Meinung: Hitzewelle: Wir leben im Zeitalter der Aggnoranz – Kolumne

Datum28.06.2026 19:09

Quellewww.spiegel.de

TLDRDer Artikel beschreibt "Aggnoranz" als wütende Realitätsverleugnung, exemplifiziert an Hitzeleugnern und Trump-Anhängern. Extremhitzen und Klimakrisensymptome werden ignoriert oder verharmlost. Psychologisch erklärt sich dies durch kognitive Dissonanz, da die Akzeptanz der Klimakrise persönliche Lebensstile bedrohen würde. Teile der Union werden für ihr Zurückschrecken vor Klimaschutzmaßnahmen und Energiewende kritisiert, während die tatsächliche Zukunftsindustrie auf Messen präsent ist.

InhaltEs ist heiß und on- wie offline ist Erstaunliches zu beobachten: wütend vorgetragene Realitätsverleugnung, aggressive Ignoranz. Das Problem reicht bis in die Union hinein – es gibt dafür eine psychologische Erklärung. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Ein gewisser Albert Anthony, 41, aus dem US-Staat Louisiana, lieferte diese Woche ein perfektes Beispiel für eine in diesen Tagen weitverbreitete Haltung: aggressive Ignoranz. Eigentlich braucht man längst ein eigenes Wort dafür: Man könnte sie "Aggnoranz" nennen – nicht nur einfache Unwissenheit, sondern die wütende Verteidigung erkennbar falscher Positionen. Christian Stöcker, Jahrgang 1973, ist Kognitions­psychologe und Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW). Dort verantwortet er den Studiengang Digitale Kommunikation und mehrere Forschungsprojekte über digitale Öffentlichkeit und Desinformation. Vorher leitete er das Ressort Netzwelt bei SPIEGEL ONLINE. Anthony stand der "New York Times" zufolge unweit des Reflecting Pool in Washington und erklärte die beobachtbare Realität für eine Lüge. Das Wasserbecken ist nach einer für den US-Steuerzahler viele Millionen Dollar teuren Fehlentscheidung von US-Präsident Donald Trump bekanntlich mit grünen Algen und Farbfetzen gefüllt . "Schauen Sie sich das Wasser doch einfach an", sagte Anthony, es sei "nicht grün". Die für alle sichtbare Farbe, das seien "Fake News" und Donald Trump "der beste Präsident, den wir jemals hatten". Unterdessen nehmen US-Behörden immer wieder Leute fest, die Farbfetzen aus dem Wasser fischen, weil Donald Trump behauptet hat, der Pool sehe nur wegen "Vandalen" so aus. Diese beiden inkompatiblen Varianten – der Pool ist gar nicht grün, der Pool sieht aufgrund von Vandalismus so aus – sind objektiv falsch. An einen Ort zu gehen, an dem alle sehen können, was wirklich der Fall ist, und dort dann einem Reporter gegenüber das Gegenteil zu behaupten – das ist Aggnoranz. Marktführer darin ist Donald Trump, der Präsident der Realitätsverleugnung. Viele US-Bürgerinnen und -Bürger überzeugt diese Methode mittlerweile nicht mehr, was man an Trumps immer weiter fallenden Zustimmungswerten sehen kann. Aber ganz Unentwegte, so wie Anthony, praktizieren öffentliche Aggnoranz als eine Art Symbol ihrer Stammeszugehörigkeit. In Deutschland und insbesondere in den sozialen Medien kann man derzeit ein ähnliches Phänomen beobachten: Die Reaktionen auf die extreme, ständig  Rekorde  brechende Hitzewelle dieser Woche sind ideale Forschungsobjekte zum Thema Aggnoranz. Hier ein paar echte Reaktionen auf einen Social-Media-Post mit einer echten Wetterkarte aus Frankreich von Anfang der Woche, die Temperaturen von zum Teil über 40 Grad Celsius zeigte: "Noch mehr Apokalypse. Wie kriegt man diesen Quatsch weg?"; "Gibt’s keine Impfung gegen Sommer?"; "Oh (offener Mund-Emoji) geht jetzt die welt unter bei so viel rot (Lachtränen-Emoji)" (sic). Die Variante: "Ist halt Sommer", oder nur "endlich schönes Wetter!" ist besonders häufig. Das ist übrigens auf diversen Plattformen so, nicht nur auf dem zu einem Aggnoranzbiotop verkommenen "X". Auch bei LinkedIn, Instagram oder Threads begegnet man permanent wütend vorgetragener Realitätsverweigerung (bei Bluesky und Mastodon ist es weniger schlimm, aber dort sind auch weniger Rechtsradikale, Verschwörungstheoretiker und Propaganda-Bots unterwegs). Unterdessen werden in Europa reihenweise Großveranstaltungen wegen der Hitze abgesagt. Temperaturen deutlich über 40 Grad, Trinkwassermangel in Teilen Frankreichs, gedrosselte Atomkraftwerke , Schäden an Autobahnen, erhöhte Waldbrandgefahr, Hitzenotstand in Frankreich und Großbritannien. In Thüringen, wo die Klimawandelleugnerpartei AfD in Umfragen auf Werte kommt, die in etwa den aktuellen Spitzentemperaturen entsprechen, wurde probeweise ein Winterdienstfahrzeug eingesetzt , um die Straßen anzufeuchten, damit der Asphalt nicht schmilzt. All das ficht Deutschlands Aggnorante nicht an. Jeder neue