Datum25.06.2026 13:34
Quellewww.zeit.de
TLDRBosnien und Herzegowina feiert seine erste WM-Teilnahme mit nationaler Euphorie und einem besonderen Song: "Ljiljani", ein Liebeslied über Lilien, vereint die Bevölkerung über ethnische und politische Gräben hinweg. Die offizielle Hymne wird nicht gesungen, da man sich nicht auf einen Text einigen konnte. Trotz des Traumas des Krieges und der Auswanderung suchen die Bosnier in der Fußball-WM Hoffnung und Gemeinschaft.
InhaltIn einer Stadt voller Einschusslöcher träumen die Menschen von Lilien und dem Weiterkommen. Die Buchpreisträgerin Julia Franck hat für uns zwei Wochen lang mitgeträumt. Die Schriftstellerin Julia Franck gewann zahlreiche Preise, unter anderem 2007 den Deutschen Buchpreis für ihr Werk "Die Mittagsfrau". In diesem Juni hat sie die Poetikdozentur in Sarajevo inne. Bengalische Lichter, Feuerwerk, Jubelgesang – Bosnien feiert sein erstes Tor im ersten Spiel der Vorrunde dieser WM gegen Kanada als Sternstunde. Und war er nicht schnell, elegant und präzise, der Kopfball von Jovo Lukić? Er kann auch mit den Füßen. Noch ahnen die singenden und tanzenden Bosnier nicht, dass es zum Gleichstand von Kanada in Toronto ein Gegentor geben wird, Ehre dem großen Gastgeber – und bald darauf auch die Schweiz und Katar in ihrem Spiel jeweils nur ein Tor schießen können. Über Tage in diesem heißen Juni werden sich die Mannschaften der B-Gruppe im Gleichstand befinden. Sie können alle auf das Weiterkommen hoffen. Schon in jener Nacht, als Bosnien-Herzegowina sich gegen Italien in die Teilnahme an der WM schoss, feierten die Menschen in Sarajevo bis in den frühen Morgen. In dieser Zeit rücken ethnische Identitätsfragen, Religionen und Kritik der bosnischen Bevölkerung an der Regierung "da oben" etwas in den Hintergrund. Was ist schon Lorbeer, was Amerika? Auf die Lilien, ihren Duft über den Feldern, auf die Liebe! Selbst wenn sie eine unerfüllte ist, die Liebste einem anderen gehören wird, wie in dem vielleicht wichtigsten Lied der Bosnier – das sie vor und während der Fußballspiele hier auf den Straßen und in den Kneipen singen: Halid Bešlićs Ljiljani. Gab es je einen Sänger mit schönerer Stimme als ihn? Einen besseren Menschen? Er besingt die Lilien, jenes Wahrzeichen Bosniens seit Jahrhunderten, das Reinheit, Unschuld und Schönheit symbolisiert, die Miljacka, diesen Fluss, der durch Sarajevo fließt. Selbst wenn es Freundschaftsspiele mit Nachbarländern gibt oder die lokalen Klubs gegeneinander antreten: Das Liebeslied vom Duft der Lilien vereint die Bosnier. Sie feiern mit der Liebe auf der Zunge, aus vollem Halse. Auf dem Weg zum Spiel singen sie: "Der Duft der Lilien breitet sich über das Feld aus … die Blüten duften wie meine Liebste, und die kleinen Schwalben kommen aus dem Süden, als brächten sie mir deine Liebe." Nichts wird bereut. Kein Krieger zückt die Waffen. Die Bosnier stimmen kein Schlacht- und Sieggebrüll an. Diesem kriegsgebeutelten Land mit seinen unzähligen Einschusslöchern, Granateinschlägen und Ruinen, wo Familien bis heute innerlich zerrissen sind – mit diesen Menschen, von denen nahezu jeder im Krieg mindestens einen liebsten Nächsten verloren hat: das Kind, den Bruder, die Freundin, Mutter oder