Datum01.07.2026 16:44
Quellewww.zeit.de
TLDRDas Spiel USA gegen Bosnien und Herzegowina steht im Fokus. Trainer will sein Anzug-Outfit behalten, was bei Erfolg ein Problem werden könnte. Ein Spieler der DR Kongo könnte gegen England spielen, obwohl er einst die englische Jugend repräsentierte. Außerdem muss ein DFB-Rasenmäher zurücktransportiert werden. Mexiko siegt, doch Fanverhalten und diplomatische Spannungen mit Ecuador überschatten den Erfolg. Die norwegische Hymne wird vorgestellt. Diskutiert werden zudem Elfmeterschieß-Strategien und die talentierte französische Mannschaft im Vergleich zu Deutschland.
InhaltDem Trainer der USA drohen Materialprobleme, ein Spieler der DR Kongo könnte gegen England die Seiten wechseln. Und: Wer bringt den Rasenmäher heim? So wird der WM-Abend USA gegen Bosnien und Herzegowina (2 Uhr, MagentaTV). Die Vorzeigegeschichte des Fußballentwicklungslands USA geht weiter. Niemand fragt bisher, warum die Play-offs bei der WM nicht im Best-of-Seven-Modus gespielt werden. Kein Fan beschwert sich, weil Christian Pulisic und Anhang im Sechzehntelfinale nun gleich zwei Länder auf einmal ausschalten müssen. Der Fokus liegt allein auf dem Spiel gegen Bosnien und Herzegowina – und, na ja, vielleicht doch auch schon ein ganz kleines bisschen auf jenem Spiel gegen Spanien, das zwei Runden später steigen könnte. Vorsicht ist jedenfalls angebracht: Ihre letzten zehn Partien gegen europäische Teams haben die USA verloren, der heutige Gegner scheint außerdem wie gemacht für dreckige K.-o.-Runden-Siege. Schon die Hoffnungsrunde der WM-Quali überstand Bosnien und Herzegowina durch gewonnene Elfmeterschießen gegen Wales und Italien. Hugo Boss. Oder die Person bei Hugo Boss, die das Outfit von Mauricio Pochettino schneidert. Der Coach des US-Teams sieht darin aus, als hätte Russell Crowe im Jahr 2003 einen südamerikanischen Revolutionsführer gespielt: Arbeiterhemd und passende Hose mit weitem Bein, beides marineblau, beides maßgefertigt. Weil Pochettino wie alle im Fußball hochgradig abergläubisch ist, wird er an diesem Ensemble natürlich festhalten, bis die USA entweder Weltmeister oder ausgeschieden sind. Mit Blick auf die starke Form des Teams könnte diese Haltung aber noch problematisch werden: Nur zwei Exemplare des Outfits sollen existieren. Kann Boss schnell genug nachschneidern, falls die USA noch ein paar Runden überstehen und sich Pochettino beim Feiern größere Flecken oder Materialschäden einhandelt? Aaron Wan-Bissaka. Jahrelang träumte der Rechtsverteidiger von West Ham United davon, mit der englischen Nationalmannschaft auf dem Platz zu stehen. Heute Abend ist es so weit, allerdings tritt er gegen England an. Wan-Bissaka, geboren in London, ausgebildet bei Crystal Palace, spielte 2015 einmal für die U20 der Demokratischen Republik Kongo – und verlor 0:8 gegen England. Anschließend lief er lieber für die Jugendnationalmannschaften Englands auf und wurde 2019 auch fürs A-Nationalteam nominiert. Weil er verletzt absagen musste und weitere Einladungen ausblieben, wechselte Wan-Bissaka noch einmal den Verband: Im September 2025 stieg er für DR Kongo in die fast schon abgeschlossene WM-Qualifikation ein. Sollte es heute wieder 0:8 ausgehen, ist allerdings kein weiterer Wechsel möglich. Aber vielleicht hat Wan-Bissaka ja noch einen alten Spielerpass und ein passendes Wechseltrikot dabei. Wir ignorieren den plötzlich