Venezuela: Militär übernimmt Kontrolle in Katastrophenregion – Nachbeben erschüttert Nordküste

Datum27.06.2026 01:28

Quellewww.spiegel.de

TLDRDie venezolanische Regierung hat den Bundesstaat La Guaira nach schweren Erdbeben militarisiert, um Sicherheit zu gewährleisten und Rettungsarbeiten zu unterstützen. Über 70.000 Familien sind betroffen, die Suche nach Vermissten läuft, während die Zahl der Todesopfer steigt. Nachbeben erschütterten die Region. Trotz der Katastrophe ist die Ölförderung laut Regierung unbeeinträchtigt. Tausende Obdachlose suchen Unterschlupf, und internationale Rettungskräfte, darunter aus Deutschland, sind vor Ort.

InhaltSoldaten sollen im schwer getroffenen Bundesstaat La Guaira die Sicherheit gewährleisten. Dort sind mehr als 70.000 Familien vom Erdbeben betroffen. Am Freitagnachmittag wackelte an Venezuelas Nordküste erneut die Erde. Angesichts der schweren Schäden im Bundesstaat La Guaira durch das Doppel-Erdbeben in Venezuela hat die Regierung die Region im Norden des Landes militarisiert. Die Streitkräfte hätten die Kontrolle übernommen, um die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten und die Arbeit der Rettungskräfte zu erleichtern, sagte der Präsident der Nationalversammlung, Jorge Rodríguez. Am zweiten Tag nach der Erdbebenkatastrophe liegt die offizielle Zahl der Todesopfer in Venezuela bei 920, wie Rodríguez bei der Vorstellung der jüngsten vorläufigen Schadenbilanz mitteilte. Mehr als 3300 Menschen seien verletzt worden, rund 50.000 Menschen gelten laut Uno als vermisst. Noch immer werden sehr viele Menschen unter Trümmern vermutet. "Die Suche in den Trümmern ist eine kolossale Aufgabe", sagte der Uno-Nothilfekoordinator Tom Fletcher. Die Suche nach Verschütteten ist dabei ein Wettlauf gegen die Zeit . Experten gehen davon aus, dass die Überlebenschancen nach 72 Stunden stark sinken. La Guaira wurde von den Erdbeben der Stärke 7,2 und 7,5 am Mittwoch (Ortszeit) am schwersten getroffen. Der Bundesstaat, wo sich der internationale Flughafen und der wichtigste Seehafen Venezuelas befinden, ist zum Katastrophengebiet erklärt worden. Mehr als 70.000 Familien seien dort von den Folgen der Katastrophe betroffen, sagte Innenminister Diosdado Cabello. Bereits im Dezember 1999 wurde La Guaira von einer der schwersten Naturkatastrophen der modernen lateinamerikanischen Geschichte heimgesucht. Durch heftige Regenfälle ausgelöste Schlamm- und Schuttlawinen töteten nach Schätzungen der US-Geologiebehörde USGS bis zu 30.000 Menschen. Am Freitagnachmittag erschütterte ein neues Erdbeben die Nordküste Venezuelas. Reuters-Reporter in Caracas und Maracay spürten das Beben, dessen Stärke laut dem Erdbebenüberwachungsdienst EMSC 4,9 betrug. Die Ölförderung in Venezuela ist ‌von den schweren Erdbeben nach Angaben der Regierung nicht betroffen. Die Produktion liege bei 1,2 Millionen Barrel pro Tag, sagt Ölministerin Paula Henao. Alle ​Förderanlagen seien aktiv. Die Versorgung des Landes mit Treibstoff und ⁠Erdgas ⁠sei ebenfalls gesichert. Tausende Venezolaner, die plötzlich obdachlos wurden, strömten auf der Suche nach einem Schlafplatz in Parks, auf Plätze und sogar an den Randstreifen blockierter Autobahnen. Die jüngste Krise in dem Land mit rund 30 Millionen Einwohnern folgt auf jahrzehntelange wirtschaftliche Schwierigkeiten. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt in extremer Armut, und fast 8 Millionen waren bereits vor den Erdbeben auf humanitäre Hilfe angewiesen. In La Guaira – dem am schwersten betroffenen Bundesstaat nördlich von Caracas – breiteten Familien Laken auf einem staubigen Baseballfeld aus, um sich einen Platz zu sichern. Ihre Habseligkeiten waren in Plastiktüten gestopft. Andere suchten Schutz unter Palmen. Auch aus Deutschland haben sich Rettungskräfte auf den Weg ins Katastrophengebiet gemacht. Weitere Hilfe folge, wie die Bundeswehr mitteilte. An Bord der ersten Transportmaschine befinden sich neben der Luftwaffen-Crew Angehörige des Technischen Hilfswerks (THW). Dabei handelt es sich um Bergungsexperten. "Aus Wunstorf werden noch heute drei weitere Flugzeuge des Lufttransportgeschwaders 62 nach Venezuela starten", teilte die Bundeswehr weiter mit. Zudem sei ein Vorauskommando der Bundeswehr auf dem Weg, um die Lage vor Ort zu erkunden. "Innerhalb von 24 Stunden haben wir es geschafft, in Zusammenarbeit mit den Hilfsorganisationen vier Maschinen zu planen, zu beladen und in weiteren 14 Stunden erste Hilfe ins Krisengebiet zu bekommen", sagte der Chef des Geschwaders, Oberst Markus Knoll laut Mitteilung. Zudem wird die Bundeswehr am Samstag Hilfsgüter der Organisation Malteser nach Venezuela fliegen. Die Politologin Sabine Kurtenbach erklärt, wie durch das Erdbeben auch der marode Zustand des Landes in den Blick rückt – und seine politische Führung. Mehr dazu hier .