Datum29.06.2026 15:51
Quellewww.zeit.de
TLDRTrotz extremer Hitze von bis zu 40 Grad fand das Fusion Festival regulär statt, während andere Großveranstaltungen abgebrochen wurden. Besucher nutzten vielfältige Strategien zur Abkühlung, darunter Wasserzerstäuber, Duschen und das Aufsuchen von Schatten. Die Veranstaltung bot neben Musik auch Vorträge und Kunst, wenngleich die Stimmung durch die Hitze beeinträchtigt wurde. Veranstalter und medizinisches Personal betonten, dass ein festivalweiter Abbruch wegen der Hitze ebenfalls Risiken birgt, wie etwa die Überhitzung Zehntausender abreisender Besucher.
InhaltAm Wochenende wurden viele Großveranstaltungen in Deutschland wegen der Hitze abgebrochen. Das Fusion Festival lief bis zum Ende weiter. Wie geht Feiern bei fast 40 Grad? Als Denise sich am Sonntagmorgen gegen sieben Uhr auf den Weg zur Fusion machen will, bekommt sie eine Nachricht. "Ich denke, es lohnt sich nicht mehr, wenn du kommst", schreibt ihre Freundin Marlene, die schon seit Freitag dort ist. Wegen der Hitze sei "die Luft raus". Doch Denise hat monatelang auf diesen Tag hingefiebert. Den Rest des Sommers wird die Psychologiestudentin an ihrer Bachelorarbeit schreiben. Jetzt will sie noch einmal etwas erleben. Trotz angekündigter Temperaturen von bis zu 40 Grad steigt sie ins Auto und fährt los. Weil in Westeuropa an mehreren Orten in den vergangenen Tagen Höchsttemperaturen gemessen wurden, sind viele Großveranstaltungen abgesagt oder vorzeitig beendet worden. Das Kessel Festival in Stuttgart etwa oder das Hardstyle-Festival Defqon. 1 in den Niederlanden baten seine Besucher, den Heimweg anzutreten. Auch der für Samstag angesetzte Pride-Marsch in Paris wurde verschoben. Die Fusion in Mecklenburg-Vorpommern hingegen – eines der größten alternativen Kulturfestivals in Europa mit etwa 65.000 Besuchern und 3.300 Künstlern – lief regulär bis Montag weiter, auch wenn andere Großveranstaltungen in der Region abgesagt worden waren. Es könnte wegweisend dafür sein, wie Festivals in Zukunft auch bei Extremwetter durchführbar bleiben. Doch wie feiert es sich eigentlich bei solchen Temperaturen? Als Denise in Lärz aus dem Auto steigt, knallt die Sonne bereits auf das Gelände. Die Autos abreisender Gäste wirbeln Staub auf. Es sind 35 Grad. Gewappnet mit Sonnenbrille, Sonnencreme und einem Tuch, das sie immer wieder nass macht und sich um Kopf und Schultern legt, zeigt Denise ihr Ticket vor und geht aufs Festivalgelände – eine bunte Kulisse aus Graffiti, Kunstinstallationen und Zelten. Neben Musik gibt es Vorträge sowie Theater- und Filmvorführungen. Ein bisschen Realitätsflucht in eine linke Utopie, während ebendiese Realität, die Klimakrise, sie auch auf der Fusion einholt. Denise läuft vorbei an einem Schild, welches das Baden im nahe gelegenen See verbietet – wegen der Hitze ist dieser schon am Freitag gekippt. Wer sich abkühlen will, muss sich seither mit Wasserzerstäubern oder Duschen begnügen – die Schlangen für Letztere sind zeitweise lang. Wartende haben sich bunte Tücher um die Köpfe gebunden oder Schirme in der Hand. Viele haben mit Wasser gefüllte Sprühflaschen dabei und spritzen sich gegenseitig nass. Ein Mann trägt seine Luftmatratze über dem Kopf. Die Haut mancher ist von der Sonne gerötet. Musik ist kaum zu hören an diesem Vormittag, die Veranstalter haben auf den meisten der etwa 40 Bühnen eine mehrstündige Mittagspause zum Schutz vor der Sonne eingeführt. Die Stimmung der Besucher, die sich im Schatten der Bäume und Hangars verstecken, scheint gedrückt. Manche reden leise, andere liegen auf dem Boden. Es wirkt, als seien viele hier vor allem von der seit vier Tagen anhaltenden Extremhitze verkatert. So auch Denise' Freundin Marlene, die sie unweit einer Wasserstation trifft. Wegen der