Fußball-WM heute: Abwarten und Mate trinken

Datum27.06.2026 16:12

Quellewww.zeit.de

TLDRDeutschland trifft im WM-Achtelfinale auf Paraguay. Algerien und Österreich kämpfen um Platz 2 in ihrer Gruppe und könnten sich taktisch zurückhalten, um einem Duell mit Spanien aus dem Weg zu gehen. Spieler tragen Daten-BHs zur Leistungsanalyse. Panama ist trotz eines kämpferischen Angreifers ausgeschieden. Deutschland hat die schnellste Laufleistung im Turnier.

InhaltDeutschland kennt endlich seinen Sechzehntelfinalgegner. Andere versuchen alles, um sich vor einem Gegner zu drücken. Der WM-Abend Algerien gegen Österreich (4 Uhr, ZDF). Unser Turnierbaumonkel, der Kollege Lenz Jacobsen, warnt schon seit Tagen vor dieser Partie. Denn die Verhältnisse in der Gruppe J sind taktisch interessant: Platz 1 gehört sicher Argentinien, Platz 4 Jordanien. Algerien und Österreich spielen also um Platz 2 und 3. Der Gewinner der Partie wird es im Sechzehntelfinale mit Spanien zu tun bekommen. Es ist eine Partie, die beide Seiten also (wohl) lieber verlieren wollen, wenn auch nicht zu hoch. Droht also eine Neuauflage der "Schande von Gijón"? Damals, bei der WM 1982, schlossen Österreich und Deutschland nach einer frühen deutschen Führung, die beiden Teams zum Weiterkommen reichte, einen fußballerischen Friedensvertrag. Sie ließen solche anstrengenden und unnötigen Dinge wie Angriffe, Torschüsse oder das Betreten der gegnerischen Hälfte einfach weg. Sie können das Spiel im Internet in voller Länge sehen, ich empfehle das dringend, wenn Sie in heißen Nächten nicht einschlafen können. In der kommenden heißen Nacht können Sie natürlich auch einfach nach Kansas schalten, um die Neuauflage zu sehen. Der Männer-BH. Oder wie soll man dieses Kleidungsstück sonst nennen? Man sah es in den letzten Tagen immer mal wieder neckisch aufblitzen, wenn Spieler sich umzogen oder das Trikot wechselten: eine enganliegende Weste, die einem Unterhemd ähnelt, aber unter der Männerbrust endet und den Bauch freilegt. Warum aber tragen Fußballspieler einen BH? Dieser Halter stützt keine Büsten, sondern das Spiel, mit Daten. Er misst Herzfrequenz, Laufdistanz, Geschwindigkeit, Beschleunigung, Zweikampfverhalten. Es ist ein DB, ein Daten-Brassière. Auf der Website der Fifa kann man sich in ganzen Ozeanen von Daten verlieren. Wussten Sie zum Beispiel, dass kein Team so schnell läuft wie die Deutschen (6,37 Stundenkilometer, fast einen Stundenkilometer schneller als die gelassenen Argentinier)? Dazu haben sie auch die meisten Sprints und die meisten Läufe in hohem Tempo. Die meisten Sprints absolvierte, Sie werden es nicht glauben: Leroy Sané. Die Webseite verrät auch, dass am heutigen Spieltag gleich vier der fünf schlechtesten Turnieroffensiven zu sehen sein werden: Panama, Kongo, Ghana und Usbekistan. Insofern werden wohl eher weniger DBs im Jubel entblößt. José Fajardo. Der panamaische Stürmer kam erst mit 24 zum Profifußball. Er stammt aus Colón, wo die berühmteste Wasserstraße der Welt auf den Atlantik trifft, und verdiente früher sein Geld an besagtem Panama-Kanal, um seine Familie zu unterstützen. "Das Leben ist nicht leicht", sagte er einmal. "Man muss leiden. Ich versuche, den Leuten aus meiner Stadt ein Vorbild zu sein." Mit dem Leiden hat er wohl recht: Panama steht auf dem letzten Platz in Gruppe L, kein Sieg, kein Tor, kein Punkt, und im letzten Spiel ist England (23 Uhr, MagentaTV) der haushohe Favorit. Morgen ist die Vorrunde zu Ende und Panama – so viel ist jetzt schon klar – ausgeschieden. Heute ist die letzte Gelegenheit, sich dieses Team anzuschauen. Und Fajardo und seine Teamkollegen haben die letzte Gelegenheit, den panamaischen Fans ein Highlight zu bescheren. Vielleicht ein Tor? Vielleicht sogar einen Punkt? In jedem Fall werden sie stolz darauf sein, für 90 Minuten den Platz mit Topstars wie Harry Kane oder Jude Bellingham zu teilen. Abwarten und (Mate-)Tee trinken. Denn der nächste Gegner steht fest: Auf die deutsche Mannschaft wartet im Sechzehntelfinale Paraguay (Montag, 22.30 Uhr, ZDF). Zeit, den Gegner zu analysieren. Paraguay spielt fußballerisch auf einem ähnlichen Level wie die Vorrunden-Gegner Cote d’Ivoire oder Ecuador. Aber das Team hat eine interessante Vergangenheit als Favoritenschreck bei vergangenen Turnieren. 2010 schaffte es Paraguay sogar ins Viertelfinale. Und 2002, vor einem Vierteljahrhundert, trafen Deutschland und Paraguay schon einmal aufeinander, im Achtelfinale. Es war ein Spiel zweier großer Torhüter. Auf der paraguyanischen Seite José Luis Chilavert, ein glatzköpfiger Hüne, ein Freistöße und Elfmeter schießender Torwart. Er fraß in diesem Spiel deutsche Abschlüsse, als wäre er Pac-Man. Auf der anderen Seite Oliver Kahn, der an diesem Tag so aussah, als wäre sein Blutdruck noch einmal 50 Millimeter höher als sonst. Er faustete wütend Bälle weg, die er früher festgehalten hätte ("Vielleicht wollte er uns zeigen, dass er auch großartig fausten kann", sagte Günter Netzer danach in der Analyse). Kurz vor dem Spielende traf Oliver Neuville zum 1:0-Sieg. Der paraguayische Trainer, Cesare Maldini, sagte danach über die Deutschen, sie seien technisch nicht besonders, aber lebten nun mal von einer unglaublichen Athletik. Jaja, der deutsche Fußball, bisschen unorthodox, bisschen wild, vielleicht nicht ganz so von der Taktik geprägt.