Datum27.06.2026 18:29
Quellewww.spiegel.de
TLDRDer Artikel kritisiert, dass die Rentenkommission die Beamtenversorgung bei ihren Reformvorschlägen ausklammert. Trotz guter Ansätze zur Stärkung der gesetzlichen Rente, Einbeziehung von Selbstständigen und Abgeordneten, gefährdet die separate Behandlung von Beamten die Legitimität des gesamten Systems. Die Autorin fordert eine stärkere Angleichung der Beamtenversorgung an das gesetzliche System, um Fairness und Akzeptanz zu gewährleisten und die langfristige Stabilität des Rentensystems zu sichern.
InhaltDas Rentensystem soll stark umgebaut werden. Das ist gut so. Doch Beamte in ihrem Sondermodell zu belassen, ist teuer – und gefährlich. Ich schreibe seit 30 Jahren über die Rente, habe mich schon als Student damit beschäftigt. Inzwischen gehe ich selbst auf die Rente zu. Auf die Reformvorschläge der Rentenkommission habe ich als Journalist und Person dringend gewartet. Und erstmal gedacht: Die haben die Richtung nicht nur verstanden, sondern auch an vielen Stellen in machbare Vorschläge übersetzt . Mehr Menschen sollen in die gesetzliche Rente einzahlen. Selbstständige sollen sich künftig alle absichern müssen. Abgeordnete sollen sich selbst dem System aussetzen und dabei lernen. Die private und betriebliche Vorsorge soll einfacher werden. Und am Ende soll jeder Mensch ungefähr wissen können: Reichen meine Anstrengungen mit der gesetzlichen Rente, der neuen Kapitalrente, eventuell einer privaten Altersvorsorge mit Zuschüssen und einer Betriebsrente, um meinen Lebensstandard im Alter zu sichern? Hermann-Josef Tenhagen, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur von "Finanztip" und Geschäftsführer der Finanztip Verbraucherinformation GmbH. Der Geldratgeber ist Teil der gemeinnützigen Finanztip Stiftung. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links, nach deren Anklicken "Finanztip" bei entsprechenden Vertragsabschlüssen des Kunden, etwa nach Nutzung eines Vergleichsrechners, Provisionen erhält. Mehr dazu hier .Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "taz". Dort war er jahrelang ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld. Aber da fehlt doch etwas. Ja, leider. Bei den Empfehlungen der Rentenkommission ist das der Umgang mit der komplett anderen Altersvorsorge der Beamtinnen und Beamten. Zu hohe Hürden befinden die Experten, deswegen ausgeklammert. Abgeordnete werden einbezogen und verpflichtet, Konzernchefs werden einbezogen und verpflichtet, wenigstens mit einem Teil ihrer hohen Einkommen. Selbstständige werden künftig alle einbezogen. Beamte sollen hauptsächlich weniger werden. Das reicht nicht. Denn wer in Deutschland die Rente auch politisch stabilisieren will, aber die Beamtenversorgung nur mit spitzen Fingern anfasst, gefährdet die Legitimation des ganzen Reformwerks. Natürlich gibt es die Herausforderung Demografie. Jetzt gehen wir Babyboomer in Rente, nach uns kommen kleinere Jahrgänge. Der Jahrgang meiner jüngsten Tochter ist halb so groß wie meiner. In Deutschland ist die Herausforderung eher größer als in anderen Ländern. Die Industrieländerorganisation OECD schreibt in ihrem neuen Bericht "Pensions at a Glance 2025", dass die Bevölkerung im Erwerbsalter hierzulande stärker schrumpfen dürfte als im OECD-Schnitt – wenn nicht mehr Menschen einwandern. Hinzu kommt aber ein anderes Problem. Deutschland hat kein einheitliches Alterssicherungssystem. Beamte sind für ihre Absicherung im Ruhestand etwas Besonderes. Das kann man historisch erklären. Man kann es juristisch erklären. Man kann es sogar verfassungsrechtlich begründen. Nur reicht das nicht. Man kann den Leuten nicht dauerhaft erzählen, dass alle den Gürtel enger schnallen müssen, während das besser abgesicherte Beamten-System im Wesentlichen verschont bleibt. Reicht die Einbeziehung