Datum26.06.2026 18:56
Quellewww.spiegel.de
TLDRNotarzt Jörg Schmid sieht schwere Hitzewellen als direkte Folge der Klimakrise, die zu vielen hitzebedingten Todesfällen führt, die oft nicht als solche auf dem Totenschein vermerkt werden. Insbesondere ältere, alleinstehende und chronisch kranke Menschen sind gefährdet. Medikamentenwechselwirkungen mit Hitze verstärken das Risiko. Deutschland und sein Gesundheitssystem sind unzureichend auf solche Extremereignisse vorbereitet.
InhaltDer Notarzt Jörg Schmid erlebt derzeit, wie Menschen in überhitzten Wohnungen sterben. Er sagt: Sie sind Opfer der Klimakrise. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Lesen Sie mehr über die neuesten Entwicklungen, Hintergründe und spannenden Lösungsansätze in unserem Themenspezial. Was der Münchner Notarzt Jörg Schmid in diesen heißen Tagen erlebt, beschäftige ihn sehr, sagt er. Derzeit fahre er in seinem Bereitschaftsdienst von Wohnung zu Wohnung und finde Menschen, die alleingelassen in der Hitze dem Tod nahe seien. "Alte Menschen sitzen auf dem Sofa in ihrem Wohnzimmer, in dem teils über 30 Grad sind", berichtet Schmid dem SPIEGEL. Auf dem Tisch stünde oft nur ein einziger Becher Wasser vom Pflegedienst, der nur einmal täglich komme. Dabei müssten gerade die Älteren viel trinken. "Sie verdursten schleichend", sagt Schmid. Auch Alleinstehende und psychisch Kranke machten oft einen verlorenen Eindruck, wenn Schmid und seine Kollegen eintreffen. Für einige komme jede Hilfe zu spät. Er sei seit vielen Jahren als Arzt unterwegs, aber in keinem Sommer habe er derartiges erlebt. Sein Fazit: "Hitze macht krank, und sie tötet – nur steht das nicht auf dem Totenschein." Jedes Jahr veröffentlicht das Robert Koch-Institut (RKI) die Zahl der "hitzebedingen Sterbefälle". Errechnet wird sie aus der Übersterblichkeit während heißer Wochen . Im vergangenen Jahr sind demnach an heißen Tagen rund 2500 Menschen mehr gestorben als üblicherweise, in Jahren mit vielen Hitzetagen wie 2018 waren es sogar 9000. Auf dem Totenschein dieser Menschen steht: Schlaganfall, Nierenversagen oder Herzinfarkt, also die Folgen der Hitze. "Wir lassen damit unerwähnt, dass die Menschen an Hitze und damit auch an der Klimakrise gestorben sind", sagt Schmid. Hitzewellen werden durch die Klimakrise weltweit intensiver und länger. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es in Deutschland insgesamt nur drei Jahre mit mehr als zehn Hitzetagen (1976, 1994 und 1995). Seit der Jahrtausendwende registrierte der Deutsche Wetterdienst ein Dutzend Sommer mit mehr als zehn Hitzetagen. Die meisten davon seit 2015. Der Trend geht eindeutig nach oben. Auch die derzeitige Hitzewelle in Europa ist eine Folge der Erderwärmung. "Der Klimawandel ist eindeutig dafür verantwortlich", heißt es in einer am Freitag veröffentlichten Studie der internationalen Forschungsgruppe World Weather Attribution (WWA). Die derzeitigen extrem hohen Temperaturen am Tag und in der Nacht seien vor 50 Jahren zu diesem Zeitpunkt im Jahr "praktisch unmöglich" gewesen, schreiben die Forschenden. Auf die Hitze ist Deutschland kaum vorbereitet, besonders das Gesundheitssystem nicht. Vulnerable Gruppen etwa ältere Menschen, chronisch Kranke, aber auch Kinder sind besonders gefährdet. Wenig beachtet sei auch, was sich bei der Einnahme von Medikamenten bei Hitze ändere, sagt Notarzt Schmid. Er habe mehrere Todesfälle in den vergangenen Tagen erlebt, die auf die Wechselwirkung zwischen Pharmazeutika und den Folgen hoher Temperaturen zurückzuführen seien. Wer täglich Medikamente nimmt, sollte bei Hitze besonders aufpassen, warnt auch Ärztin Beate Müller im Gespräch mit dem SPIEGEL. Sie leitet das Institut für Allgemeinmedizin an der Uniklinik Köln. "Einige Medikamente verstärken hitzebedingte Risiken, da sie etwa das Schwitzen oder das Durstgefühl beeinträchtigen", so Müller. Gefährdet seien hauptsächlich multimorbide Patienten, also Menschen mit mehreren Krankheiten. "Deren gesundheitliche Risiken durch die Einnahme bestimmter Arzneimittel steigen an Hitzetagen." Lesen Sie hier ein ausführliches Interview zu Medikamenten und Hitze. Ein klassisches Beispiel sind laut Müller Blutdrucksenker wie ACE-Hemmer oder Diuretika. "Sie erweitern die Gefäße oder schwemmen Wasser aus." Das könne, wenn der Körper ohnehin stark schwitzt und die Gefäße zur Abkühlung weit stellt, zu einem gefährlichen Blutdruckabfall, Schwindel und Kreislaufkollaps führen. Auch der Einsatz von Wirkstoffpflastern, etwa Schmerzpflastern, sei an heißen Tagen riskant. "Bei starker Sonneneinstrahlung oder hoher Umgebungstemperatur wird die Haut deutlich stärker durchblutet", so Müller. So nimmt der Körper den Wirkstoff schneller auf – im schlimmsten Fall droht eine lebensgefährliche Überdosis. Bisher ist die Anpassung der Medikamente an Hitze in der Heidelberger Hitzetabelle geregelt . Zusammen mit anderen Medizinern arbeitet Müller an einem Update, der CALOR-Liste, die bald veröffentlicht werden soll. Allerdings können Betroffene damit wenig anfangen – sie sind auf ärztliche Hilfe angewiesen. "Ein Großteil der Ärzteschaft ist dafür schlicht noch nicht sensibilisiert", sagt Notarzt Schmid. Er schlägt vor, für betroffene Patienten einen zweiten Medikationsplan vorzubereiten, der gilt, wenn es mehrere Tage über 30 Grad heiß wird. "Die Patienten könnten sich auch täglich wiegen oder Blutdruck messen, um die Dosierung anzupassen", sagt er. Das gehe aber nur bei relativ fitten Patienten, die das selbst managen können, so der Arzt. Vorstellbar sei auch, dass Ärzte oder medizinisches Fachpersonal ihre Patienten anrufen oder zu Hause besuchen. Auch wenn das "ein riesiger Aufwand" wäre, räumt Schmid ein, viele Praxen seien überlastet. Die Ärzte glauben: Es muss sich dringend etwas ändern, um künftig noch mehr hitzebedingte Sterbefälle zu verhindern. Schmid vergleicht die Diskussion mit anderen schweren Krankheiten: "Ältere und vorerkrankte Menschen sterben auch eher an Lungenentzündungen als junge und fitte, trotzdem würde niemand auf die Idee kommen, Erreger von Lungenentzündungen nicht ernst zu nehmen, weil sie eher ältere Menschen umbringen." Deshalb müssten Klimakrise und Hitze genauso als Gesundheitsrisiko ernst genommen werden wie Infektionskrankheiten oder Luftverschmutzung. Mit diesem Appell entlässt das Newsletter-Team Sie in ein viel zu heißes Wochenende. Mehr Tipps zum Hitzeschutz finden Sie hier: Wie Sie Ihre Wohnung am besten kühlen Wie Sie Ihr Smartphone vor dem Hitzekollaps schützen ...und alles, was Sie über Klimaanlagen in der Wohnung wissen sollten . Passen Sie auf sich auf! Der SPIEGEL berichtet für Sie über die Klimakrise. Alle Beiträge finden Sie immer laufend aktualisiert hier. Wenn Sie mögen, informieren wir Sie einmal in der Woche über das Wichtigste zur Klimakrise – Storys, Forschungsergebnisse und die neuesten Entwicklungen zum größten Thema unserer Zeit. Zum Newsletter-Abo kommen Sie hier. Bleiben Sie zuversichtlich! Ihre Susanne GötzeRedakteurin Wissenschaft