Datum27.06.2026 12:37
Quellewww.spiegel.de
TLDRDer vatikanische Glaubenshüter Víctor Fernández kritisiert Israel, die USA und die EU scharf für ihr Verhalten in aktuellen Kriegen. Er bemängelt die unverhältnismäßige Zerstörung in Gaza und im Libanon, der die Kirche diese Taten als gerechten Krieg rechtfertige. Auch die EU wird für ihre inkonsistente Politik und die Doppelmoral im Umgang mit verschiedenen Ländern kritisiert. Fernández fordert eine Überarbeitung der Lehre vom gerechten Krieg und sieht für die Kirche eine Chance, ihre Werte in der Politik zu vermitteln.
InhaltIn der Kirchenhierarchie ist Víctor Fernández der höchstrangige Theologe im Vatikan nach dem Papst. Auf einem Kardinalstreffen hat der Geistliche nun ein Einführungsreferat gehalten, das es in sich hat. Der vatikanische Glaubenshüter hat Israel, die USA und die EU wegen ihres Verhaltens in aktuellen Kriegen scharf kritisiert. Zu den Nahostkriegen der vergangenen Jahre sagte Víctor Fernández: "Die enorme Unverhältnismäßigkeit der Militärschläge in Gaza und im Südlibanon ist offensichtlich." Wegen des im Vergleich zu anderen Kriegen sehr hohen Anteils getöteter Zivilisten und Kinder sowie der Zahl zerstörter Häuser dürfen wir von einer totalen Zerstörung sprechen". Ein solches Vorgehen könne nicht als verhältnismäßig im Sinne eines gerechten Kriegs angesehen werden. Der aus Argentinien stammende Kardinal ist von Amts wegen der höchstrangige Theologe im Vatikan nach dem Papst. Er äußerte sich beim derzeit im Vatikan tagenden außerordentlichen Konsistorium der Kardinäle in einem Einführungsreferat. In diesem erklärte Fernández außerdem, dass sowohl Russland in seinem Krieg gegen die Ukraine als auch die USA bei ihrer militärischen Mitwirkung im Nahen Osten von einer "Form der Selbstverteidigung" sprächen. In Gaza, im Libanon und in der Ukraine führe der Rückgriff auf ein in Anspruch genommenes Recht auf Präventivschläge zu solchen Rechtfertigungsstrategien. Die kriegerischen Handlungen erschienen wie Anwendungen theologischer Kriterien. Die Lehre der Kirche, so der Kardinal, werde "manipuliert, um ein Fundament für die ungerechtesten Krieg zu liefern; statt Kriege zu beenden, helfe sie, Kriege zu rechtfertigen." Auch aus diesem Grund müsse die Idee des gerechten Krieges "revidiert und verbessert werden, damit sie nur noch im engsten Sinn verstanden werden könne". Papst Leo XIV. hatte genau dies in seiner ersten Enzyklika "Magnifica humanitas" gefordert. Neben Israel, den USA und Russland kritisierte der Glaubenshüter in seiner Rede auch die EU. Ähnlich wie andere "weltweit stark kritisierte politische Führer" sei auch die EU in ihrem Verhalten inkonsequent. So würden verfeindete Länder als antidemokratisch verurteilt und mit Sanktionen belegt. Wenn aber ein verbündetes Land Meinungsfreiheit, Menschenrechte und Demokratie unterdrücke, sehe man darüber hinweg. Weiter sagte Kardinal Fernández: "Die EU wendet wirtschaftliche Sanktionen gegen ein Land an, schickt aber gleichzeitig Geld und Waffen in ein anderes". Das tue sie auch "angesichts noch schwerwiegenderer Angriffskriege mit noch grausameren Folgen für die gesamte Bevölkerung." Diese "Strategie der Inkohärenz" zeige, dass es derzeit in der Politik keinen stabilen Bezugsrahmen für Wahrheit und Werte mehr gebe. Für die Kirche ergebe sich in dieser Situation eine unerwartete Chance. Sie könne jetzt ihre Soziallehre mit ihrer Integrität, Wahrheit und Kohärenz verkünden, die in der Politik und in Ideologien fehlten.