Tödliche Schüsse in Jugendhilfeeinrichtung: Bildungsgewerkschaft drängt nach Amoktat in Stade auf besseren Schutz für Helfer

Datum01.07.2026 18:36

Quellewww.spiegel.de

TLDRNach tödlichen Schüssen in Stade fordert die Bildungsgewerkschaft GEW mehr Schutz für Mitarbeiter von Jugendhilfeeinrichtungen. Die Taten seien oft Folgen häuslicher Gewalt und Kontrollwahn, sagte GEW-Vize Doreen Siebernik. Die GEW fordert ein besseres Schutzsystem von Jugendamt, Polizei und Trägern, räumt aber ein, dass Orte der Jugendhilfe zugänglich bleiben müssen. Der Verdächtige soll sein Kind geschüttelt haben, ein Sorgerechtsstreit gilt als Motiv.

InhaltDie Rede ist von Entgleisungen, Übergriffen, Gewalt: Nach dem Angriff im niedersächsischen Stade verweist die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft auf das hohe Risiko für Mitarbeiter in Hilfseinrichtungen. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschft (GEW) fordert nach den tödlichen Schüssen in Stade mehr Schutz für Mitarbeitende von Jugendhilfeeinrichtungen. "Sie erleben immer wieder Entgleisungen und Übergriffe, die tief in den Dynamiken von häuslicher Gewalt und patriarchalem Kontrollwahn verwurzelt sind", sagt Doreen Siebernik, stellvertretende GEW-Vorsitzende. Gehe es um Sorgerecht oder Kindeswohlgefährdung, sei das Risiko verbaler oder physischer Gewalt erhöht. Der 45-jährige Fatih Khan G. soll am Montag in einer Mutter-Kind-Wohngruppe in Stade westlich von Hamburg vier Frauen und zwei Männer getötet haben. Drei der Opfer arbeiteten in der Jugendhilfeeinrichtung, drei weitere waren Mitarbeiter des Jugendamtes der Region Hannover. Sie waren für ein Hilfeplangespräch in der Einrichtung. Die Ermittler gehen davon aus, dass ein Sorgerechtsstreit das Motiv für die Tat war. Der Tatverdächtige hat die türkische Staatsbürgerschaft und sitzt aktuell in Untersuchungshaft. Laut niedersächsischem Sozialministerium ist es gängig, solche Gespräche in einer Einrichtung zu führen und nicht vor Gericht oder auf einer Polizeiwache. "Es gab vereinzelt Fälle in der Vergangenheit, wo auch die Polizei dazugeholt wurde von der Kommune, vom Jugendamt, wenn die Gefahrenlage so eingeschätzt wurde, dass das nötig ist", sagt Ministeriumssprecherin Lea Karrasch. Das sei hier nicht der Fall gewesen. Unterdessen bestätigte die Staatsanwaltschaft SPIEGEL-Informationen , wonach der mutmaßliche Täter von Stade sein drei Monate altes Kind geschüttelt haben soll. Die Staatsanwaltschaft Hannover führt im Zusammenhang damit ein Ermittlungsverfahren gegen den Tatverdächtigen wegen des Verdachts der Bedrohung. "Der Beschuldigte soll am 22. April im Zusammenhang mit der Behandlung seiner Tochter wegen eines Schütteltraumas gegenüber Ärzten der MHH aggressiv aufgetreten sein und ihnen verbal gedroht haben", teilte ein Sprecher der Behörde mit. Die GEW fordert nun ein funktionierendes System von Jugendamt, Polizei und Trägern zum Schutz von Jugendhilfeeinrichtungen, räumt aber ein "Dilemma" ein: "Einerseits müssen Arbeitgeber ihrer Fürsorgepflicht nachkommen und das Leben der Angestellten schützen", sagt die stellvertretende Vorsitzende Siebernik. "Andererseits leben soziale Arbeit und Jugendhilfe von Vertrauen und Zugänglichkeit". Die Hemmschwelle für Hilfesuchende steige, sollten die Orte zu "Festungen" mit Sicherheitsschleusen und bewachten Eingängen ausgebaut werden.