Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Wenn Hitzewelle auf Eventsommer trifft: Wann ist’s zu viel?

Datum29.06.2026 06:00

Quellewww.zeit.de

TLDRDie extreme Hitze in Hamburg führte zu Rekordverbrauchern bei Trinkwasser. Zugleich wird über die Zunahme von Großevents und deren Auswirkungen auf die ohnehin hitzebelasteten innerstädtischen Quartiere diskutiert. Eine Debatte entzündet sich auch um geplante Kürzungen im Kunst- und Musikunterricht an Schulen, die von Kulturschaffenden kritisiert wird, während die Schulbehörde Klarstellungen vornimmt. Olaf Scholz leitet eine heikle Kommission zum Globalen Süden.

InhaltMit einem Rekordwasserverbrauch, neuen Regeln gegen Luxussanierungen und Olaf Scholz in heikler Mission ich hoffe, Sie haben das Wochenende gut überstanden. Vielleicht waren Sie unter den 20.000 Menschen, die am Samstagabend zu Paul Kalkbrenner auf dem Heiligengeistfeld getanzt haben. Vielleicht haben Sie die Tage aber auch möglichst bewegungslos hinter heruntergelassenen Rollläden verbracht, das Gesicht vor den Ventilator gehalten und sehnsüchtig aufs Regenradar geschaut. Ich selbst gehörte eher zur Faultierfraktion, während Freunde bei einem Festival in Mecklenburg-Vorpommern ihre Zelte aufschlugen. Jeder, wie er mag. 39,4 Grad wurden am Samstag in Neuwiedenthal gemessen. So einen heißen Junitag gab es in Hamburg noch nie. Viele Veranstaltungen waren vorsorglich abgesagt worden, der Halbmarathon, die Harley-Days-Parade. Wie man hört, war die Stadt hier sehr bemüht, ständig im Austausch mit den Veranstaltern. Gut so. Es wäre auch schwer zu verargumentieren gewesen, warum ausgerechnet an einem der heißesten Tage des Jahres Tausende Motorräder durch eine ohnehin aufgeheizte Stadt knattern und Abgase ausstoßen sollten. Die Anwohner rund um St. Pauli dürften die ungewohnte Ruhe jedenfalls genossen haben. Nächstes Wochenende wird’s dafür wieder laut, beim Schlagermove. Und damit sind wir bei einer Frage, die uns wohl noch öfter beschäftigen wird: Durch die Klimakrise werden die Sommer heißer. Asphalt und Beton speichern Wärme, dicht bebaute Quartiere kühlen nachts kaum noch aus. Gleichzeitig steigt die Zahl an Großevents in Hamburg, von denen viele in den Sommer fallen und sich ausgerechnet in den Quartieren rund um St. Pauli, die Schanze und die Innenstadt abspielen – die ohnehin schon besonders unter Hitze, Lärm, Verkehr ächzen. Dass gerade den Bewohnern dieser Viertel die Fülle an Großevents langsam zu viel wird, zeigte sich schon in der Olympiadebatte. Je heißer die Sommer werden, desto mehr stellt sich die Frage nach dem richtigen Maß. Natürlich muss deshalb jetzt nicht jedes Konzert, jeder Marathon abgesagt werden. Ich mag es auch, wenn im Sommer was los ist, wenn die Stadt pulsiert. Und gerade das Paul-Kalkbrenner-Konzert, bei dem Trinkwasser-Zapfsäulen und Wasserkanonen aufgebaut wurden, hat gezeigt, dass gute Hitzeschutzkonzepte funktionieren können. Aber es geht eben nicht um das einzelne Konzert, sondern um die Summe. Denn so wie jeder selbst entscheiden muss, ob er sich eine Party in der prallen Sonne zumutet, muss auch eine Stadt überlegen, wie viel sie ihren Bewohnern zumutet. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag! Ihre Annika Lasarzik Wegen der Hitze ist Hamburgs Trinkwasserverbrauch auf den bislang höchsten Tageswert des Jahres gestiegen. Einem Sprecher von Hamburg Wasser zufolge wurden am Mittwoch 412,20 Millionen Liter verbraucht. Der Versorger mahnt zu einem bewussten Umgang mit Wasser. Nach einem Badeunfall in der Elbe in Blankensee wird ein Mensch vermisst. Laut NDR soll es sich um einen 22-Jährigen handeln, der am späten Samstagabend mutmaßlich ertrunken ist. Die Feuerwehr konnte die Angaben zur Identität zunächst nicht bestätigen. Zwei Menschen konnten per Boot gerettet werden. Gegen 0.40 Uhr wurde der Einsatz beendet, an dem auch die DLRG beteiligt war. Hamburger SPD und Grüne wollen die Bußgelder für illegale Luxussanierungen anheben. Die Regierungsfraktionen kritisieren, dass Verstöße gegen Soziale Erhaltungsverordnungen bislang mit maximal 30.000 Euro geahndet werden können. So soll verhindert werden, dass bezahlbarer Wohnraum durch ungenehmigte Sanierungen dem Markt entzogen wird. Hamburgs Bürgerschaft will für NSU-Akten zum Mord an Süleyman Taşköprü gerichtlich Einsicht erzwingen. Der Hamburger Gemüsehändler war im Juni 2001 in seinem Geschäft in Bahrenfeld vom rechtsextremen Terrornetzwerk NSU erschossen worden. Laut Bürgerschaftskanzlei wurde dazu ein Antrag beim Oberlandesgericht Karlsruhe gestellt. Die Bundesanwaltschaft verweigert die Einsicht bislang wegen laufender Ermittlungen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eröffnet heute im Rathaus die dritte Hamburg Sustainability Conference unter dem Motto Die Kraft der Zusammenarbeit: Gemeinsam Fortschritt vorantreiben. Im Zentrum stehen die Zukunft des Planeten und die wirksame Einbindung der Privatwirtschaft. Parallel läuft die Nachhaltigkeitswoche mit mehr als 200 Veranstaltungen zu den 17 UN-Nachhaltigkeitszielen. Bald gibt es in Hamburg weniger Kunst- und Musikunterricht, fürchtet die Kulturszene. Die Schulbehörde dementiert: Die Fächer bleiben Pflicht – mit einer Einschränkung. