Meinung: Die Lage am Morgen: Wer ist nerviger – Trump oder China?

Datum29.06.2026 05:36

Quellewww.spiegel.de

TLDRDie EU steht möglicherweise vor einem Handelskonflikt mit China wegen staatlicher Beihilfen, die chinesischen Unternehmen einen unfairen Vorteil verschaffen. Deutschland und andere europäische Länder erwägen Zölle auf chinesische Importe, insbesondere auf Autos. Währenddessen räumt Putin Schwierigkeiten bei der Versorgung Russlands mit Treibstoff ein, verursacht durch ukrainische Angriffe. In Deutschland plant die Koalition Reformen in Steuer- und Sozialpolitik, wobei die Finanzierung eine zentrale Herausforderung darstellt.

InhaltEuropa kämpft gegen Pekings Billigware. Putin gibt sich ein wenig zerknirscht. Und: Die Woche der Reformen beginnt. Das ist die Lage am Montagmorgen. Heute geht es um einen drohenden Handelskonflikt der EU mit Peking, um Waldimir Putin, der sich ein wenig zerknirscht gibt, und um die geplanten Reformen der Berliner Koalition. Wenn über Zölle und Handel gesprochen wird, denken die meisten Europäer erst einmal an US-Präsident Donald Trump (mehr hier ). Doch womöglich stehen die Europäer vor einem neuen veritablen Handelskonflikt: mit China. Heute kommt der chinesische Handelsminister Wang Wentao nach Brüssel. Unter anderem wird er EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič treffen. Der Empfang in Brüssel dürfte frostig ausfallen. Europa leidet unter dem sogenannten Chinaschock 2.0: Die Europäer werfen Peking unter anderem vor, den eigenen Unternehmen mit Staatshilfen und einer künstlich verbilligten Währung einen unfairen Vorteil auf dem Weltmarkt zu verschaffen. Im Auftrag der EU-Staats- und -Regierungschefs soll die EU-Kommission bis zum Herbst mögliche Gegenmaßnahmen prüfen (mehr dazu hier ). Das könnte neue Zollschranken einschließen. Die Chinesen haben bereits vorsorglich mit einer deutlichen Gegenreaktion gedroht. Deshalb dürfte es bei den Gesprächen in Brüssel darum gehen, einen Großkonflikt noch abzuwenden. Doch inzwischen ist auch Kanzler Friedrich Merz dafür, gegenüber Peking in Handelsfragen eine härtere Gangart einzuschlagen (mehr dazu hier ). Die deutsche Autoindustrie ächzt besonders unter dem chinesischen Wettbewerbsdruck. Mercedes-Benz und Volkswagen haben rigide Sparprogramme angekündigt. Selbst der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Paul Krugman, sonst eher ein Kämpfer für freien Welthandel, macht sich ernsthafte Sorgen. EU-Zölle auf billige chinesische Autos seien möglicherweise das Gebot der Stunde. Denn, so Krugman, "die Europäer können nicht zulassen, dass ihre Autoindustrie komplett entkernt wird". Die Angriffe der Ukrainer mit Drohnen und Raketen auf die russische Erdölindustrie, speziell Lagerstätten und Raffinerien, sorgen in der Bevölkerung für Unruhe und Ängste. In vielen Landesteilen werden Benzin und Diesel knapp, vor den Tankstellen bilden sich Schlangen (mehr dazu hier ). Selbst Russlands Herrscher Wladimir Putin kann die Lage nicht mehr schönreden. Deshalb hat er sich nun offenbar zur Vorneverteidigung entschieden. Bei einem Parteikongress räumte er ungewöhnlich deutlich Schwierigkeiten ein, gab dafür aber natürlich anderen die Schuld: dem Westen, den Ukrainern und so weiter. Russland sehe sich einem "beispiellosen Druck" seitens westlicher Eliten ausgesetzt, erklärte er laut Agenturberichten. "Ja, wir sehen Probleme. Wir sind uns dessen bewusst, reagieren darauf, werden aber auf jeden Fall sowohl die Sicherheit des Landes als auch die unserer Bürger sowie die Unverletzlichkeit unserer Grenzen auf lange Sicht gewährleisten." Bei einem Treffen mit Vertretern der Erdölindustrie versprach Putin, die Benzinknappheit in den Griff zu bekommen. Im schönsten Sowjet-Stil versprach er, dass die außergewöhnlichen Aufgaben gelöst werden. "Klar, zügig und kompetent im Interesse des Landes und unserer Bürger." Wirklich? Das wäre neu: Denn im Interesse seines Landes und seiner Bürger handelt dieser Präsident schon lange nicht mehr. Zufall oder nicht: Die schwarz-roten Koalitionäre haben ihre Beratungen über ein großes Reformpaket zur Steuer- und Sozialpolitik ausgerechnet in die Wochen der Fußball-WM gelegt. Da lässt sich einigermaßen unbeirrt beraten, das halbe Land ist ohnehin abgelenkt. Kanzler Friedrich Merz, dazu Lars Klingbeil und Bärbel Bas von der SPD sowie CSU-Chef Markus Söder stehen praktisch im Dauerkontakt, um die letzten Details ihrer Pläne abzustimmen. Ab Mittwoch sollen dann weitere Spitzenvertreter der Koalition dazu kommen, um den Sack zuzumachen, wie man so schön sagt. Bei den Steuern ging es dem Vernehmen nach zuletzt vor allem um die Frage der Gegenfinanzierung von möglichen Entlastungen. Es ist der Klassiker: Das Geld, das verteilt werden soll, muss an anderer Stelle eingespart werden. Aber wo? (Mehr zu dieser Frage hier .) Der beste Weg wäre der Abbau von Subventionen, etwa die massiven Vergünstigungen für Agrardiesel. Oder die Kürzung bei der Förderung der energetischen Gebäudesanierung. Da schenkt der Staat Leuten Geld, die es oft nicht benötigen. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Also, haben die Koalitionäre Mut, bei den Subventionen den Rasenmäher anzuschmeißen? Am Ende dieser Woche wissen wir hoffentlich mehr. Noch mehr Rätsel wie Viererkette, Wordle und Paarsuche finden Sie bei SPIEGEL Games. … sind US-Amerikaner und Europäer, die durch die Fußball-WM einige neue Dinge übereinander lernen. Die sozialen Medien sind voll mit US-Bürgern, die sich scherzhaft darüber wundern, dass Deutsche, Schotten, Niederländer und Norweger so viel Urlaub nehmen können, um mehrere Wochen am Stück durch die USA zu touren (dort sind eher zwei Wochen Jahresurlaub der Standard). Für Erstaunen sorgen auch manche Rituale der Europäer, etwa das laute Absingen von Fan-Liedern. In den USA ist das beim Sport unüblich. Umgekehrt sind die Europäer fasziniert von amerikanischen Supermärkten und Fast-Food-Ketten. Sie posten Bilder von riesigen Tiefkühlpizzen bei Walmart, freuen sich, dass sie morgens um zwei Uhr in einem Waffle House Pancakes essen können und feiern das in den USA omnipräsente "Ranch-Dressing" als Delikatesse. Nur über Politik redet kaum jemand bei dieser WM. Es ist vielleicht auch besser so. Shankho Mukherjee ist erfolgreicher Marketingmanager und sorgte sich trotzdem um seine Stelle. Ein Psychologe schlug ihm vor, einen Brief an sein gekündigtes Ich zu schreiben. Wie diese Übung funktioniert . Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag. Ihr Roland Nelles, Leiter des SPIEGEL-Hauptstadtbüros