Datum01.07.2026 17:00
Quellewww.zeit.de
TLDRDie Bundesanwaltschaft hat Anklage gegen einen ukrainischen Soldaten im Zusammenhang mit der Nord-Stream-Sprengung erhoben. Ihm wird vorgeworfen, eine Crew angeführt zu haben, die im September 2022 die Pipelines sabotierte. Dies wird als Kriegsverbrechen eingestuft. Ermittlungen deuten auf eine Beteiligung ukrainischer staatlicher Akteure hin. Die zentrale Frage im bevorstehenden Prozess wird sein, wer den Auftrag erteilt hat und ob dies im Rahmen einer militärisch-nachrichtendienstlichen Operation der Ukraine geschah. Das Verfahren könnte hochpolitisch werden.
InhaltDie Bundesanwaltschaft erhebt Anklage gegen einen 50-jährigen Soldaten aus Kyjiw. Doch der Prozess um die Nord-Stream-Sprengung könnte auch hochpolitisch werden. Die Bundesanwaltschaft hat im Fall des Anschlags auf die Nord-Stream-Pipelines Anklage gegen einen 50-jährigen Ukrainer erhoben. Die Ermittler werfen Serhij K. vor, eine siebenköpfige Crew angeführt zu haben, die im September 2022 die Leitungen am Grund der Ostsee gesprengt haben soll. Er habe zivile Energieinfrastruktur angegriffen – nach dem Völkerstrafrecht ein Kriegsverbrechen. Außerdem habe er sich dem Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion und der Zerstörung von Bauwerken schuldig gemacht. Zum ersten Mal muss sich damit ein mutmaßlich Beteiligter der Nord-Stream-Anschläge vor Gericht verantworten, des spektakulärsten Sabotagefalls seit Ende des Kalten Krieges. Auf Nachfrage der ZEIT zu den Vorwürfen antworteten weder K. noch seine Anwälte. Er sitzt seit November vergangenen Jahres in Deutschland in Untersuchungshaft. Serhij K. soll laut Anklageschrift in führender Funktion an der Geheimoperation beteiligt gewesen sein. Bis vor etwa elf Jahren soll er für den ukrainischen Geheimdienst SBU gearbeitet haben. Zum Zeitpunkt der Anschläge war er Soldat der ukrainischen Armee, wie sein Militärausweis zeigt, den die ZEIT einsehen konnte. Im Spätsommer 2022 soll er mit einem Team aus vier Spezialtauchern, einem Sprengstoffexperten und einem Skipper mit einer gemieteten Segeljacht vom Typ Bavaria Cruiser 50, der Andromeda, zu den Nord-Stream-Pipelines gefahren sein. Dort, in etwa 80 Metern Tiefe, brachten die Taucher laut Anklage mehrere Sprengsätze aus einem hochexplosiven Gemisch aus Hexogen und Oktogen an. Am 26. September barsten drei Stränge der Pipeline. Die Bilder einer blubbernden Ostsee gingen um die Welt. Nach den Anschlägen glaubten viele Politiker und Experten, der Fall würde wohl nie aufgeklärt werden. Zwischenzeitlich spekulierten einige Medien über eine mögliche Täterschaft russischer staatlicher Akteure, teilweise wurde auch die CIA beschuldigt. Die Pipelines sollten Deutschland mit russischem Gas versorgen, das Geschäft stoppte nach Russlands Überfall auf die Ukraine. Die forensischen Spuren wiesen jedoch bald Richtung Ukraine, wie die ZEIT, das ARD-Magazin Kontraste und das ARD-Hauptstadtbüro im März 2023 enthüllten. Bei ihrer Suche nach dem Boot, das die Saboteure an den Tatort gebracht haben könnte, waren die Ermittler auf die Segeljacht Andromeda gestoßen, sie gehörte einem deutschen Charterunternehmen. Im Winterlager der Jacht auf Rügen stellten sie unter anderem Fingerabdrücke sicher, ein schwarzes T-Shirt, an dem noch Haare hingen, ein Basecap sowie eine Thermoskanne und mehrere