Datum30.06.2026 01:33
Quellewww.zeit.de
TLDRDie deutsche Fußball-Nationalmannschaft ist im WM-Achtelfinale gegen Paraguay nach einem Elfmeterschießen ausgeschieden. Nach einem ideenlosen Spiel blieb die DFB-Elf trotz Ausgleich durch Havertz glücklos und scheiterte an der paraguayischen Abwehr. Fehlschüsse von Tah, Woltemade und Havertz besiegelten das WM-Debakel und werfen Fragen zur Zukunft von Trainer Nagelsmann auf. Die erste Niederlage im WM-Elfmeterschießen markiert das Ende einer weiteren Titeltraum-Saison.
InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Fußball-Nationalmannschaft“. Lesen Sie jetzt „Blamage perfekt: DFB-Elf verliert Elfer-Krimi gegen Paraguay“. Die Elfmeter-Lotterie endete im nächsten WM-Debakel. Fußball-Deutschland liegt nach den Fehlschüssen von Jonathan Tah, Nick Woltemade und Kai Havertz wieder gedemütigt am Boden - und Julian Nagelsmann ist als Bundestrainer gescheitert. Nach einem lange viel zu ideenlosen und dann glücklosen Auftritt hat sich die Nationalmannschaft den Defensivexperten aus Paraguay im Nervenkrimi geschlagen geben müssen. Das erste WM-K.o.-Spiel seit den goldenen Tagen von Rio 2014 bleibt vorerst das letzte. Wie 2018 und 2022 fliegt die DFB-Elf nach dem 3:4 im Elfmeterschießen des Sechzehntelfinales als Verlierer nach Hause, wenn die besten 16 Mannschaften der Welt um den Titel spielen. Havertz (54. Minute) hatte mit seinem dritten WM-Treffer die Paraguay-Führung von Julio Enciso (42.) vor 63.945 Zuschauern noch ausgleichen können. Doch der Siegtreffer wollte weder in der regulären Spielzeit noch in der Verlängerung gelingen. Ein Tor von Tah (102.) wurde vom VAR einkassiert. Eine sehr diskutable Entscheidung. Die erste Niederlage im Elfmeterschießen in der deutschen WM-Geschichte war der finale Nackenschlag. Zur tragischen Figur wurde neben den Fehlschützen wieder einmal Joshua Kimmich. Der Kapitän ackerte und rannte, aber muss nun auch bei seiner dritten WM lange vor dem Finale in den Urlaub gehen. Von der XXL-WM wird das 7:1 zum Auftakt in schöner Erinnerung bleiben - gegen Curaçao. Keinen anderen Gegner konnte man dominieren. Die bittere Wahrheit: In dieser Verfassung wäre die DFB-Elf gegen wirkliche Titelkandidaten wie Frankreich, Argentinien oder Spanien wohl chancenlos gewesen.Für den viel besungene Party-Zug war in Foxborough Endstation - ausgerechnet dort, wo Nagelsmann im Oktober 2023 seine ersten Trainingseinheiten als Bundestrainer geleitet hatte. 2018 und 2022 blieben Joachim Löw und Hansi Flick nach den WM-Enttäuschungen im Amt - Argumente für die Fortsetzung seiner Arbeit hat er nicht. Der potenzielle Nachfolger Jürgen Klopp war als TV-Experte schon im Stadion und analysierte das Geschehen auf dem Rasen aus messerscharf aus Trainersicht. "Drecksack-Mentalität", hatte Nagelsmann vorab im ZDF von seiner Elf gefordert. Doch davon war lange nichts zu sehen. Zu brav, zu passiv startete die DFB-Elf in das wichtigste Spiel seit der Heim-EM. Auch der von vielen Experten und Fans herbeigesehnte erste Startelf-Einsatz von Deniz Undav zeigte keine Wirkung. Der Top-Joker fand nichts ins Spiel. "Die Nation wollte es ja schon relativ lange, jetzt ist er drin", sagte Völler vor der Partie bei MagentaTV. "Wir wollen ein bisschen mehr Präsenz haben im gegnerischen Sechzehner", erklärte Nagelsmann die Hereinnahme, durch die Jamal Musiala auf die Bank musste. Weitere Überraschungen gab's nicht: Nathaniel Brown kehrte nach seinen Adduktorenproblemen wie erwartet auf die