Hamburger Justiz: Haftalltag mit Handicap – Gehörlose stoßen auf viele Hürden

Datum27.06.2026 04:00

Quellewww.zeit.de

TLDRGehörlose Gefangene stoßen im Hamburger Strafvollzug auf erhebliche Hürden. Akustische Kommunikation und mangelnde Gebärdensprachkenntnisse erschweren den Alltag und führen zu Isolation. Hamburgs Justizbehörde betont, dass die Bedingungen mit Anpassungen wie Markierungen und der Möglichkeit zur Dolmetscherbuchung gut beherrschbar seien. Die Berücksichtigung der Gehörlosigkeit bei der Strafbemessung ist selten, aber positiv.

InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Hamburger Justiz“. Lesen Sie jetzt „Haftalltag mit Handicap – Gehörlose stoßen auf viele Hürden“. Ein Prozess um einen spektakulären Mord in Hamburg vor über 43 Jahren hat kürzlich auf inhaftierte Menschen mit einem besonderen Handicap aufmerksam gemacht. Der Angeklagte ist gehörlos. Er wurde zu einer Jugendstrafe von sechs Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Beim Strafmaß berücksichtigte das Landgericht nicht nur, dass er zur Tatzeit erst 18 Jahre alt war, sondern auch, dass er von Geburt an gehörlos ist. Die Haftbedingungen sind nach Angaben des Gerichts darum für den 62-Jährigen "außergewöhnlich belastend". Die Vorsitzende Richterin sagte bei der Urteilsverkündung, das komme einer Isolationshaft nahe.  Nach Angaben der Behörde für Justiz und Verbraucherschutz befinden sich derzeit fünf gehörlose oder erheblich hörgeminderte Personen in den Hamburger Justizvollzugsanstalten. Für sie gehe der Haftalltag mit besonderen Herausforderungen einher, weil Gefängnisse in vielen Bereichen auf akustische Kommunikation über Lautsprecherdurchsagen oder mündliche Absprachen ausgerichtet seien, erklärt Julia Held. Sie arbeitet als Pfarrerin für Gehörlose und Gefängnisseelsorgerin in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Butzbach in Hessen. "Sie hören das Wecken nicht, können Durchsagen nicht wahrnehmen und bekommen viele spontane Informationen des Haftalltags nicht mit", sagt Held. "Die Summe dieser vielen kleinen Barrieren kann die Haft belastender machen." Nach Erfahrung von Held beherrschen nur sehr wenige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Vollzug die deutsche Gebärdensprache. "Die Kommunikation erfolgt deshalb meist schriftlich, über Notizzettel, Formulare, Gestik oder andere individuelle Verständigungsmöglichkeiten", erklärt die hessische Seelsorgerin. Das genüge für einfache Anliegen. "Schwieriger wird es jedoch bei komplexeren Gesprächen, etwa zu medizinischen, psychologischen, seelsorglichen oder rechtlichen Themen, bei denen Missverständnisse leichter entstehen können." In der JVA Fuhlsbüttel etwa weisen Markierungen an den Zellentüren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter darauf hin, dass der entsprechende Häftling nichts oder nur eingeschränkt hört und auf eine andere Art der Kommunikation angewiesen ist. "Da wird dann geguckt, dass man ihn eventuell sogar antippen muss, damit er dann morgens wach wird und die Lebendkontrolle stattfinden kann", sagt der Hamburger Gefängnisseelsorger Richard Raming. Auch wichtige Informationen, etwa zum Beginn der Freistunde, Freizeitgruppen oder Besuchsterminen, ohne die gehörlose Gefangene zusätzlich isoliert wären, finden dank der Markierungen ihren Weg in die Zellen. Weil unter den Gefangenen vor allem mündlich kommuniziert wird, ist nach Einschätzung von Held auch der Austausch mit anderen nur begrenzt möglich. "Dadurch kann die Haft als besonders isolierend erlebt werden", sagt die Pastorin.  Wie in der normalen Gesellschaft seien die Strukturen in Gefängnissen überwiegend für hörende Menschen geschaffen worden. Entscheidend sei, dass gehörlose Inhaftierte Zugang zu denselben Informationen erhielten wie hörende Gefangene und ihre Rechte im Vollzug gleichberechtigt wahrnehmen könnten. Weil Menschen mit Behinderungen nach der UN-Behindertenrechtskonvention Anspruch auf eine möglichst barrierefreie Teilhabe und angemessene Unterstützung haben, müsse bei wichtigen Gesprächen ein Gebärdensprachdolmetscher hinzugezogen werden. "In der Praxis stehen Dolmetscher jedoch nicht jederzeit zur Verfügung und begleiten nicht den gesamten Haftalltag", sagt Held.  Nach Angaben der Justizbehörde ist der Haftalltag für die gehörlosen Inhaftierten auch ohne Dolmetscher gut zu bewältigen: "Einer der aktuell Inhaftierten nimmt beispielsweise ohne Probleme und Einschränkungen an einer Kreativgruppe, dem Gottesdienst sowie der Spielegruppe teil", erklärt ein Sprecher. Auch werde er regelmäßig von einer Pastorin besucht, die die Gebärdensprache beherrsche. Im Bedarfsfall könnten Gebärdendolmetscher, etwa auch per Videoschalte, gebucht werden.  Dass die Behinderung eines Menschen strafmildernd berücksichtigt wird, ist nach Ramings Erfahrung nicht die Regel, aber positiv zu bewerten: Haft sei für viele Menschen schwer aushaltbar. "Wenn dann noch gesundheitliche Einschränkungen dazukommen – und das haben ja viele –, dann wird es natürlich richtig heftig, weil es keine freie Arztwahl gibt und die Verordnung von Hilfsmitteln schwierig ist." Wer gesundheitlich angeschlagen ist, bekomme das hinter Gittern noch einmal ganz anders zu spüren: "Draußen kompensiert man vieles, weil man durch den Alltag einfach anders abgelenkt ist. Da ist man nicht so fokussiert auf die kleinen Zipperlein. Hier nimmt man den Körper viel, viel intensiver wahr, weil man sehr viel mit sich selbst beschäftigt ist", erläutert Raming. "Dann ist man umso gefrusteter, wenn die Brille nicht mehr richtig ist oder wenn das Hörgerät irgendwie nicht richtig funktioniert."  Weil Häftlinge in der Regel nicht regulär über die gesetzliche Krankenversicherung abgesichert sind und Behandlungen über den Justizetat finanziert werden, komme es häufig vor, dass nicht dringliche Arztbesuche aufgeschoben würden, meint Raming. Zu wenig Personal verschärfe das Problem. Gerade im Falle von Fluchtgefahr müsse ein Besuch beim Arzt von mehreren Beamten begleitet werden. "Jetzt kommen wir auf die Sommerferien zu, da haben einige Beamte auch Überstunden abzubauen, dann wird's wirklich eng." © dpa-infocom, dpa:260627-930-292666/1