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Artikel von ZEIT-Redakteur Oskar Piegsa. Wer dem Ernst-Deutsch-Theater in Hamburg auf Instagram folgt, bekommt dort regelmäßig Menschen zu sehen, die in kurzen Videos für Premieren, Theaterabos oder den Besuch ihres Sommerfests werben. Doch diese Woche ging es um etwas anderes. "Leute, Folgendes!", sagte eine Mitarbeiterin in die Kamera und erklärte: Die Schulfächer Kunst, Musik und Theater könnten in Hamburg bald deutlich an Unterrichtszeit verlieren. "Ich glaube, ich muss euch nicht erzählen, was wir hier am Theater davon halten." Es gebe eine Petition gegen diese Pläne: "Ich würde sagen, wir unterschreiben das jetzt alle mal!" Drei pädagogische Fachverbände haben diese Petition Ende Mai gestartet. Sie richtet sich gegen eine geplante Reform der Oberstufe, also der letzten beiden Schuljahre vor den Abiturprüfungen. Mehr als 40 Kulturinstitutionen haben bereits unterzeichnet, darunter Häuser mit großen Namen wie die Hamburger Kunsthalle, das Museum für Kunst und Gewerbe, die Deichtorhallen, Kampnagel oder eben das Ernst-Deutsch-Theater. Die Liste der Unterschriften ist online nicht einsehbar, doch nach Angaben der Initiatoren sollen mehr als 4.000 zusammengekommen sein. Die Landeshochschulkonferenz, der Dachverband der Universitäten und Hochschulen in Hamburg, wandte sich Anfang Juni sogar mit einem offenen Brief an Hamburgs Bildungssenatorin Ksenija Bekeris (SPD). Man beobachte die Pläne der Behörde "mit Sorge", denn eine "Reduzierung von Kunst, Musik und Theater würde ausgerechnet jene Bildungsbereiche schwächen, die junge Menschen auf die komplexen gesellschaftlichen und technologischen Herausforderungen der Zukunft vorbereiten." Es gehe um nicht weniger als um die "Zukunftsfähigkeit unseres Bildungs- und Wissenschaftssystems". Dieses Engagement ist bemerkenswert, doch der Sachverhalt ist komplexer, als es die Petition darstellt – und so kleinteilig, dass man ihn kaum in einem schnellen Video auf Instagram erläutern kann. Denn in der Zwischenzeit hat der Senat bekannt gegeben, dass "explizit keine Reduzierung der Belegauflage für den Bereich der künstlerischen Fächer vorgesehen" sei. So steht es in der Antwort auf eine Schriftliche Kleine Anfrage der Linksfraktion, die am 16. Juni veröffentlicht wurde. Im Übrigen werde die Vorgabe der Kulturministerkonferenz für die künstlerischen Fächer in Hamburg übererfüllt. Das heißt im Klartext: Wer in Hamburg das Abitur macht, bekommt mehr ästhetische Bildung als Schülerinnen und Schüler anderswo in Deutschland. Doch aus Sicht der Kritikerinnen und Kritiker ist das nicht die ganze Wahrheit. Warum die Bildungsbehörde ihre Pläne verteidigt, weshalb Kunstlehrkräfte trotzdem Alarm schlagen – und was sich für Schülerinnen und Schüler tatsächlich ändert, lesen Sie in der ganzen Analyse. → Zum Artikel (Z+) Der Ex-Bundeskanzler leitet jetzt eine Regierungskommission zum Globalen Süden. Seine Mission ist heikel, auch weil sie in großer sozialdemokratischer Tradition steht. ZEIT-Autorin Christiane Grefe hat sich Gedanken dazu gemacht. → Zur Analyse Das Kulturforum Hamburg lädt ein zu einer Podiumsdiskussion zum Thema Wie viel Raum braucht die Kunst? Die freien darstellenden Künste stellen sich vor. Die freie Szene mit Theater, Tanz, Performance prägt die Hamburger Kulturlandschaft ebenso wie es die großen Häuser tun – wie es zum Beispiel gerade während der Tanztriennale zu erleben war. Wie unterscheiden sich die Arbeitsbedingungen zwischen den staatlichen Bühnen und den freien Gruppen? Wie findet man geeignete und bezahlbare Probe- und Arbeitsräume? Auf dem Podium diskutieren Jens Dietrich, Franziska Jakobi und Fernanda Ortiz (Vorstand des Dachverbands Freie Darstellende Künste, DfdK), Julika Mücke (Geschäftsführung des Netzwerkbüros DfdK), Amelie Deuflhard (Intendantin Kampnagel) und Ulrike Steffel (Behörde für Kultur und Medien). "Wie viel Raum braucht die Kunst? Die freien darstellenden Künste stellen sich vor", 30. Juni, 19 Uhr; Kampnagel, kmh, Jarrestraße 20. Der Eintritt ist frei. Beim Spiel Deutschland – Ecuador. Vierte Minute der Nachspielzeit, zweite Halbzeit. Ein älteres Ehepaar sitzt neben uns in der Kneipe. Sie, nach dem Zweikampf vor dem Tor: "Mann! Elfmeter!!!" Er: "Na ja, nicht wirklich." Sie: "Für wen bist du eigentlich?!" Gehört von Anja Zerbin Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren.