Nazi-Verfolgung: Zeugen Jehovas erzielen Etappensieg im Streit über Familienarchiv

Datum26.06.2026 16:59

Quellewww.spiegel.de

TLDRZeugen Jehovas haben vor Gericht einen Etappensieg im Streit um ein Familienarchiv aus der NS-Zeit errungen. Das Archiv der Familie Kusserow dokumentiert deren Verfolgung durch die Nazis. Der Bundesgerichtshof hob eine frühere Ablehnung der Klage auf Herausgabe auf. Ursprünglich von Annemarie Kusserow als Erbe für die Zeugen Jehovas bestimmt, wurde das Archiv an ein Militärmuseum verkauft. Das Oberlandesgericht muss nun über die Eigentumsverhältnisse und die Rechtmäßigkeit des Verkaufs entscheiden.

InhaltEin Archiv erzählt von der Verfolgung der Zeugen Jehovas durch die Nazis. Derzeit liegt es in einem Museum, die Sekte erhebt aber Anspruch darauf. Jetzt wurde ihre Position durch ein Urteil gestärkt. Seit mehreren Jahren streiten die Zeugen Jehovas mit dem Bund um ein umfangreiches Familienarchiv aus der NS-Zeit. Die mehr als 1000 Dokumente erzählen von der von den Nationalsozialisten verfolgten Familie Kusserow aus Bad Lippspringe in Nordrhein-Westfalen. Das Archiv liegt derzeit im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden. Nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) in Karlsruhe hat die Glaubensgemeinschaft nun Grund zur Hoffnung, dass ihre Klage auf Herausgabe Erfolg haben könnte. Das Gericht hob eine frühere Entscheidung des Oberlandesgerichts Köln auf, das die Klage abgewiesen hatte. Jetzt muss erneut über die Sache verhandelt und entschieden werden. Die älteste Tochter, Annemarie Kusserow, hatte die Verfolgung ihrer 13-köpfigen Familie von der Machtübernahme der Nationalsozialisten bis zu ihrer eigenen Verhaftung im Oktober 1944 in Bildern, Briefen, Haftbefehlen und Todesurteilen festgehalten. Zwei ihrer Brüder wurden von den Nazis hingerichtet, weil sie aus Gewissensgründen den Kriegsdienst verweigerten. Weitere Familienmitglieder starben infolge der grausamen Haftbedingungen. Nach ihrem Tod im Jahr 2005 verkaufte einer ihrer Brüder das umfangreiche Archiv an das Museum in Dresden. Eigentlich hatte Kusserow ihr Erbe aber den Zeugen Jehovas überlassen. Wie es bei dem Bruder landete, ist laut BGH ungeklärt. "Fest steht, dass das Archiv unrechtmäßig an das Museum veräußert wurde", sagt Sebastian Stock, Sprecher der Zeugen Jehovas. Das Kölner Oberlandesgericht muss nun klären, ob Annemarie Kusserow Alleineigentümerin der Dokumente war, wie der Besitzverlust genau erfolgte und ob der Staat ausreichende Nachforschungen zur Berechtigung des Bruders als Verkäufer angestellt hat. Etwa 14.000 Zeugen Jehovas wurden im Nationalsozialismus inhaftiert. Mehr als 1700 von ihnen starben nach Angaben der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Sie wurden hingerichtet oder starben wegen der schrecklichen Bedingungen in der Haft. Erst am Mittwoch wurde in Berlin ein Mahnmal für die Religionsgemeinschaft eingeweiht. Wie die Schriftstellerin Stefanie de Velasco, die bei den Zeugen Jehovas aufwuchs, über das Mahnmal und seine Symbolik denkt, können Sie hier  lesen.