Angela Merkels Staatsporträt: Zwischen Queen und Vorarbeiterin

Datum30.06.2026 22:32

Quellewww.spiegel.de

TLDRAngela Merkels neues Staatsporträt im Bode-Museum wird vorgestellt. Der Künstler Jérémie Queyras zeigt sie in einem dominanten blauen Blazer, der als Mischung aus königlich und pragmatisch interpretiert wird. Merkel äußerte sich zufrieden über den Entstehungsprozess. Das stehende Porträt bricht mit der Tradition sitzender Kanzlerporträts. Es wird eine Darstellung angestrebt, die sowohl ihre Stärke als auch ihre Bewusstheit für Zerbrechlichkeit zeigt, ohne triumphalistisch zu wirken.

InhaltDer Blazer, so blau wie die Augen, die Mimik ernst: Angela Merkel stellt ihr offizielles Porträt vor und wirkte mehr als zufrieden. Auch der Künstler wollte ihr mit dem Bildnis sicher schmeicheln. Ist es ihm gelungen? Vor lauter blauem Blazer fällt die in ihm steckende Kanzlerin a.D. selbst erst einmal kaum auf. So in etwa lässt sich die Wirkung von Angela Merkels Staatsporträts zusammenfassen. Dieses Bildnis, das sie Dienstagabend in Anwesenheit des Künstlers präsentierte, ist gut gemeint. Ist es gut gemacht? Der Blazer also, den Merkel auf diesem Gemälde trägt, nimmt nicht nur viel Platz ein, er bildet sogar das Zentrum der Komposition. Trotz seines kräftig königsblauen Tons (der in einer früheren Entstehungsphase sogar noch leuchtender gewesen sein soll!) erinnert er auch an einen Blaumann, er ist eher schlicht geschnitten. Merkel zwischen Queen und Vorarbeiterin, das ist so der erste Eindruck. Die reale Merkel scheint auf jeden Fall sehr zufrieden mit dem Gesamtbild. Sie hat eine kurze, fast leichtherzige Ansprache gehalten, ist aus dem Saal gegangen, kommt nun zurück, um ihre letzten Ehrengäste zum Empfang zu holen. Sie hat einen russischen Spruch auf den Lippen, wirkt wirklich bestens gelaunt. So langsam, und da ist sie selbst endgültig aus dem Bildersaal verschwunden, entfaltet auch ihr gemaltes Gesicht seine Wirkung, die leise Ernsthaftigkeit der Mimik. Die Augen, das fällt jetzt erst richtig auf, sind so blau wie der Blazer, die bestimmt ebenso mit Bedacht gewählte Bernsteinkette um ihren Hals funkelt still. Vorgestellt wurde das Werk übrigens im majestätisch prachtvollen Bode-Museum auf der Berliner Museumsinsel und damit fast gegenüber von Merkels Wohnung. Nun hängt es dort bis Oktober, Merkel möchte, dass die Öffentlichkeit eine Chance hat, das Werk zu sehen. Weitere Besonderheiten an der Komposition werden wohl erst so richtig auffallen, wenn das Gemälde später ins Kanzleramt einzieht, wo es Teil der Kanzlergalerie sein wird. Denn Merkel zeigt sich stehend, ihre Vorgänger dagegen sitzen auf ihren offiziellen Porträts; nur bei Gerhard Schröder weiß man es nicht ganz genau, denn er ließ ein Brustbild von sich schaffen. Merkel – diese Metapher drängt sich auf – hat es sich nie so bequem gemacht wie die sitzenden Kanzler, es wurde ihr auch nie leicht gemacht. Schon deshalb nicht, weil sie eine Frau war. Über so etwas spricht sie an diesem Abend nicht. Stattdessen erwähnt sie, dass sie schon als Kind gern die Museumsinsel besucht und auch, dass sie nach dem Ausscheiden aus dem Amt erst einmal Abstand gebraucht habe, bevor sie sich Gedanken über ein solches Bildnis habe machen können. Sie sei auch vorher noch nie porträtiert worden, offenbar hatte sie Freude daran, denn sie schwärmt regelrecht von der Zeit, in der sie mit dem jungen deutsch-französischen Künstler Jérémie Queyras "über Gott und die Welt" geredet habe, während er sie malte. "Wir haben uns aufeinander eingelassen", sagt sie in ihrer kurzen Ansprache. Für sie sei es ein unvergessliches Erlebnis gewesen. Queyras selbst sagt, die Betrachter des Bildes würden darauf hoffentlich auch eine neue Seite an der früheren Kanzlerin erkennen. Es bleibt abzuwarten, wie viel von diesem Atelierzauber noch im Kanzleramt zu spüren sein wird. Womöglich geht dort eine ganz andere Wirkung von dem Bild aus. In der bundesrepublikanischen Ahnengalerie reiht sich Merkel schließlich ein in eine Männerriege, und genau das ist ein Platz, an dem sie sich stets wohlfühlte. Zumindest drängt sich der Eindruck auf, wenn man Fotos aus ihrer politischen Karriere betrachtet, allein das Bundesarchiv hat Tausende digitalisiert. Merkel war auf vielen Aufnahmen immer eine von nur wenigen Frauen oder gar die einzige Frau. Das war dem damaligen Zeitgeist geschuldet, denn Politikerinnen waren in der Unterzahl so wie Frauen in Machtpositionen generell eine Seltenheit darstellten. Aber es drängt sich beim Blick durch ihre aktiven politischen Jahrzehnte durchaus der Anschein auf, dass sie ihre Rolle als weibliche Ausnahmeerscheinung auch genoss. Womöglich verstärkte sie solch ein gesellschaftliches Muster. Eine Frau, vor allem eine Merkel, kann vieles erreichen, aber alle Frauen? Merkel, so heißt es, denke nicht in diesen Kategorien, deshalb habe sie auch die Erwartung nicht erfüllt, sich von einer Frau malen zu lassen. Eines steht fest: Das Werk kann nichts, was das Werk einer Frau nicht auch gekonnt hätte. Womöglich hätten sich nur wenige auf diesen zwar freundlichen, aber auch etwas altmodisch wirkenden Realismus eingelassen, in dem sie sich sehen wollte. Anwesend ist an diesem Abend auch der Kunsthistoriker Horst Bredekamp, der seit Jahrzehnten mit der Ex-Kanzlerin und ihrem Mann befreundet ist. Beim Festakt ihres 70. Geburtstags im September 2024 hielt er, wie von ihr gewünscht, einen Fachvortrag. Er erläuterte, dass sich Herrschaft mithilfe von Bildern aller Art oft auch "triumphalistisch" überhöhe. Merkel, das betonte er, sei aber kein Typ für ungebrochene Großerzählungen, vielmehr sei ihr die Option der Brüchigkeit bewusst. Wie aber steht es um sein Credo, dass, wo Licht inszeniert wird, auch der Schatten vorkommen muss? Merkel wird auf dem Bild sanft angestrahlt, so ist auch der Schatten ein sanfter. Triumphalistisch ist ihr Bildnis sicher nicht. Queyras wollte sie aber durchaus als historische oder vielmehr überzeitliche Figur würdigen, sie wirkt bei ihm ja auch standhaft wie eine Statue. Man kann das auch eine Idealisierung nennen, aber wer möchte sich nicht von seiner besten Seite zeigen? Merkel hat das Bild selbst beauftragt, sie hat es auch selbst bezahlt. Schon deshalb kann sie es später sicher aus dem Kanzleramt zurückholen, etwa, wenn ihr die dortige Politik nicht mehr behagen sollte. Das wäre dann ein Affront, ein Machtwort der eigenen Art, und allein der Gedanke sollte ihren Nachfolgern eine Warnung sein. Auch dafür ist solch ein Staatsporträt gut.