Datum28.06.2026 01:57
Quellewww.spiegel.de
TLDRNach schweren Erdbeben in Venezuela steigt die Opferzahl auf 1430 Tote und über 3200 Verletzte. Tausende werden noch vermisst. Internationale Rettungsteams bergen Überlebende, doch die Hoffnung schwindet. In den betroffenen Gebieten gibt es massive Zerstörungen. Die Regierung steht wegen mangelnder Koordination und unglaubwürdiger Hilfszusagen in der Kritik. Verzweifelte Angehörige suchen inmitten von Trümmern und Kommunikationsausfällen nach Vermissten.
InhaltDie Chancen schwinden, nach den Erdstößen in Venezuela noch Überlebende zu finden. Stattdessen bergen die Trupps immer mehr Leichen. In die Trauer mischt sich Empörung über das Verhalten der Behörden. Das Ausmaß der Erdbebenkatastrophe in Venezuela wird immer deutlicher. Die vorläufige Zahl der Todesopfer ist auf 1430 gestiegen, mehr als 3200 Menschen wurden verletzt, wie der Präsident der Nationalversammlung, Jorge Rodríguez, mitteilte. Noch immer werden Tausende Menschen unter den Trümmern vermutet. Drei Tage nach dem Doppelbeben schwinden die Hoffnungen, noch Überlebende zu finden (mehr hier). Allerdings gelang es zuletzt einem kolumbianischen Team nach einem sechsstündigen Einsatz einen 11-Jährigen im Bundesstaat La Guaira zu bergen, wie ein Video der kolumbianischen Katastrophenbehörde UNGRD zeigt. Auch Teams aus El Salvador und Spanien feierten erfolgreiche Bergungen. Nach den Erdbeben der Stärke 7,2 und 7,5 am Mittwoch habe es 430 Nachbeben gegeben, sagte Rodríguez, der Bruder der geschäftsführenden Präsidentin Delcy Rodríguez. Mehr als 70.000 Familien seien nach der Katastrophe von den Behörden unterstützt worden. Besonders im Bundesstaat La Guaira, aber auch in der Hauptstadt Caracas, haben die Beben Zerstörungen angerichtet. Teils sind ganze Straßenzüge mit Hochhäusern dem Erdboden gleichgemacht worden. Der Einsatz internationaler Rettungsteams, auch aus Deutschland, hat die Suche nach Überlebenden zwar beschleunigt. Für Angehörige von Vermissten aber zum Teil auch traurige Gewissheit gebracht. Nach Erkundungsarbeiten schlossen etwa mexikanische Rettungskräfte in einem eingestürzten Gebäude im Stadtbezirk Chacao der Hauptstadt Caracas die Möglichkeit aus, dort noch lebende Menschen zu finden. "Sie halten es aufgrund des Gewichts der Konstruktion für sehr unwahrscheinlich, dass sich dort noch Überlebende befinden", sagte der Bürgermeister von Chacao, Gustavo Duque, in einem Video vor dem Wohngebäude Petunia. Das dort eingesetzte Rettungsteam habe nach einer ersten Inspektion festgestellt, dass die Betonplatten vollständig zusammengedrückt seien. Der Bezirk Chacao im Osten der Hauptstadt gehört zu den am stärksten betroffenen Gebieten. In den modernen Vierteln Los Palos Grandes und Altamira sind mehrere Gebäude eingestürzt – ähnlich wie beim Erdbeben der Stärke 6,3 im Jahr 1967, bei dem rund 250 Menschen ums Leben kamen. Die umliegenden Straßen werden seit den Erdbeben am Mittwoch von Polizei und Soldaten abgesperrt, um verzweifelte Angehörige, die nach Nachrichten über Vermisste suchen, am Betreten der Unglücksstelle zu hindern. Am Freitag besuchte Präsidentin Rodríguez Chacao. Medienberichten zufolge wurde sie dabei ausgebuht. Eine Frau warf ihr vor, die Tragödie für politische Zwecke zu instrumentalisieren, wie in einem Video zu sehen war, das unter anderem die Zeitung "El Nacional" veröffentlichte. Zudem sei der Rettungseinsatz nicht ausreichend koordiniert, viele Menschen blieben auf sich allein gestellt. Die Nachrichtenagentur AP zitiert Augenzeugen, laut denen Helfer der Regierung nur Selfies vor den Trümmern gemacht hätten. Danach seien sie wieder abgezogen, ohne ernsthafte Hilfe zu leisten. Diese Angaben lassen sich nicht unabhängig verifizieren. Rodríguez hat als einstige Stellvertreterin des langjährigen Machthabers Nicolás Maduro die Regierungsgeschäfte Venezuelas inne, seit das US-Militär Maduro in Caracas im Januar gefangen nahm, um ihn wegen angeblicher Drogendelikte in den USA vor Gericht zu stellen. Viele Anwohner in den betroffenen Regionen haben kein festes Dach über dem Kopf. Man begleite die Familien, die wegen bestehender Risiken und Schäden nicht in ihr Zuhause zurückkehren könnten, erklärte Rodríguez auf X. "Wir haben provisorische Unterkünfte und die notwendige umfassende Betreuung bereitgestellt, um jede Familie zu schützen." Mehr als 380 Wohnhäuser sowie 13 Krankenhäuser wurden nach Angaben der Präsidentin zerstört oder schwer beschädigt. Auch Einkaufszentren und andere öffentliche Gebäude seien eingestürzt. Der Verbleib von Zehntausenden Menschen ist unklar, Angehörige können sich oft nicht erreichen – noch immer Strom und Mobilfunknetz nicht flächendeckend wiederhergestellt. Der Boden "verflüssigte" sich, Gebäude kippten wie sinkende Schiffe: Der Bauingenieur Božidar Stojadinović erklärt, warum das Erdbeben in Venezuela so verheerende Folgen hat – und warum das Schlimmste womöglich noch bevorsteht. Mehr im Interview hier .