sierra Leone – die bis heute schlimmste Ebola-Epidemie.  Was ist anders an diesem Einsatz? Berthold: Er ist sehr viel unsicherer. Im Ostkongo herrschen seit Jahrzehnten bewaffnete Konflikte zwischen verschiedenen Gruppierungen. Das ist auch ein Problem für unsere Arbeit: Wir können einige Menschen nur schwer erreichen. Sie verbringen die Nacht hier in Beni, weil es nachts in ihren Dörfern zu unsicher ist. Sie kehren tagsüber wieder in ihre Dörfer zurück, um zu arbeiten. Hinzu kommt die potenzielle Bedrohung durch Menschen, die den Ebola-Maßnahmen misstrauen. In der vergangenen Woche wurde ein Feuer in einem Zimmer eines Isolationszentrums gelegt, in dem Fall war es wohl nur ein unglücklicher Nachbar. Aber in anderen Teilen des Landes gab es bereits Angriffe. SPIEGEL: Und natürlich ist das Virus selbst bedrohlich. Wie schützen Sie sich vor Ort? Berthold: Wir haben eine No-touch-Policy, wir fassen einander nicht an. Gar nicht so anders als während Corona. Ich wasche und desinfiziere mir ständig die Hände. Bei jedem Meeting, überall wo ich rein- und rausgehe, wasche ich mir die Hände. Für die Kolleginnen und Kollegen, die mit Patientinnen arbeiten, gibt es andere Schutzmaßnahmen. Ein leichtes Schutzprotokoll, etwa bei einer Geburt, sieht Gummistiefel, Handschuhe, ein Schutzvisier vor. Wer auf den Isolierstationen arbeitet, trägt die volle Montur, wie man sie kennt, die am Schluss vollständig dekontaminiert wird. SPIEGEL: Eine Krankheit macht sich nicht bemerkbar, wenn sie in den Körper eindringt, anders als eine Kugel. Kann man sich überhaupt sicher fühlen? Berthold: Wir haben gut funktionierende Schutzmaßnahmen, aber die Angst vor einer Ansteckung schwingt natürlich mit. Wir messen auch ständig Fieber, an allen Eingängen. Ich denke auch: Hoffentlich kriege ich keine Grippe, das sind ja zu Beginn Ebola-ähnliche Symptome. SPIEGEL: In den vergangenen Jahren haben internationale Geldgeber ihre Ausgaben für humanitäre Hilfe drastisch gekürzt, allen voran die USA, aber auch europäische Staaten wie Deutschland. Ist das für Ihren Einsatz ein Problem? Berthold: Ärzte ohne Grenzen finanziert sich zu 98 Prozent aus Privatspenden, die Kürzungen betreffen uns also nicht persönlich. Aber wir merken, dass andere Organisationen mit weniger Personen vertreten sind als bei früheren Ausbrüchen und die Reaktion langsamer erfolgt. Die Weltgesundheitsorganisation würde normalerweise die Kontaktnachverfolgung übernehmen, aber die sind noch nicht da. Also machen wir das gerade. Insofern merken wir die Kürzungen eben doch: Wir müssen viel mehr abdecken, als wir das bislang mussten – aber mit denselben Mitteln. SPIEGEL: Zwischen dem Ursprungsort des Ausbruchs und Ihrem Einsatzort Beni liegen mehrere Tagesreisen. Hat sich das Virus schon im Land ausgebreitet? Berthold: Aktuell können wir noch nicht sagen, ob es sich bei den Kranken ausschließlich um Personen handelt, die persönlich aus Ituri nach Beni gereist sind, oder ob das Virus hier bereits grassiert. Die Gefahr besteht.