der Selbstständigen nicht fürs Erste? Also, sie ist richtig. Die OECD fordert sie gefühlt seit Jahrzehnten, weil es in Deutschland zu viele unterversorgte Selbstständige gibt. Und wer so arbeitet und nicht genug vorsorgt oder vorsorgen kann, fällt im Alter uns allen, nämlich der Staatskasse, zur Last. Blauäugigkeit hilft nicht. Viele Selbstständige sind nicht die erfolgreichen Unternehmer, sondern Soloselbstständige, prekäre Dienstleister, Menschen mit schwankendem Einkommen. Wenn sie ins solidarische System einbezogen werden, ist das sozial richtig. Aber es bringt nicht automatisch einen großen Geldsegen, auch wenn sich die Kommission Einführungsgewinne erhofft. Das zeigt auch der Blick nach Österreich. Dort ist die Alterssicherung breiter organisiert, dort gibt es höhere Renten, dort zahlen mehr Gruppen allerdings auch viel mehr in das System ein. Die Selbstständigen sind dort für das System ein echtes Zuschussgeschäft. Wunder können auch Österreicher nicht vollbringen. Was man aber aus dem österreichischen System lernen kann: Wer ein belastbares gemeinsames System will, darf die Beamten nicht aussparen. Bei den Abgeordneten ist die Einbeziehung symbolisch wichtig. Sie sind ein Teil von uns, es ist eine sehr kluge Idee, dass diejenigen, die Rentengesetze beschließen, künftig selbst betroffen sind. Finanziell ist das unbedeutend. Denn so viele sind das nicht. Genau wie Konzernchefs. Wenn sie einzahlen, ist das nett. Spannender wäre hier eine ganz andere Debatte. Sind Beitragsbemessungsgrenzen wie in Deutschland die beste Lösung? In der Schweiz müssen die Konzernchefs mit ihrem ganzen Einkommen Beiträge zahlen, ohne deswegen entsprechend hohe Rentenansprüche erwerben zu können. Das wäre noch mal eine komplett andere Debatte. Bleiben die Beamtinnen und Beamten . Das sind knapp zwei Millionen. Aktive Beamte, Richterinnen, Soldaten, Professorinnen, Lehrer, Polizistinnen. Und später Pensionärinnen und Pensionäre. Ihre Versorgung ist im Durchschnitt deutlich höher als die der gesetzlichen Rentner. Als System. Das durchschnittliche Ruhegehalt lag nach den Daten des Statistischen Bundesamtes Anfang 2025 bei 3416 Euro brutto. Dafür hätte ein Durchschnittsrentner in der gesetzlichen Rente zur gleichen Zeit 87 Jahre eingezahlt haben müssen. 2024 gab der Staat knapp 57 Milliarden Euro für Pensionen aus . Wer lange verbeamtet gearbeitet hat, kann im Alter auf einen hohen Anteil seiner letzten Bezüge als Rente kommen. Und zusätzlich immer noch privat vorsorgen. Sie haben also mit ihrer Pension nicht nur eine bessere erste Säule der Altersvorsorge gepachtet, sondern wie die gesetzlich Versicherten darüber hinaus Zugang zur dritten Säule. Dahinter verbirgt sich die private Vorsorge, gefördert wie ungefördert. Und auch beim Riestern waren die Beamten anders als die Selbstständigen dabei. Die Rentenkommission wünscht sich als Ergebnis der Reformen, dass künftig mit gesetzlicher, betrieblicher und privater Vorsorge ungefähr 70 Prozent des letzten Nettoeinkommens erreicht werden können. Das ist vernünftig und deutlich besser als heute. Bei Beamten liegt die staatliche Versorgung heute oft schon in dieser Größenordnung. Wenn neue Beamtinnen und Beamte künftig in die gesetzliche Rentenversicherung einbezogen würden, kämen zunächst zusätzliche Beiträge ins System. Und zwar von Menschen, die im Schnitt eher ordentliche, stabile Einkommen haben. Außerdem müsste der Staat als Dienstherr den Arbeitgeberanteil zahlen . Natürlich entstünden auch Rentenansprüche. Und natürlich müsste man die Übergänge sorgfältig regeln. Die Österreicher haben sich über 20 Jahre Zeit für den Übergang genommen. Und natürlich zaubern die Rentenbeiträge der Beamten das demografische Problem nicht weg. Aber kurzfristig verschaffen sie Luft. In den kommenden Jahren, in denen der demografische