Vater – ist die Liebe hehres Gut. Nicht der Sieg? Die Mannschaft vereint so viele Nationalitäten und scheut aus guten Gründen auch vor dem internen bosnischen Ethnizismus zurück. Im Land werden die Katholiken als "Kroaten" bezeichnet, als "Serben" die christlich Orthodoxen, die "Bosniaken" sind Moslems. Neben Bosnien und Herzegowina liegt auch die Republika Srpska im Bund der Föderation, noch, und je nach Kanton gibt es kleinere und stärkere Minderheiten. Die mehrheitlich von Serben bewohnte Republika Srpska möchte sich seit Jahren abspalten, sie wird auch beim Fußball kaum mit Bosnien-Herzegowina feiern. Auf dem Feld spielen sie zusammen, für ein gemeinsames Bosnien: Der "Kroate" Bašić tritt eine Ecke, während der "Bosniake" Kolašinac schon wie ein Brückenpfeiler in die Luft schnellt, und mit dem Kopf weiter an den "Serben" Lukić spielt, der den Ball ins Tor köpft. Was für ein Bild, diese Dreierbrücke für ein Tor. Man könnte T-Shirts mit allen dreien drucken. Dass die Spieler der Nationalmannschaft beim Erklingen ihrer offiziellen Hymne nicht mitsingen, ist weder Trotz noch Respekt – man konnte sich in Bosnien schlicht auf keinen Text einigen. Zuhause in Bosnien-Herzegowina und überall, wo Bosnier in diesen Wochen zusammentreffen, wird neben dem Liebeslied Ljiljani immer wieder ein auf den ersten Blick harmlos klingendes Stück Balkan-Pop gesungen und getanzt. Ob in der Kneipe, auf der Straße oder im Zelt stimmen die jungen Leute mit ihren weißen und blau-gelben Trikots, den blau-gelben Cowboyhüten aus Plastik, mit Schleiern, Hüten und Haaren jeder Farbe, jenes Lied aus dem Jahr 2013 an, dessen erste Hälfte von Ironie strotzt und diesen ungewöhnlichen Widerstand und Humor zeigt, der den Bosniern angesichts aller westlichen Versuchungen eigen ist: I’m from Bosnia, take me to America. Greencard, grüner Rasen und Fußball eingeschlossen. Singend und tanzend wappnen sie sich: Ich will unbedingt eure Freiheitsstatue sehen, ich kann es kaum erwarten, ich will mich endlich assimilieren. Was ist schon das Mutterland? Lasst mich euer Sklave sein. In dieser Ironie stecken auch der Schmerz und Grimm, nicht nur über den entsetzlichen Krieg und die Verluste in allen Familien, sondern auch über die vielen Angehörigen und Freunde, die ins Ausland geflohen und dort geblieben sind. Hier in Bosnien gibt es kaum Menschen, die niemanden vermissen. In diesem Jahr, wo die Spiele ausgerechnet in Amerika ausgetragen werden, konnte sich Bosnien-Herzegowina nach 2014 erst zum zweiten Mal in seiner jungen Geschichte für die WM qualifizieren. Seit zwei Monaten jagen manch Alte und Junge wie seit Jahrzehnten nach Paninistickern, die in diesem Sommer zur begehrtesten Mangelware werden. Wochenlang gibt es sie nur einzeln hinter dem Etikett bestimmter Coca-Cola-Flaschen teuer zu kaufen – während sich Freunde und Verwandte Sticker aus dem Ausland mitbringen. Am Tag vor dem zweiten B-Gruppen-Spiel Bosniens, diesmal gegen den vorherigen Gruppen-Favoriten Schweiz, fahren manche Leute in Sarajevo kilometerweit zu bestimmten Kiosken, da sich seit einer Woche das Gerücht verbreitet, dass dort große Pakete mit Panini-Stickern eintreffen sollen. Vor einigen Kiosken bilden sich verdächtige Schlangen.