Datum26.06.2026 16:55
Quellewww.zeit.de
TLDRDer WM-Abend bietet zwei Spiele: Frankreich gegen Norwegen (21 Uhr, ZDF) mit dem Duell Haaland gegen Mbappé, und Kap Verde gegen Saudi-Arabien (2 Uhr, ARD). Co-Trainer Stéphan vertritt Deschamps, dessen Mutter verstorben ist, und kann sein Ritual des Rasierens nicht ausführen. Der Artikel thematisiert auch virale, aber gefälschte Bilder von FIFA-Präsident Infantino sowie die emotionale Achterbahnfahrt deutscher Fans angesichts wechselhafter Ergebnisse.
InhaltFrankreichs Didier Deschamps und sein Co-Trainer Guy Stéphan müssen heute auf ein wunderbares Männerritual verzichten – aus traurigem Grund. Das bringt der WM-Abend. Kommt auf Ihr Gemüt an. Mögen Sie Stars, Sternchen und das Gefühl, von hochbezahlten Profis hochprofessionell unterhalten zu werden? Dann Norwegen gegen Frankreich (21 Uhr, ZDF). Haaland gegen Mbappé, das ist Spitzenfußball, da können Sie nichts falsch machen. Aber vielleicht wollen Sie ja mehr? Vielleicht suchen Sie, liebe Leserin, nach etwas Wahrem in dieser falschen Welt? Dann empfehle ich Ihnen Kap Verde gegen Saudi-Arabien (2 Uhr, ARD). Kap Verde ist nach dem Ausscheiden von Curaçao und Haiti der letzte Underdog dieses Turniers, der noch eine Chance auf das Sechzehntelfinale hat. Im ersten Spiel trieb der kapverdische Torwart mit dem schönen Namen Vózinha (das bedeutet Großmütterchen) die Weltklasse-Mannschaft aus Spanien zur Verzweiflung, Kap Verde holte ein sensationelles Unentschieden. Im zweiten Spiel gegen Uruguay durfte man als Zuschauer gleich zweimal kapverdischen Torjubel erleben, was so herzerweichend schön war, wie nach einem langen Arbeitstag zu Hause von einem Labradoodle-Welpen begrüßt zu werden; Kap Verde holte ein zweites sensationelles Unentschieden. Heute Nacht würde ein sensationelles Unentschieden gegen Saudi-Arabien wohl nicht reichen. Wenn Sie ein Herz haben, hoffen Sie auf den Sieg von Kap Verde. Er wäre wahr, gut und schön. Guy Stéphan. Stéphan, 69, ist Co-Trainer der französischen Nationalmannschaft. Weil ihr Haupttrainer, Didier Deschamps, für die Beerdigung seiner Mutter nach Frankreich gereist ist, vertritt ihn Guy Stéphan in der Partie gegen Norwegen (21 Uhr, ZDF). Stéphan und Deschamps kennen sich schon lange, sie haben zusammen Olympique Marseille trainiert, einen Vulkan von einem Verein, der ständig ausbricht. Die beiden pflegen, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, ein wunderbares Männerritual. Vor wichtigen Spielen geht Deschamps, einen Elektrorasierer in der Hand, rüber zu Stéphan und rasiert ihm die Glatze. Diese Zeremonie hat den beiden offensichtlich Glück gebracht. Aber heute Abend wird das nicht passieren. Die französische Mannschaft muss also von einem stoppeligen Stéphan zum Sieg gecoacht werden. Und die Franzosen neigen dazu, das dritte Spiel einer WM-Gruppenphase zu verlieren. Wobei: Sollte Frankreich Norwegen unterliegen, bliebe diese Topmannschaft den Deutschen in einem Achtelfinale womöglich erspart. Wir hoffen auf kräftigen, Unglück bringenden Haarwuchs! Gianni Infantino. Oder ist das gar nicht Gianni Infantino? Gerade gehen Fotos viral, die den Fifa-Präsidenten in zwei Stadien zeigen. Zur gleichen Zeit! Er soll sowohl bei Deutschland gegen Ecuador als auch bei Elfenbeinküste gegen Curaçao gewesen sein. Wie kann das sein? Kann sich der Fifa-Präsident teleportieren? Today I feel … magic? Hat er einen Doppelgänger? Oder flog er mit seinem Privatjet tatsächlich innerhalb weniger Minuten von Spiel eins in New York zu Spiel zwei nach Philadelphia? Die vorläufige Antwort, nach fünf Minuten Recherche, ist ernüchternd: Jemand hat eine Aufnahme Infantinos aus der Partie Iran gegen Neuseeland genommen und mit einem anderen Spielstand versehen. Simples Photoshop. Nicht einmal künstliche Intelligenz war im Einsatz! Erst himmelhoch jauchzen, dann zu Tode betrübt sein. Erst erlöste ein 7:1 Auftaktsieg gegen Curaçao die ganze Nation (siehe dazu, selbstkritisch, Newsletter Stars and Schweiß vom 15. Juni 2026). Dann verliert Deutschland gegen Ecuador, und alle sind am Boden zerstört. Es ist ein großes Hin und Her. Man darf sich eine Frage stellen, die sich auch Politiker gerne stellen: Wo ist die Mitte hin? Aristoteles schrieb schon vor über zweitausend Jahren, dass die Tugend "die Mitte zwischen zwei Lastern" sei, "von denen das eine auf Übermaß, das andere auf Mangel beruht".