Hitzerekord steigert ihre Wut auf Leute, die die Realität als solche akzeptieren. All das ist eben nicht "Sommer". Das ist Klimakrise. Die Zahl der Hitzetage pro Jahrzehnt hatte sich schon 2022 im Vergleich zu den Fünfzigern vervierfacht . Und das ist immer noch erst der Anfang. Den meisten Menschen ist das auch durchaus bewusst, aber diejenigen, die es leugnen, zetern laut. Woran liegt das? Psychologisch ist es schnell erklärt: Menschen, die aggressiv bestreiten, dass sich die Erde erhitzt, wollen das buchstäblich nicht wahrhaben. An manchen Wortmeldungen zu vermeintlich "alarmistisch" eingefärbten Hitzekarten kann man den eigentlichen Grund sogar unmittelbar erkennen: "Dagegen hilft ja sicher, wenn wir uns in Europa deindustrialisieren", oder "ein Tempolimit ist trotzdem Schwachsinn". Die Verknüpfung Hitze-Klima-Klimaschutzmaßnahmen stellen viele Aggnorante vorauseilend selbst her. Tief drin wissen auch die meisten Aggnoranten wohl, dass es wirklich eine Klimakrise gibt und das sie Veränderungen erfordert. Zum Beispiel den Abschied von Gasheizung und Verbrennungsmotor (auffällig viele Aggnorante sind auf ihren Social-Media-Profilbildern mit ihren Autos zu sehen). Doch auch Verschwörungstheoretiker oder Leute, die sich selbst für "nur konservativ" und Elektroautos oder Wärmepumpen für "grün" halten, schwitzen. Das erzeugt kognitive Dissonanz: einen Missklang im Kopf zwischen Wissen und Meinen, zwischen Erleben und Verhalten. Solch einen Missklang versuchen Menschen so weit wie möglich in den Hintergrund zu drängen, wenn das irgendwie geht. Deshalb wird konsonante Information aufgewertet: "Früher war es auch schon heiß". Dissonante Information wird abgewertet: "Auf der Wetterkarte  ist alles rot, früher war das nicht so!" Auch Überbringer dissonanter Information werden abgewertet: "Hysteriker", "Klimapanik", "Klimaspinner". Dieses ganze Auf- und Abwerten ist aber anstrengend. Und die Dissonanz geht davon nicht wirklich weg, denn: Es ist ja weiterhin viel zu heiß. Die Wohnung kühlt nachts nicht mehr ab, man schläft schlecht. Hitze macht aggressiv, und Hitze gleichzeitig wegleugnen zu müssen, damit das eigene Weltbild nicht ins Wanken gerät, macht noch aggressiver. Mit der Aggnoranz verwandt ist das aggressive Ignorieren. Das ist im politischen Berlin in diesen Tagen nicht leicht, aber die Union zum Beispiel hat es versucht: Mitten in der Hitzewelle fanden im kühlen Adenauer-Haus "Werkstattgespräche" statt, in denen es angeblich um Klimapolitik gehen sollte, in Wahrheit aber um den Wunsch gewisser Strömungen innerhalb der Partei, Deutschlands Klimaziele aufzugeben. Passenderweise nahmen an der Veranstaltung viele Fans energetischer Fossil-Retrotechnik teil – aber kein einziger echter Klimapolitiker (doch, die gibt es auch in der Union, aber sie waren offenbar nicht Teil des Programms, wie "Table Media" berichtet ). Preisabfragezeitpunkt 28.06.2026 19.11 Uhr Keine Gewähr Und während die "Mittelstandsvereinigung" der Union dort auf Podien gegen die Energiewende wetterte, tummelten sich deutsche Handwerker und Mittelständler auf einer der weltgrößten Messen für Zukunftsenergie, der Smarter E in München: 100.000 Fachbesucher, 2800 Aussteller  aus aller Welt. Dort ging es um fast alles, was wir brauchen werden, um in Sachen Energie und Mobilität zukunftsfähig zu werden: Solarenergie, Batteriespeicher, digitale Netzinfrastruktur, Elektromobilität. Dass all das wirklich unbestreitbar die Zukunft ist, löst in Teilen der Union heftige kognitive Dissonanz aus. Denn wenn man es akzeptiert, hatten die Grünen ja doch recht. Das tut weh. Aus der Bundesregierung war niemand bei der Smarter E. Bei der Münchner Sonderschau "Renewables 24/7" (Offenlegung: Ich nahm dort an einer Podiumsdiskussion teil) gab es ein Grußwort von Rita Schwarzelühr-Sutter (SPD) Staatssekretärin im Bundesumweltministerium. Hubert Aiwanger, von den Freien Wählern und bayerischer Wirtschaftsminister, eröffnete eine Veranstaltung zum Thema Wasserstoff. Markus Söder aber ließ sich nicht blicken. Bundeskanzler Friedrich Merz auch nicht, obwohl doch beide ständig von Innovation, Wachstum und Zukunftstechnologien reden, und Merz keine IAA oder Hannover Messe auslässt. Auch Energieministerin Katherina Reiche fand es offenbar wichtiger, mit CDU-Leuten über Retrotechnik zu reden  als die Energiebranche zu besuchen, die schon heute über 60 Prozent des deutschen Strombedarfes deckt und in den kommenden Jahren gewaltig weiterwachsen muss (das findet sogar Reiches Ministerium ). Sonst bleibt der Strom teuer. Ist das noch aggressives Ignorieren oder doch schon Aggnoranz?