Datum02.07.2026 04:00
Quellewww.zeit.de
TLDREine Naturschutzinitiative in der Wetterau schützt erfolgreich die seltene Grauammer vor der frühen Mahd. Durch das Markieren von Brutplätzen und anschließendes verzögertes Mähen werden Jungvögel gerettet. Dieses kooperative Modell zwischen Naturschützern und Landwirten hat die Population signifikant erhöht und bewahrt die Art vor dem Aussterben. Das System entschädigt Landwirte für Ernteverluste und profitiert auch andere Wiesenbewohner.
InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Gelungener Naturschutz“. Lesen Sie jetzt „Spätere Mahd rettet Nester der seltenen Grauammer“. Auf vielen hessischen Wiesen ist die Mahd in vollem Gange – für viele Wildtiere mit tödlichem Risiko. Bedroht sind nicht nur liegende Rehkitze im tiefen Gras, sondern auch andere Arten. Dazu zählt etwa die seltene Grauammer, die auf Wiesen brütet. Als Folge des Klimawandels ist die Mahd insgesamt im Jahr nach vorn gerutscht, wenn die meisten Grauammer-Küken noch nicht flügge sind: Sie würden beim Mähen im Schneidewerk sterben. In der Wetterau nahe Echzell haben Vogelschützer mit Landwirten ein Konzept entwickelt, das die Vogelart wirksam schützt, ohne Wiesen aus der Bewirtschaftung herausnehmen zu müssen. Wenn die Mahd ansteht, markiert der Biologe Stefan Stübing von der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) die Flächen rund um die Nester mit Holzpflöcken. Der Landwirt mäht diese Abschnitte erst, wenn die Jungvögel ausgeflogen sind. Das Heu verliert mit der späteren Mahd zwar an Wert. Für die Einbußen werden die Höfe aber vom Forstamt entschädigt – aus Naturschutzmitteln des Landes. "Das ist ein sehr effektives System", betont Stübing. Auch bei seltenen Vögeln gehe es nicht darum, ganze Landschaften umzugestalten. Bei der Grauammer reiche eine überschaubare Maßnahme auf wenigen Hektar, um die Population zu erhalten, sagte er. Die etwa 16 bis 19 Zentimeter große Vogelart mit bräunlichem Gefieder und einem gedrungenen Körperbau lebt in Hessen nur noch an zwei Standorten mit nennenswerter Individuenzahl – nahe Echzell und im Landkreis Groß-Gerau. Mit dem Schutz vor der Mahd sei die Wetterauer Population von rund 30 Brutrevieren im Jahr 2019 auf inzwischen rund 250 Brutreviere angewachsen, sagt Stübing. Damit konnte die Grauammer vor dem Aussterben bewahrt werden. "Es geht ganz niedrigschwellig auf ganz kleiner Fläche, wenn man es richtig macht." Es profitieren auch weitere Arten – darunter Feldlerchen, Rebhühner, Schafsstelzen sowie die sehr seltenen Schilfrohrsänger. Auf den Wiesen sind auch Schmetterlinge wie der Schwalbenschwanz und viele Heuschrecken unterwegs. Rund ums Nest werden etwa 30 Meter Wiese abgesteckt – damit das Nest im tiefen Gras vor Fressfeinden wie dem Fuchs oder Rabenvögeln geschützt ist. Warum ist die Grauammer im Verhältnis zu anderen Vögeln so spät dran mit der Brut? Anders als bei den meisten Singvögeln ist in der Grauammer-Familie das Weibchen alleine für das Füttern der Jungen zuständig. Die Art bevorzugt daher größere Happen für seine Küken, etwa Heuschrecken, damit der Nachwuchs mit einer nicht allzu großen Zahl von Versorgungsflügen satt wird. Insekten dieser Größe sind erst später im Jahr auf den Wiesen unterwegs. "Das Männchen ist unterdessen die Alarmanlage", sagt Stübing. Es sitzt auf einem erhöhten Punkt, markiert sein Revier und warnt vor Gefahren. © dpa-infocom, dpa:260702-930-319375/1