Buckel der Babyboomer für das bestehende System besonders teuer wird. Und anders als bei Selbstständigen mit wechselnden und manchmal niedrigen Einkommen reden wir nicht über eine Gruppe, die im Alter massiv auf Zuschüsse angewiesen sein wird. Politisch positiver Nebeneffekt: Der Staat müsste die Alterssicherung seiner Beschäftigten und die eigenen Herausforderungen endlich thematisieren – statt seine eigene Bugwelle bei der Alterssicherung zu verschweigen. Pensionen werden aus Steuergeldern bezahlt. Das ist legal, historisch gewachsen und verfassungsrechtlich abgesichert. Aber auch dort gibt es eine große Bugwelle. Die künftigen Steuerzahlerinnen und Steuerzahler werden zahlen müssen. Seit 1998 sollten eigentlich Gehaltssteigerungen bei Beamten und Pensionssteigerungen ein wenig gekürzt und mit dem eingesparten Geld zusätzliche Rücklagen für die künftigen Pensionen geschaffen werden. Das Stichwort lautet Versorgungsrücklage. Konsequent umgesetzt wird das aber bei Bund und Ländern nicht . Neue Beamte im gesetzlichen System würden diese Bugwelle nicht sofort auflösen. Aber sie würde sie nicht weiter ungebremst wachsen lassen. Am wichtigsten ist mir aber das politische Signal. Ein Rentensystem lebt nicht nur von Mathematik. Es lebt von Akzeptanz. Von dem Gefühl: Die Regeln sind vielleicht hart, aber sie gelten nicht nur für mich. Genau dieses Gefühl geht verloren, wenn Beschäftigte mit normalem Einkommen hören, dass sie länger arbeiten, mehr privat vorsorgen, höhere Beiträge zahlen sollen – während Beamte im Sondermodell bleiben. Man kann den Menschen viel erklären. Nachhaltigkeitsfaktor. Beitragssatz. Rentenniveau. Nettoersatzquote. Kapitaldeckung. Demografie. Kompliziert, aber argumentierbar. Ich erkläre das selbst seit Jahrzehnten. Aber am Küchentisch bleibt dann die Frage: Warum soll ich mehr einzahlen, wenn andere mit sicherem Job und hoher Pension verschont werden? Diese Frage ist politisch gefährlich. Weil die Ungleichbehandlung unfair wirkt und dieses Gefühl mangelnder Fairness empirisch untermauert werden kann. Wer das Vertrauen in die Altersvorsorge wieder herstellen will, muss dieses Problem ernster nehmen, als das aktuell geschieht. Die Kommission hat viele vernünftige Vorschläge gemacht. Aber niemand hindert die Regierung, über diese Vorschläge hinauszugehen. Zum Beispiel: Neue Beamtinnen und Beamte werden künftig in die gesetzliche Rentenversicherung einbezogen. Für bestehende Beamte bleibt der Vertrauensschutz erhalten, aber die Pensionen werden transparenter, stärker lebensdurchschnittlich berechnet. Hier hat die Kommission ja schon eine Annäherung an die Entwicklung der Vorsorge für gesetzlich Versicherte vorgeschlagen. Das wäre immer noch keine Revolution über Nacht. Aber es wäre der Anfang eines glaubwürdigeren Systems. Politik ist schließlich nicht nur dafür da, den einfachen Weg zu gehen – sondern auch langfristig tragfähige Lösungen anzubieten. Für Ihre persönliche Altersvorsorge gilt trotzdem: Warten Sie nicht darauf, dass die Regierung ein perfektes Rentensystem baut. Das wird nicht passieren. Schauen Sie auf Ihre eigene Renteninformation. Rechnen Sie nicht nur mit der gesetzlichen Rente. Prüfen Sie, ob Sie zusätzlich über Betriebsrente , ETF-Sparplan oder ein künftiges Altersvorsorgedepot vorsorgen können . Als Faustregel bleibt: Wenn es irgendwie geht, legen Sie neben der gesetzlichen Rente 15 Prozent Ihres Nettoeinkommens für die Altersvorsorge zurück. In ETF. Oder mit dem Abbezahlen einer eigenen Immobilie oder die Einzahlung in eine Betriebsrente. Wer spät anfängt, braucht mehr. Wer früh anfängt, hat den Zinseszinseffekt auf seiner Seite. Und wenn Sie selbstständig sind: Sorgen Sie verbindlich vor. Nicht irgendwann. Jetzt. Ein schlechter Monat darf nicht dazu führen, dass Sie Ihre Altersvorsorge dauerhaft aussetzen.