Datum28.06.2026 06:00
Quellewww.zeit.de
TLDRDas Probewohn-Projekt des Deutschen Zentrums für Astrophysik (DZA) in Görlitz, das zur Gewinnung von Fachkräften diente, endet in Kürze. Ziel war, die Anbindung von Spitzenforschung an eine strukturell schwächere Region zu untersuchen. Drei von zehn Teilnehmenden blieben dauerhaft in Görlitz. Forscher bewerten die Wohnungssuche positiv, sehen aber Nachholbedarf bei Infrastruktur wie ÖPNV und ärztlicher Versorgung. Das Projekt soll Handlungsempfehlungen für die Stadt- und Regionalentwicklung liefern.
InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Stadtentwicklung“. Lesen Sie jetzt „Probewohn-Projekt in Görlitz endet - Was die Forscher sagen“. Forschen und Leben in Görlitz: Um Personal aus aller Welt in Deutschlands östlichste Großstadt zu locken, hat das Deutsche Zentrum für Astrophysik (DZA) gemeinsam mit der städtischen Wohnungsgesellschaft "KommWohnen Service" ein Probewohnen organisiert. Das Probewohnen, das zugleich von DZA und dem Leibnitz-Institut für ökologische Raumentwicklung wissenschaftlich begleitet wird, läuft seit Mai 2025 und endet Mitte Juni 2026. Drei möblierte Wohnungen - zwei Drei-Raum-Wohnungen und eine Zwei-Raum-Wohnung - standen DZA-Beschäftigten dort mietfrei zur Verfügung, lediglich die Nebenkosten mussten sie selbst tragen. Zehn Mitarbeitende des DZA hätten das Angebot eines bis zu dreimonatigen Aufenthalts genutzt, sagt Sebastian Heer, Leiter der Forschungsgruppe Strukturpolitik und Regionalentwicklung. Drei der "Probe-Görlitzer" leben inzwischen dauerhaft in der Stadt, eine weitere Person ist in die Lausitz-Region gezogen. "Wir freuen uns natürlich über jede Entscheidung für die Stadt Görlitz", sagt Heer. Doch allein darum gehe es bei dem Projekt nicht in erster Linie. Das Probewohnen sei vor allem ein sozialwissenschaftliches Forschungsprojekt: "Unser Job ist im Grunde zu schauen, wie eine Einrichtung der Spitzenforschung mit den Lebenswelten der Menschen in einer ländlich geprägten, zum Teil innovationsfernen Region in Verbindung stehen kann – und wie beide Seiten voneinander profitieren", sagt Heer. Die Forschenden wollten verstehen, was die Region anbieten müsse, um exzellente Fachkräfte dauerhaft zu gewinnen. Bis 2038 will das DZA etwa 1.000 Menschen beschäftigen. Etwa ein Drittel soll wissenschaftlich arbeiten, zwei Drittel in wissenschaftsnahen Bereichen - von IT und Verwaltung bis zu Technik und Handwerk. Doch Ziel solle sein, dass nicht nur die Welt der Astrophysik von den 1,1 Milliarden Euro Strukturwandelmitteln profitiert, die in das Großforschungszentrum fließen. Letztlich gehe es darum, der Region, die mitten im Kohleausstieg stecke, neue Möglichkeiten der Wertschöpfung zu bringen, etwa durch "generierte Patente, vielleicht abgeleitet davon auch Produktentwicklung". Um das zu erreichen, werde der Aufbau des DZA durch Heer und sein Team "von der ersten Spielminute an" wissenschaftlich begleitet. Zum Probewohnen werden die Teilnehmer in mehreren Wellen befragt. In Diskussionsrunden treffen sie außerdem auf Vertreter von Stadt, Zivilgesellschaft und der Wohnungswirtschaft. Im Ergebnis sollen bis Ende des Jahres konkrete Handlungsempfehlungen formuliert werden, etwa für Stadtverwaltung, Stadtentwicklung oder Landespolitik. Für ein Fazit sei es daher jetzt noch zu früh, so Forschungsleiter Heer. Klar sei aber etwa bereits jetzt: Die Wohnungssuche ist in Görlitz keine Herausforderung. "Interessanter sind dann eher schon so strukturelle Faktoren, Daseinsvorsorge, Schule, Ärzte oder auch öffentlicher Personennahverkehr ist auch ein Thema, was häufig angesprochen worden ist." Klar sei auch: Viele der mittlerweile rund 115 Menschen aus 16 Nationen, die für das DZA arbeiteten, hätten kein Probewohnen gebraucht, um überzeugt zu werden. Das gelte insbesondere für diejenigen, die von weit her in die Lausitz gezogen seien, und im Vorfeld weder Vorstellungen noch Klischees von der Region im Kopf gehabt hätten. Stattdessen sei es für sie eine einmalige Gelegenheit, beim Aufbau eines Forschungsinstituts mit internationalem Anspruch von Beginn an dabei zu sein. Das Probewohnen ist in Görlitz kein neues Instrument. Bereits mehrfach hat die Stadt in der Vergangenheit mit ähnlichen wissenschaftlich begleiteten Projekten um Umzugswillige und Rückkehrer geworben - teils ging es dabei gezielt um Großstädter und die Kreativwirtschaft, teils lag der Fokus auch darauf, Menschen im Rentenalter vom Ruhestand in der Neißestadt zu überzeugen. Erstmals konnten Familien bereits 2008 vorübergehend mietfrei in Gründerzeitwohnungen leben. © dpa-infocom, dpa:260628-930-296706/1