Hitze habe sie schon wieder schlecht geschlafen, sagt Marlene. Sie trägt Shorts und Top, ihre blonden Haare hat sie in einem Dutt unter ihrer Cap zusammengebunden. Eigentlich habe sie nicht mehr viel Energie zum Feiern. Außerdem sei die Nacht der einzige Zeitraum, in dem die Temperaturen auf den Floors halbwegs erträglich seien. Doch jetzt, wo ihre Freundin da ist, ziehen beide gemeinsam über das Gelände, das sich auf einem ehemaligen sowjetischen Militärflugplatz befindet. Auf einem der wenigen geöffneten Floors ist jedes schattige Plätzchen von Besuchern belegt. Manche versuchen sich in Yogaposen, andere haben Hängematten zwischen den Bäumen aufgehängt und dösen darin vor sich hin. Marlene holt sich eine Mate, Denise trinkt Sekt. Nebenan singt eine ugandische Band vom Weltfrieden. Eiswürfel gibt es an den meisten Bars nicht mehr. Hört man sich um, geht es in den Gesprächen viel um die Hitze, um diejenigen, die vorzeitig abgereist sind. Erstmals wurden Shuttlebusse auch am Samstag eingesetzt, um Menschen wieder nach Hause zu bringen. Normalerweise fahren sie erst ab Sonntag. Spricht man mit dem Klo- und Barpersonal, erzählen die, dass am Vortag einige Leute in den Toiletten- und Wasserschlangen an den Floors umgekippt seien. Schon Tage vorher war in den sozialen Medien eine Debatte um die Sicherheit auf der Fusion entbrannt; darüber, wie sich Festivals wegen der globalen Erwärmung verändern würden, ob man künftig wegen immer heißerer Sommer im Frühling oder Herbst feiern müsste. Über die hitzebedingt steigenden Versicherungskosten für Veranstalter, damit die Festivals auch im Extremwetterfall abgesichert sind, wodurch letztendlich auch die Ticketpreise teurer würden. Ob es fahrlässig sei, Festivals bei solchen Temperaturen weiterlaufen zu lassen, oder vernünftig, überhaupt herzukommen. Manche befürchteten, dass es Hitzetote geben könnte, wie zuletzt im Jahr 2019, als ein Mann in seinem Zelt einschlief und nicht mehr aufwachte – bei nicht annähernd so hohen Temperaturen. Bereits zweimal wurde die Fusion in den vergangenen Tagen evakuiert: Am Donnerstag brach ein Feuer auf einem Feld in der Nähe aus; das Konzertprogramm musste für einige Stunden unterbrochen werden. Am Samstagabend war ein stärkeres Gewitter angekündigt worden, weshalb Besucher erneut das Gelände verlassen sollten – bis auf ein bisschen Nieselregen blieb es jedoch ruhig (und heiß). Vor dem Sanitätsbereich neben der großen Turmbühne hat sich eine kleine Schlange gebildet. An einem Stand können sich Besucher eine Elektrolytelösung abholen, um den durch starkes Schwitzen entstehenden Salzverlust des Körpers wieder auszugleichen. Sanitäter schieben eine junge Frau mit einem Kühlpack am Kopf auf einer Krankentrage an den Wartenden vorbei. "Ich habe den Veranstaltern empfohlen, die Fusion auch bei diesen klimatischen Bedingungen nicht zu unterbrechen", sagt Gernot Rücker, der in gelber Warnweste am Eingang eines Sanitätszeltes steht. Der Notfall- und Suchtmediziner aus Rostock begleitet die Fusion bereits seit über 20 Jahren als leitender Arzt. Jeden Nachmittag, sagt er, werde im Führungsstab die Wetterlage ausgewertet. Rückers Aufgabe sei, aus medizinischer Sicht einzuschätzen, ob die Lage noch vertretbar ist, und welche Maßnahmen zum Schutz der Gäste nötig sind. Ein Abbruch des Festivals wäre aus seiner Sicht nicht automatisch die sicherere Entscheidung gewesen. Wenn Zehntausende Menschen bei 38 Grad gleichzeitig abreisen müssten, könnten sie stundenlang an Bahnhöfen oder ungeschützten Flächen stehen und überhitzen. "Dann verlagert man das Problem einfach auf den Nächsten", sagt Rücker. Außerdem hätte man den Leuten Spaß und ein wichtiges Gemeinschaftserlebnis entzogen. "So zerstöre ich natürlich auch einen Teil der Kultur", sagt Rücker.