arg existenzialistischen Unterton dieser Frage und kümmern uns lieber ums Praktische: Während Spieler, Trainerstab und Funktionäre das Mannschaftsquartier inzwischen weitgehend verlassen haben, muss sich der verbliebene Rest noch um den Abtransport von diversem Klein- und Großgerät kümmern. Ein DFB-eigener Rasenmäher ist zum Beispiel noch vor Ort. Der Greenkeeper, der ihn bedient (und nur der!), war schon seit Mitte Mai in Winston-Salem, um die Trainingsplätze der Nationalmannschaft aufzupäppeln – diese waren als zu hart und zu trocken eingestuft worden. Dass der Greenkeeper gegen die harte, trockene Spielweise der Gegner aus Ecuador und Paraguay nichts ausrichten konnte, bleibt eine Fußnote jenes WM-Dramas, zu dessen Abwicklung nun eben auch die Rückkehr des letzten Rasenmähers nach Deutschland gehört. Vier Spiele, vier Siege, noch kein Gegentor: Das bisherige Auftreten von WM-Mitgastgeber Mexiko gehört zu den Feelgood-Storys des Turniers. Vor und während des gestrigen Sechzehntelfinales gegen Ecuador zeigten sich jedoch Unstimmigkeiten in dieser Geschichte: Erst belästigten mexikanische Fans die Mannschaft des Gegners mit DJs, Hupkonzerten und Livemusik vor dem Teamhotel. Dann beschimpften sie im Stadion den ecuadorianischen Torhüter Hernán Galíndez mit einem homophoben Ausdruck. Unter besonderer politischer Beobachtung hatte das Spiel ohnehin gestanden: Seit April 2024 unterhalten Ecuador und Mexiko keine diplomatischen Beziehungen mehr. Die ecuadorianische Polizei hatte damals die mexikanische Botschaft in Quito gestürmt, um den ehemaligen ecuadorianischen Vizepräsidenten Jorge Glas zu verhaften. Mexiko hatte Glas zuvor politisches Asyl gewährt. Unsere hausinterne Hymnenexpertin und Autorin Christina Rietz hört sich zur WM durch die Hymnen der teilnehmenden Nationen. Im Newsletter wird sie Ihnen jeden Tag eine vorstellen. Diesmal feiert sie mit Ihnen den gestrigen Achtelfinaleinzug der Norweger: "Ja, vi elsker dette landet". Der Text stammt vom norwegischen Literaturnobelpreisträger Bjoernstjerne Bjoernson. Man merkt’s sogar noch etwas in der Übersetzung: "Ja, wir lieben dieses Land/ Wie es da emporsteigt/ Zerfurcht, wettergegerbt, über dem Wasser/ Mit den tausend Heimen." Wird Ihnen auch ein bisschen kühl bei diesen Zeilen? Sehen sie Schnee und spüren eisiges Fjordwasser um die Knöchel? Die Musik dazu hört sich jedoch weniger an wie eine Wanderung durch felsiges Gestein in der Morgendämmerung. Hier wird feierlich geschritten, Vortragsbezeichnung maestoso. Harmonisch ist daran nichts aufregend, im Gegensatz zu den Akzenten auf den ersten vier Noten beziehungsweise Silben der Titelzeile: "Ja, wir lie-ben." Ein Schwur, okay. Rhetorisch betrachtet aber die Antwort auf eine Frage, die niemand gestellt hatte. "Legt man in der K.-o.-Runde nicht vor dem Spiel schon fest, wer die Elfer im Fall schießen soll? Dass einer den letzten Schuss machen muss, der sonst gar keine Elfmeter schießt, ist ja schon allein aus psychologischen Gründen sehr fragwürdig." (User*in Frühstückle hadert noch mit dem Elferschießen gegen Paraguay. Mein Kollege Tilman Leicht ist dem glücklosen Schützen Jonathan Tah hier zur Seite gesprungen.) "Nur Frankreich hat mehr Talent als Deutschland." (Meint Philipp Lahm das jetzt aufmunternd, oder ist es besonders verheerend? Im Interview mit dem Ex-Nationalspieler lesen Sie seine Ideen für einen deutschen Neuaufbau.)