Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Hamburgs CO₂-Ausstoß steigt – und der Senat gerät in Erklärungsnot

Datum01.07.2026 06:00

Quellewww.zeit.de

TLDRHamburgs CO₂-Ausstoß ist gestiegen, was im Widerspruch zu den Klimazielen des Senats steht. Der Senat erklärt dies mit dem kalten Winter und der guten Wirtschaftsentwicklung. Gleichzeitig sinkt der Sauerstoffgehalt in der Elbe, was auf die Elbvertiefung zurückgeführt wird. Es gibt auch Pläne, die Ganztagsbetreuung an Grundschulen zu ändern, was auf Kritik stößt.

InhaltDie Elbvertiefung am Mittwoch – mit Einschnitten beim Ganztag an Grundschulen, Hintergründen zur Bluttat in Stade und Polizisten, die sich für G20-Gewalt entschuldigen wenn es um den Klimaschutz in Hamburg geht, neige ich nicht zu Optimismus, aber die klimapolitische Nachricht des gestrigen Tages hat mich dennoch erschüttert. Im vergangenen Jahr ist der CO₂-Ausstoß der Stadt nämlich deutlich gestiegen, um 2,6 Prozent. Und das nach einem Jahr 2024, in dem der Stadtstaat auch schon mehr Treibhausgase erzeugt hat als im Vorjahr (Z+). Nach der Lesart des Senats, der ich gerne wenigstens ein bisschen vertraut hätte, ist dessen Klimapolitik eine einzige lange Erfolgsgeschichte. Jahr für Jahr wird alles effizienter, schöner und grüner, angeblich steht sogar eine klimaneutrale Zukunft in Aussicht – im Jahr 2045, so lautete die Ansage vor dem Klimaentscheid im vergangenen Herbst, seither will man es sogar noch fünf Jahre früher schaffen. Hätten diese Erwartungen etwas mit der Wirklichkeit zu tun, müsste der Treibhausgasausstoß des Stadtstaats schnell und stetig sinken. Er sinkt aber nicht, sondern er steigt. Dass die Hamburgerinnen und Hamburger so viel nun wenigstens wissen, verdanken sie nicht dem Senat, sondern jener Gruppe junger Leute, die den Klimaentscheid auf den Weg gebracht und gewonnen haben (Z+). Sie haben die Ermittlung und Veröffentlichung der aktuellen Klimazahlen erzwungen. Ohne ihren Einsatz gäbe es zum CO₂-Ausstoß der Stadt weiterhin nur hoffnungslos veraltete Zahlen und dazu die komplizierten, unübersichtlichen und letztlich nichtssagenden Betrachtungen (Z+), hinter denen die Hamburger Klimapolitik ihre dürftigen Erfolge bislang versteckt hat. Es lohnt sich, nachzulesen, wie der Senat die neuen CO₂-Zahlen erklärt. Schuld seien: der kalte Winter, die vergleichsweise gute Wirtschaftsentwicklung, der vergleichsweise schwache Fortschritt der Energiewende. Kurioserweise wird sogar "die zunehmende Elektrifizierung des Straßenverkehrs" als Problem benannt – weil sie nämlich "zu einer Zunahme des Stromverbrauchs geführt" habe. Man tut dem Senat kaum Unrecht, wenn man diese Einordnung für einen Ausdruck von Ratlosigkeit hält. Haben Sie einen schönen Tag! Ihr Frank Drieschner Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, oder wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail an hamburg@zeit.de.  