linke Verteidigerposition zurück. Der Frankfurter ersetzte David Raum. Die Debatte um die ideale Position von Kapitän Joshua Kimmich beantwortete Nagelsmann, indem er den Münchner erneut als rechten Verteidiger aufbot. "Paraguay kommt mit viel Willen, da müssen wir von Anfang an da sein und unsere Aufgaben gut machen", skizzierte Wirtz den Siegplan, der schon nach etwas über einer Minute fast durchkreuzt worden wäre. Nach einem Eckstoß rettete DFB-Torwart Manuel Neuer gegen Júnior Alonso. Bei knapp über 30 Grad auf dem Rasen taten sich die Deutschen gegen Paraguays enge Defensivketten vor allem in Hälfte eins extrem schwer. Die fußballerisch limitierten Südamerikaner verdichteten auch ohne den angeschlagenen Ex-Herthaner Omar Alderete in der Abwehr geschickt die Räume. Die von Undav und Havertz gebildete Doppelspitze blieb völlig stumpf, auf den offensiven Außenbahnen kamen Leroy Sané und Wirtz entweder nicht durch oder erschwerten durch Stockfehler und leichte Ballverluste die Mission zusätzlich. Es fehlte trotz extremer Dominanz und 244:31 Pässen nach 35 Minuten an vielem: Raffinesse, Tiefenläufe, Tempo, Spielfreude. Die einzig halbwegs nennenswerte Möglichkeit vor der Pause hatte Felix Nmecha mit einem abgefälschten Schuss. Das DFB-Team navigierte wie ein schwerer Tanker - und geriet kurz vor der Pause in höchste Not. Enciso wuchtete eine scharf getretene Flanke von Matías Galarza per Kopf ins Tor. Nicht im Bilde: die deutsche Abwehr, die den Torschützen völlig aus den Augen verloren hatte. "Tore fallen meistens nach Fehlern, hier wurden acht gemacht. Das wurde einfach schlecht verteidigt", ätzte Jürgen Klopp als Experte bei MagentaTV über das in der Tat viel zu einfache Gegentor. "Wir sind zu statisch. Undav nicht im Spiel, Nmecha nicht im Spiel. Bis Leroy den Ball hat, stehen drei Leute vor ihm", mäkelte er weiter. Als Schiedsrichter Jalal Jayed aus Marokko, der die DFB-Elf bereits beim 7:1 gegen Curaçao gepfiffen hatte, zur Halbzeit blies, rannte Nagelsmann in die Kabine. Der 38-Jährige hatte es eilig, seine Spieler neu ein- und aufzustellen: Für Nmecha kam Leon Goretzka zu seinem dritten Einsatz bei dieser WM. Gedanklich frischer waren zunächst die Paraguayer. Einen zu kurzen Kimmich-Rückpass hätte 1:0-Torschütze Enciso aus spitzem Winkel fast zum 2:0 verwertet, doch Neuer parierte - und das DFB-Team war kurz danach wieder voll im Spiel, als Havertz eine scharfe Wirtz-Flanke per Kopf ins Tor verlängerte. Nagelsmann ballte die Faust, sein Team wollte nachlegen. Schüsse von Goretzka und Pavlovic blockte die nun stärker geforderte Defensive der Südamerikaner. Es blieb aber ein Geduldsspiel, an dem nach etwas über einer Stunde auch Musiala teilnehmen durfte. Undav musste runter. Mehr als Havertz' Kopfballchance (78.), pariert von Uruguays Torwart Orlando Gill, gab's in der Schlussphase nicht. Dafür schickte Nagelsmann noch Waldemar Anton und Nick Woltemade für Aleksandar Pavlovic und Sané auf den Platz, Kimmich rückte auf die Sechser-Position. Hektisch wurde es in der Verlängerung, als Tah einköpfte, Schiedsrichter Jayed den Treffer aber zurücknahm, weil Anton nach Jayeds Meinung Torhüter Gill zu stark bedrängte. "Absolut nicht nachvollziehbar", kommentierte ZDF-Schiedsrichter-Experte Thorsten Kinhöfer. Anton hatte dann selbst das 2:1 aus Nahdistanz auf dem Kopf (119.), Gill hielt den Ball aber sogar fest. Das Elfmeterschießen musste her - mit dem besseren Ausgang für Paraguay. © dpa-infocom, dpa:260629-930-306777/2