benutzte Kaffeetassen. Dazu kamen Fragmente der militärischen Sprengstoffe Oktogen und Hexogen. Letztere passten zu Proben, die an den zerstörten Nord-Stream-Pipelines genommen wurden. Ein Blitzerfoto einer Verkehrskamera auf der Insel Rügen von Anfang September 2022 brachte die Ermittler schließlich auf die Tarnidentität eines mutmaßlichen ukrainischen Crewmitglieds; später gelang die Enttarnung des gesamten Kommandos durch minutiöse Ermittlungsarbeit. Insgesamt sieben Ukrainer stehen laut Bundesanwaltschaft unter Verdacht, der Gruppe angehört zu haben, wobei einer von ihnen nach Recherchen von ARD, ZEIT und Süddeutscher Zeitung mittlerweile im Krieg gegen Russland verstorben sein soll. Gegen alle Verdächtigen hat die Bundesanwaltschaft Haftbefehle erwirkt, darunter gegen Wolodymyr Z., einen Tauchlehrer aus Kyjiw. Eigentlich sollte Z. im August 2024 in Polen festgenommen werden, er konnte allerdings im Auto eines ukrainischen Diplomaten in die Ukraine fliehen. Deutsche Ermittler vermuten, dass er von polnischen Behörden gewarnt worden war. Als er ein Jahr später doch in Polen gefasst wurde, ordnete ein Gericht umgehend seine Freilassung an: Sollte Z. an der Nord-Stream-Sabotage beteiligt gewesen sein, argumentierte der Richter, dann sei er Teil eines "gerechten Krieges" gewesen und hätte damit "keine Straftat begangen", so heißt es in dem Urteil, das der ZEIT vorliegt. Die Pipelines und die mit ihnen einhergehende befürchtete russische Einflussnahme sind in Polen verhasst. Z. soll seitdem unbehelligt in Polen leben. Auf eine Bitte per Brief um ein Gespräch antwortete er nicht. Der nun angeklagte Serhij K. dagegen wurde im August 2025 während eines Familienurlaubs in einem italienischen Ferienresort festgenommen. Bei seiner Verhaftung formte er mit drei Fingern den "Trysub", ein ukrainisches patriotisches Zeichen. Nach monatelangem juristischen Tauziehen überstellten die italienischen Behörden ihn Ende November schließlich den deutschen Ermittlern. Seine Haftbeschwerde lehnte der Bundesgerichtshof (BGH) im Dezember ab. Der Anschlag, heißt es in der Entscheidung der Richter, sei höchstwahrscheinlich in "fremdstaatlichem Auftrag" ausgeführt worden, also im Rahmen einer militärisch-nachrichtendienstlichen Operation der Ukraine. Recherchen mehrerer Medien zufolge soll der ukrainische Geheimdienstoffizier Roman Tscherwinskyj den Anschlag koordiniert haben. Er hat sich bislang öffentlich nicht eindeutig dazu geäußert. Der damalige ukrainische Armeechef Walerij Saluschnyj soll den Anschlag abgesegnet haben, er hat die Vorwürfe öffentlich bestritten. Auf eine E-Mail der ZEIT mit einer erneuten Bitte um Stellungnahme antwortete er bislang nicht. In seiner Haftbeschwerde beruft sich Serhij K. auf "funktionelle Immunität" eines Soldaten, der lediglich Befehle ausgeführt habe. Offen ist, ob und wenn ja, wie präzise er vor Gericht seine mutmaßlichen Auftraggeber benennen wird. Sollte der Anschlag tatsächlich vom damaligen ukrainischen Armeechef autorisiert worden sein, dürfte das die Debatte um das Ausmaß der Unterstützung für die Ukraine befördern. Bislang hat sich die schwarz-rote Bundesregierung nicht zur Anklage geäußert. Ein genauer Termin, ab wann sich Serhij K. vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht verantworten muss, steht noch nicht fest. Mitarbeit: Viktar Vasileuski