Datum30.06.2026 06:00
Quellewww.zeit.de
TLDREin von der Familie Schkoda in Ostro errichtetes Storchennest sorgt für Konflikte. Die Gemeinde und eine Nachbarin widersprechen der Baugenehmigung, da sie Schlaf und Wohnqualität beeinträchtigen. Naturschützer sehen ähnliche Fälle als Nachbarschaftsstreit, betonen aber die Wichtigkeit der Storchenpopulation. Eine Online-Petition fordert den Erhalt des Nests als Symbol für Natur und Hoffnung. Die Familie Schkoda wünscht sich die Bewahrung des Nestes als Vermächtnis.
InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Tiere“. Lesen Sie jetzt „Storchennest in Ostro sorgt für Zwist“. Das Corpus deliciti ist 8,40 Meter hoch und thront auf einer Wiese im beschaulichen Örtchen Ostro (Landkreis Bautzen). Dort hat die Familie von Konrad Schkoda im Frühjahr 2023 auf ihrem Privatgrundstück einen Mast samt Storchennest errichtet. Schon kurze Zeit später war er besetzt. Die Schkodas ließen sich von unabhängigen Mitgliedern des Naturschutzbundes Deutschlands (Nabu) beraten, die in der Oberlausitz schon viele Horste erfolgreich platziert hatten. "Wir haben es für das ganze Dorf gemacht. Die Leute freuen sich, nur ganz wenige nicht", sagt Mutter Monika. "Wenn ich früher durch die Dörfer unserer Gegend fuhr und Storchennester sah, hatte ich das Gefühl, auch Ostro braucht eins." Die drei Kinder der Familie schenkten ihren Eltern den Storchenhorst. Konrad Schkoda führte Buch über das Brutgeschehen auf der Wiese vis-à-vis des Wohnhauses. Vom Küchenfenster konnte er sich jeden Tag über den trächtigen Erfolg seiner Bemühungen freuen. Kurz vor Ostern starb Konrad Schkoda im Alter von 68 Jahren. Seine Frau Monika ist überzeugt, dass ihm der zunehmende Zwist um das Storchennest zusetzte. Denn gegen die Baugenehmigung für das Nest, die von der zuständigen Behörde nachträglich erfolgte, gingen drei Widersprüche ein - von Privatleuten, aber auch von der Gemeinde. Der Gemeinderat stellt sich quer, weil Belange der Gemeinde "unzureichend" gewürdigt worden seien, wie das Amt mitteilt. Der Kern unterschiedlicher Auffassungen sei nicht naturschutzrechtlicher Art, sondern ausschließlich baurechtlicher Natur, meint die Gemeinde Panschwitz-Kuckau, zu der Ostro gehört. In ihrem Widerspruchsschreiben macht sie sich zur Fürsprecherin einer Nachbarin, deren Grundstück an die Wiese mit dem Storchennest grenzt. Die in Schichten arbeitende Frau sei am Tage auf einen ungestörten Schlaf angewiesen, heißt es. "Ein erholsamer Schlaf bei offenem Fenster ist aufgrund des Storchennestes nicht mehr möglich." Auch über den "Nutzungszweck Wohnhaus" hat die Gemeinde in ihrem Schreiben an die Bauaufsicht nachgedacht. "Ein Storchennest mag für einzelne Individuen eine optische Erheiterung beim Blick aus dem Wohnhaus darstellen. Damit einher geht jedoch keine funktionelle Unterstützung des Wohnzweckes." Die Gemeinde findet, dass bei einem Storch weder dessen bloße Anwesenheit noch seine Sichtbarkeit oder sein Geklapper als "wohnzweckfördernd" angesehen werden sollten. Für die Experten vom Nabu klingen solche Fälle wie ein klassischer Nachbarschaftsstreit. Aktuell hat der Nabu-Landesverband keine juristischen Klagen von Bürgern gegen Naturschutzprojekte auf dem Tisch. "Es gibt hier und da Beschwerden, zum Beispiel über Bäume, die Schatten werfen oder in der Blütezeit Autos verschmutzen, über Hecken, die aus Sicht eines Nachbarn nicht ordentlich beschnitten sind oder ein durch den Biber vernässtes Jagdrevie", sagt Nabu-Chef Robert Beske. Meist lasse sich das im Gespräch aber klären. "Ich trete für einen ausgewogenen Artenschutz ein, der die bestehenden Interessenlagen bestenfalls verbindet und ausgleicht", sagt Sachsens Umweltminister Georg Ludwig von Breitenbuch (CDU). Einen systematischen Überblick zu konfliktträchtigen Projekten hat sein Haus nicht. "Wir haben auch keine Hinweise auf eine landesweite Zunahme von derartigen Konflikten, was nicht heißt, dass es nicht lokal zu Häufungen kommen kann", teilt das Ministerium mit. Konflikte beträfen oft Bestandszunahmen oder Neubesiedlungen durch geschützte Tierarten, die Schäden oder Probleme verursachen könnten, heißt es. "Das Spektrum ist hier sehr groß und reicht vom Dreck eines Schwalbennestes bis zu Überflutungen durch Biberaktivitäten. Vielfach gelingt es, Lösungen zur Beseitigung oder Minimierung derartiger Konflikte zu finden, so dass eine Koexistenz von Menschen und Tieren möglich ist", hießt es aus dem Ministerium. "Es liegt im maßgeblichen Interesse der Gemeinde, eine gütliche Lösung zwischen den einzelnen Interessenlagern zu finden", erklärt die für Ostro zuständige Verwaltung. Dazu brauche man bei allen Beteiligten einen Willen zum Kompromiss. Die Gemeinde schlägt vor, dass Nest auf dem Grundstück zu versetzen oder am Ortsrand aufzustellen. Familie Schkoda ist bereit, dass Nest auf ihrer Wiese zu versetzen und hatte das schon vorher erklärt. Die Bewahrung des Nestes scheint jedenfalls sinnvoll zu sein. Zwar hat sich der Bestand an Störchen in Sachsen im vergangenen Jahr nach vorläufigen Zahlen auf 495 Brutpaare erhöht. Dennoch vermehren die Tiere sich aus Sicht der Experten nicht ausreichend für einen sicheren Erhalt des Bestands. Aktuell überleben demnach im Schnitt weniger als zwei Storchenküken je Brutpaar. Nötig wären mindestens 2,4. Viele Küken verenden wegen Nahrungsmangels. Tierfreunde haben inzwischen unter dem Slogan "Rettet das Storchennest in Ostro" eine Online-Petition gestartet. Bislang haben mehr als 350 Menschen sie signiert. "Seit drei Jahren gehören die Störche zu unserem Ort und zu unserer Heimat. Ihr Nest in Ostro ist längst mehr als nur ein Brutplatz - es ist ein Symbol für Natur, Leben und Hoffnung geworden", heißt es im Text der Petition. Gerade heute, wo immer mehr Lebensräume verloren gingen, sollte man alles dafür tun, solche besonderen Orte zu bewahren statt zu zerstören, so der Inhalt der Petition. Für die Schkodas geht es noch um mehr. Sie möchten das Engagement von Familienvater Konrad als eine Art Vermächtnis bewahren. Für Konrad Schkoda waren die Tiere etwas Besonderes, ihre Rückkehr im Frühjahr leitete jene Jahreszeit ein, die gerade bei den Sorben in der Lausitz mit Bräuchen wie dem Osterreiten ausgiebig gefeiert wird. Der Storch solle als Symbol für Fruchtbarkeit und Neubeginn bleiben, findet die Familie. © dpa-infocom, dpa:260630-930-307403/1