Datum30.06.2026 16:53
Quellewww.zeit.de
TLDRExtreme Hitze schmolz Fugenmasse, die auf Leipziger Straßenbahngleise gelangte und diese blockierte. Da der Betrieb eingestellt werden musste, baten die Verkehrsbetriebe (LVB) die Bevölkerung um Hilfe. Freiwillige kratzten mit Spaten und Spachteln die zähe Bitumenschicht von den Schienen. Auch spezialisierte Firmen versuchen, schwere Schäden zu beheben. Die Ursachen für die extreme Schädigung in Leipzig und Nürnberg werden noch untersucht, wobei höhere Temperaturen über den Gleisen als mögliche Ursache gelten.
InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Bitumen auf den Gleisen“. Lesen Sie jetzt „Hitzeschäden bremsen Straßenbahnen aus - Leipziger packen an“. Mit Spaten, Malerspachtel und Knieschoner: Mehrere Dutzend Leipziger haben dabei geholfen, die Hitzeschäden an den vielen Straßenbahnschienen in der Stadt zu beheben. Der Straßenbahnverkehr in der Großstadt liegt seit Tagen nahezu lahm. Die Verkehrsbetriebe (LVB) hatten die Bevölkerung um Hilfe gebeten. "Leipzig hält zusammen. Jetzt brauchen wir euch", hatte die LVB auf ihrer Facebook-Seite geschrieben. Es kamen weit über 50 Frauen und Männer, um die aus den Fugen gelaufene Masse von den Gleisen zu kratzen. "Ich habe kein Auto, bin auf den ÖPNV angewiesen und will, dass die Linie 15 schnell wieder fährt", sagt Stefan aus Leipzig-Grünau. Er steht schon eine halbe Stunde vor dem vereinbarten Termin an den Gleisen und kratzt mit einem herkömmlichen Malerspachtel die Schienen frei. Schnell merkt er, dass es eine Sisyphusarbeit ist: Trotz großer Kraftanstrengung schiebt er die zähe, schwarze Masse eher schlecht als recht von den Schienen. Die extreme Hitze mit Temperaturen um 40 Grad hatten den Angaben der LVB zufolge an vielen Stellen im Straßenbahnnetz dafür gesorgt, dass Fugenmasse für Asphalt und Beton aufgeweicht wurde. "Die Straßenbahnen haben die Masse dann herausgedrückt und mit ihren Rädern auf die Schienen verteilt und in die Weichen gedrückt", erläutert Stefan Röll, Bereichsleiter Infrastruktur bei der LVB. Aus Sicherheitsgründen wurde der Straßenbahnbetrieb zunächst komplett eingestellt. Bis zu fünf Millimeter dick ist die Bitumenschicht auf den Gleisen. Röll schätzt, dass etwa zehn Prozent des gut 304 Kilometer langen Gleisnetzes betroffen sind. Zudem müssten rund 60 verklebte Triebwagen gereinigt werden. Seit dem Wochenende arbeiten laut LVB rund 50 Mitarbeiter rund um die Uhr. Bei den körperlich sehr anstrengenden Arbeiten helfen auch Beschäftigte aus anderen Bereichen, etwa von Stadt- und Wasserwerken. Aber die Schäden sind immens und neu, sodass es noch keine sichere Technik gibt, mit der die Masse von den Schienen befreit werden kann. Es sei wie bei einem Versuchsfeld, erklärt Peter Albiez von der Firma Top Car aus Leipzig. Normalerweise wird er gerufen, wenn nach einem Verkehrsunfall eine Ölspur beseitigt werden muss. "Hier müssen wir jetzt ausprobieren, was am besten hilft." Es wird mit Sand und eisiger Luft gestrahlt und auch mit industriellen Hochdruckreinigern, die 20-mal stärker sind als herkömmliche Gartengeräte. Dabei dürfen aber die Schienen und empfindlichen Weichen nicht zerstört werden. "Wir haben uns auch Rat von Experten geholt, die auf Landebahnen von Flughäfen den Belag vom Abrieb der Flugzeuge reinigen", erzählt Albiez. Die freiwilligen Helfer erhalten Spachtel, Warnwesten und Knieschoner von der LVB, schultern einen Spaten und gehen nach einer kurzen Einweisung zu einem bestimmten Straßenabschnitt. Die Polizei sperrt den Bereich ab. Mit Schweißbrennern werden die Kratzwerkzeuge angewärmt. Die Helfer schaben dann die Masse von den Schienen. An besonders hartnäckigen Stellen gehen sie auf die Knie, kratzen den Bitumen aus den Ritzen und werfen ihn in Eimer. Das ist extrem harte und mühsame Arbeit - und nach einigen Minuten sind sie lediglich einige Zentimeter vorangekommen. "Wir haben gesehen, wie viel kaputtgegangen ist und wollen, dass die Bahnen bald wieder fahren", sagen die beiden Studentinnen Vinzenta und Anna. "Zusammen etwas machen ist es, was eine Gesellschaft ausmachen sollte: Gestern haben wir Fußball zusammen geschaut und heute helfen wird halt hier zusammen", betonen die Helferinnen. "Die Ursachenermittlung läuft und wir haben ein externes Gutachten in Auftrag gegeben", sagt LVB-Sprecher Marc Backhaus. Bis es erste Ergebnisse gebe, werde es aber noch dauern. Unstrittig ist, dass die ungewöhnliche Hitze den Bitumen geschmolzen hat. Die meisten Städte mit Straßenbahnen in Deutschland hatten das Problem am vergangenen Wochenende nicht. Aber in Nürnberg fahren aus dem gleichen Grund wie in Leipzig derzeit keine Straßenbahnen. Aber was war in den beiden Städten anders? "Nach einer ersten Analyse haben wir herausgefunden, dass in Leipzig und Nürnberg die Temperaturen knapp über den Gleisen um etwa fünf Grad höher lagen als in anderen Städten", erklärt Röll. Eine abschließende Bewertung müsse aber abgewartet werden. Da ist Geduld gefragt. Am Montag wurde eine erste Linie wieder befahren, am Dienstag folgte eine weitere. Beide sind aber verkürzt unterwegs und lassen den besonders schwer geschädigten Bereich des Innenstadtringes aus. Bis der reguläre Fahrplan wieder möglich ist, kann es aber noch einige Tage dauern. © dpa-infocom, dpa:260630-930-311385/1