Im Hafen bleibt die Sauerstoffkonzentration in der Elbe bedrohlich niedrig. Trotz der Niederschläge sinken laut BUND Hamburg die Werte seit Tagen; teils liegen sie sogar im für Fische tödlichen Bereich unter zwei Milligramm Sauerstoff pro Liter. Ursachen seien unter anderem warmes Wasser und die Vertiefung der Fahrrinne. BUND, Nabu und WWF forderten daher erneut, die jüngste Elbvertiefung zurückzubauen. Im Streit um die Zukunft der Schulbegleitung hat Bildungssenatorin Ksenija Bekeris (SPD) ihren Kritikern widersprochen. "Es wird keine Einsparungen geben", sagte sie gestern. Im Gegenteil solle das Budget von zuletzt rund 42 auf 44 Millionen Euro steigen. Allerdings würden einzelne Schulen übermäßig viele Anträge stellen und das System überstrapazieren. Heute diskutiert die Bürgerschaft über die Reformpläne. Zudem haben Bildungsverbände eine Demonstration angekündigt. Hamburg hat wieder eine Antisemitismusbeauftragte: Historikerin Anna von Villiez übernimmt das Amt, wie die Wissenschaftsbehörde mitteilte. Die Bestellung gilt ab sofort für drei Jahre und hatte sich durch ein Gerichtsverfahren verzögert. Von Villiez kündigte an, Antisemitismus in Hamburg mit schnellen Maßnahmen entgegenzutreten. Dienstagmittag ist in der Elbe bei Rissen eine Leiche entdeckt und von der Feuerwehr geborgen worden. Laut Polizei laufen die Ermittlungen, Geschlecht und Todesursache sind noch unklar. Ob ein Zusammenhang mit dem seit Sonntag vermissten Schwimmer besteht, ist ebenfalls noch nicht geklärt. In Hamburg ist die Zahl der Arbeitslosen im Juni im Vergleich zum Mai um 568 auf 93.963 gesunken. Die Quote fiel um 0,1 Punkte auf 8,2 Prozent, teilte die Agentur für Arbeit Hamburg mit. Agentur-Chef Sönke Fock sprach trotz der herausfordernden Wirtschaftslage von einem stabilen Arbeitsmarkt. Dem Ganztagsunterricht vieler Grundschulen drohen Einschnitte. Denn der Senat plant eine "Angleichung bei den Ganztagszuweisungen", wie er in der vergangenen Woche mitteilte. Ab dem Schuljahr 2027/2028 will er allen Grundschulen ausschließlich Erzieherstellen zuweisen. Damit wird die Praxis beendet, einigen Schulen zusätzliche Lehrkräfte für den Ganztag zu finanzieren. "Das klingt zwar oberflächlich betrachtet erst mal fair", sagte Eva Reiter, die Landesvorsitzende des Ganztagsschulverbands, gegenüber der Elbvertiefung: "Aber es bedeutet, dass pädagogische Konzepte, die an den Schulen über Jahre entwickelt wurden, in Zukunft nicht mehr umzusetzen sind." An allen 213 Grundschulen in Hamburg gibt es ein kostenloses Ganztagsangebot von 8 bis 16 Uhr. Dabei unterscheiden sich zwei Modelle: An 128 Schulen wird der Unterricht im sogenannten GBS-Modell bis 13 Uhr von Lehrkräften gestaltet, danach übernehmen Erzieherinnen und Erzieher externer Träger. An 85 GTS-Schulen verantwortet die Schulleitung den gesamten Tag, Lehrkräfte und Erzieher arbeiten dort gemeinsam. Befürworter des GTS-Modells sprechen von einer besseren Verschränkung der Lerninhalte. "Gebundene Ganztagsschulen werden über Hamburg hinaus als Leuchttürme für Integration und Bildungsgerechtigkeit gesehen", sagt Lars Bestmann, Elternrat an der Grundschule Sternschanze, die von den Einsparungen betroffen ist. Auch Schulsenatorin Ksenija Bekeris (SPD) betonte bisher eine bundesweite Vorreiterrolle Hamburgs bei den Ganztagsangeboten. Von Oskar Piegsa Neun Jahre nach dem G20-Gipfel müssen sich erstmals Polizeibeamte wegen mutmaßlicher Polizeigewalt vor Gericht verantworten – und bitten um Entschuldigung. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Artikel von ZEIT-Autorin Elke Spanner. Die Worte von Olaf Scholz sind unvergessen. Der spätere Bundeskanzler war noch Erster Bürgermeister von Hamburg, als 2017 der G20-Gipfel in der Stadt stattfand. Als die Staatsgäste wieder abgereist und die schwersten Verwüstungen auf den Straßen beseitigt waren, trat Scholz vor die Kameras und sagte bestimmt: "Es gab keine Polizeigewalt." An diesem Dienstag, neun Jahre später, schiebt der Polizist Jürgen S. im Saal 142 des Hamburger Amtsgerichts seinen Stuhl zurück und steht auf. Er zieht sein Portemonnaie aus der Hosentasche und holt ein Bündel Geldscheine heraus. Es sind genau 500 Euro, er hat sie abgezählt. "Das ist Schmerzensgeld", sagt er und hält die Scheine einem jungen Mann namens Marvin H. entgegen. "Ich war damals schlichtweg überfordert", schiebt Jürgen S. noch hinterher. Marvin H. nimmt die Entschuldigung mit einem Händedruck an. Der Fall des heute 29-jährigen Marvin H. steht stellvertretend für einen Vorwurf, den der Hamburger Senat lange bestritt: dass es beim G20-Gipfel 2017 eben doch Polizeigewalt gab. Nun räumen im Hamburger Amtsgericht beteiligte Polizeibeamte selbst ihr Fehlverhalten ein. Mit einer solch versöhnlichen Szene wie an diesem Morgen im Gerichtsaal hatte nach all den Jahren kaum jemand gerechnet. Denn während die Staatsanwaltschaft in den Jahren nach dem G20-Gipfel Hunderte G20-Gegnerinnen und -Gegner vor Gericht gebracht hatte, die an Ausschreitungen beteiligt gewesen sein sollen, wurden gegen Polizistinnen und Polizisten nur 157 Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Körperverletzung im Amt eingeleitet. All diese Verfahren wurden nach und nach eingestellt, kein einziger Polizist landete vor Gericht. Meist hieß es, die beteiligten Beamten hätten sich nicht identifizieren lassen. Oder: Ihr Einsatz sei gerechtfertigt gewesen. Dabei gibt es Tausende Fotos und Videoaufnahmen von den G20-Tagen, auf vielen ist zu sehen, wie Polizisten auf Demonstrierende einprügeln. Unter den Protestierenden hatte es nach Polizeieinsätzen zahlreiche Verletzte gegeben, wie später auch der Hamburger Senat einräumte, einige von ihnen waren mit Knochenbrüchen und Platzwunden im Krankenhaus gelandet. Vor Gericht blickten zwei Polizisten reumütig auf den 7. Juli 2017 zurück – wie sie diesen Tag erlebten, warum sie nach eigener Aussage auf Marvin H. losstürmten, das lesen Sie im ganzen Text von Elke Spanner. → Zum Artikel (Z+) "Was die gesehen haben, hinterlässt Spuren" Auslöser für die Bluttat von Stade, bei der ein Mann mutmaßlich sechs Menschen erschoss, war ein Sorgerechtsstreit. Die Polizei sichert Spuren einer unbegreiflichen Tat. Die ZEIT- Redakteure Christoph Heinemann und Francesco Giammarco haben noch mal hingeschaut. → Zum Artikel (Z+) Vor 50 Jahren entstand im Arbeiterviertel Mottenburg in Ottensen eines der ersten und bundesweit prägenden Stadtteil- und Kulturzentren Deutschland: die Motte. Es entwickelte sich ein selbstverwaltetes Zentrum für Kultur, soziale Arbeit und bot einen Ort für niedrigschwellige Begegnungen. Die Ausstellung "Mottensen. 50 Jahre Kultur- und Sozialarbeit im Stadtteil" im Altonaer Museum zeigt die Entwicklung des soziokulturellen Zentrums mit Objekten, Fotos, Filmausschnitten. Die Teestube wurde nachgebaut und kann besucht werden. "Mottensen. 50 Jahre Kultur- und Sozialarbeit im Stadtteil", bis 31.7.; Altonaer Museum, Museumstr. 23; Mo, Mi—Fr 10–17 Uhr, Sa+So 10–18 Uhr; es gibt ein Begleitprogramm 36 Grad. Ich bin auf der Suche nach Schnittblumen in unserem Einkaufsmarkt. Am gewohnten Standort der Schnittblumen herrscht gähnende Leere – bis auf einen Aufsteller mit dem Hinweis: "Die Blumen haben heute HITZEFREI!" Gelesen von Marilies Brinkmann Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren.