Datum25.06.2026 12:54
Quellewww.spiegel.de
TLDREin Doppelerdbeben der Stärke 7,2 und 7,5 erschütterte Venezuela und forderte mindestens 164 Tote. Die Beben mit geringer Tiefe verursachten massive Schäden und den Einsturz zahlreicher Gebäude. Experten warnen vor Tausenden möglichen Todesopfern. Internationale Hilfe, darunter Such- und Rettungsteams sowie humanitäre Güter, wurde von den USA, der EU, Deutschland, Spanien und China zugesagt. Die Caritas kündigte ebenfalls Nothilfe an.
InhaltEin Doppelerdbeben hat Venezuela erschüttert, die Regierung befürchtet Tausende Tote. Was Experten zur Wucht der Beben sagen, wer jetzt hilft: Antworten auf die wichtigsten Fragen zu der Katastrophe in Südamerika. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Innerhalb einer Minute haben zwei Erdbeben in Venezuela Verwüstung angerichtet. Etliche Gebäude sind eingestürzt. Die Rettungsarbeiten halten an. Das Zweite der beiden Beben ist das Heftigste in dem südamerikanischen Land seit mehr als einem Jahrhundert. Was bisher noch über die Katastrophe bekannt ist. Das Epizentrum des ersten Bebens am Mittwoch um 18.04 Uhr (Ortszeit; 00.04 MESZ Donnerstag) lag den Angaben der US-Erdbebenwarte USGS zufolge 24 Kilometer östlich von San Felipe entfernt im Nordwesten des südamerikanischen Landes in einer Tiefe von 21,9 Kilometern. Das zweite Erdbeben ereignete sich etwa 39 Sekunden später nur wenige Kilometer weiter nördlich in nur rund zehn Kilometer Tiefe. Wegen der geringen Tiefe dürften die Auswirkungen des zweiten Bebens größer sein. Allein in den relativ nahen Städten Puerto Cabello, im Bundesstaat Carabobo, und San Felipe, im Bundesstaat Yaracuy, leben nach USGS-Angaben zusammen etwas mehr als 400.000 Menschen. Die Millionenstadt Caracas, aus der nach den Beben die ersten Bilder und Berichte kamen, lag dabei nicht besonders nah am Epizentrum, sondern mehr als 150 Kilometer östlich davon. Der Bundesstaat La Guaira, der an Caracas grenzt, war jedoch besonders stark betroffen. Die US-Erdbebenwarte USGS gab die Stärke der beiden Erdbeben mit 7,2 und 7,5 an. Zwischen beiden Erschütterungen lagen laut USGS nur 39 Sekunden. Es gab den Angaben zufolge seitdem schon 20 Nachbeben. "Eine Stärke von 7,5 mag nicht viel größer erscheinen als 7,2, ist aber aufgrund der Funktionsweise der Skala tatsächlich doppelt so stark", erklärte Adam Pascale, Seismologie-Experte am Seismology Research Institute in Australien, bei CNN . "Das bedeutet, dass die Erschütterungen deutlich länger angehalten haben, da zunächst ein erstes Beben die Erschütterungen ausgelöst hat und dann Sekunden später ein stärkeres Beben folgte, das eine längere Dauer der Erschütterungen zur Folge hatte." Die USGS kennzeichnete beide Beben mit einem "roten Alarm". Dies bedeutet, dass mit großen Schäden und vielen Opfern zu rechnen ist . Das Zweite der beiden Beben mit der Stärke 7,5 ist laut USGS das Heftigste in dem südamerikanischen Land seit mehr als einem Jahrhundert. Ein noch stärkeres Beben der Stärke 7,7 gab es zuletzt im Jahr 1900 nordöstlich der Hauptstadt Caracas vor der Küste Venezuelas, wie aus Daten der Organisation hervorgeht. Im Norden Venezuelas bewegen sich auf einer Strecke von vielen hundert Kilometern zwei Erdplatten aneinander vorbei, die karibische und die südamerikanische Platte. Hätten die Platten glatte Kanten, könnten sie wohl einfach aneinander vorbeigleiten. Doch das ist nicht der Fall; die Plattengrenzen haben mehrere Verwerfungen, Brüche oder Risse etwa. Durch diese Unebenheiten können sie sich verhaken und Spannung aufbauen, die sich irgendwann entlädt. Die karibische Platte bewegt sich jedes Jahr bis zu 20 Millimeter im Vergleich zur südamerikanischen Platte. "Bei einem Erdbeben dieser Stärke verschieben sich die Platten dann plötzlich um mehrere Meter", sagt Marco Bohnhoff vom GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung in Potsdam. "Da kann man leicht nachvollziehen, wie viel Energie dabei freigesetzt wird." Nach Angaben der venezolanischen Regierung sind bisher mindestens 164 Menschen ums Leben gekommen. Mehr als 900 Menschen seien verletzt worden, sagte Venezuelas Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez. Sie wies allerdings darauf hin, dass noch keine Daten aus dem am stärksten betroffenen Bundesstaat La Guaira vorliegen. Die auf statistischen Modellen beruhende erste Prognose der USGS nennt Tausende bis mehr als hunderttausend Tote als mögliche Szenarien. Rodríguez sprach von einer Tragödie und einem Erdbeben "noch nie dagewesenen Ausmaßes" in dem südamerikanischen Land. La Guaira sei zu einem Katastrophengebiet geworden. Allein in Caracas sind etliche Häuser eingestürzt. In sozialen Netzwerken kursierten Videos von beschädigten Gebäuden und Schäden unter anderem am Flughafen von Caracas. Auch die Übergangspräsidentin und Innenminister Diosdado Cabello bestätigten den Einsturz mehrerer Gebäude und Wohnhäuser in der Hauptstadt. "Wir haben es mit einer äußerst alarmierenden Situation zu tun", sagte Innenminister Cabello im Fernsehen. Er rief die Menschen dazu auf, sich in Sicherheit zu bringen. Viele Menschen in Caracas und den anderen betroffenen Regionen verbrachten die Nacht unter freiem Himmel auf der Straße, um nicht bei möglichen weiteren Einstürzen verschüttet zu werden. "Es sind intensive Rettungsarbeiten zugange, um die Leben zu retten, die Gott uns retten lässt", sagte Rodríguez. Aufnahmen zeigten Rettungskräfte, die bei Einbruch der Dunkelheit in die Trümmer stiegen, während verzweifelte Angehörige nach ihren Familienmitgliedern suchten. Such- und Rettungsteams, die in Caracas die Nacht hindurch im Einsatz sind, können laut dem Bürgermeister der Gemeinde Chacao immer noch Menschen hören, die lebend unter den Trümmern eingeschlossen sind. "Glücklicherweise hören wir Menschen, die noch am Leben sind, und wir werden sie retten", sagte Gustavo Duque in einem Instagram-Video und fügte hinzu, dass bisher 23 Menschen gerettet worden seien. "Wir werden diesen Ort nicht verlassen, bis wir die letzte Person gerettet haben, die wir noch lebend retten können, und ich weiß, dass wir mit Gottes Hilfe Erfolg haben werden", sagte er. Die Geretteten würden in örtlichen Gesundheitszentren medizinisch versorgt, so Duque. Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung. Die Region, in der die Platten aneinandergrenzen, sind viele Städte und Siedlungen. Weil die starken Beben so dicht aufeinander folgten, sind Gebäude, die beim ersten Beben nur geschwächt wurden, beim zweiten schneller eingestürzt. Dass die Beben eine solche Verwüstung anrichten konnten, hat außerdem mit ihrer Tiefe zu tun. "Weil sie relativ flach waren, sind die Auswirkungen für Siedlungen und Städte besonders groß", sagt Bohnhoff vom GFZ. Beginnt ein Beben tiefer, verliert es auf dem Weg zur Oberfläche Kraft, die Energie verteilt sich auf eine größere Fläche. In Venezuela war der Weg dagegen kurz. Die USA haben bereits Hilfe auf den Weg gebracht, um die Rettungsarbeiten zu unterstützen. US-Außenminister Marco Rubio schrieb in einem Post auf X: "Amerika steht dem venezolanischen Volk in dieser schwierigen Zeit zur Seite, und auf Anweisung von Präsident Trump entsendet das Außenministerium unverzüglich Such- und Rettungsteams, medizinische Hilfsgüter und humanitäre Hilfe nach Venezuela." Rodríguez schrieb auf X, dass sie sowohl mit US-Präsident Donald Trump, als auch US-Außenminister Rubio in Kontakt sei und bedankte sich für deren Hilfe. Aus der EU ist Hilfe ebenfalls angelaufen. Das europäische Erdbeobachtungsprogramm Copernicus sei aktiviert worden "und wir sind bereit, unsere Unterstützung weiter zu verstärken", erklärte die EU-Kommissarin für Krisenmanagement, Hadja Lahbib, auf X. Von der EU finanzierte Partner leisteten bereits vor Ort Hilfe, fügte sie hinzu. Das Erdbeobachtungsprogramm Copernicus kann bei Naturkatastrophen schnell Satellitenaufnahmen liefern und Rettungskräften so bei der Einschätzung der Lage helfen. Auch Deutschland steht bereit, um Hilfe zu leisten. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) sagte, dass die Nachrichten aus Venezuela ihn tief erschüttert hätten. "Jetzt gilt es, schnell Hilfe zu leisten. Die Bundeswehr steht bereit und kann kurzfristig bis zu sechs Transportflugzeuge A400M zur Verfügung stellen, sobald Unterstützung von uns angefordert wird." So könnten etwa Personal und Material des Technischen Hilfswerks nach Venezuela gebracht oder Transportflüge innerhalb Venezuelas ermöglicht werden. Spanien und China haben ebenfalls Hilfe für Venezuela angekündigt. Premierminister Pedro Sánchez und Außenminister Jose Manuel Albares sicherten Caracas zu, jede benötigte Hilfe bereitzustellen. Chinas Außenministerium bot dies ebenfalls an. Caritas International hat angekündigt, 100.000 Euro für erste Nothilfen bereitzustellen. In Zusammenarbeit mit der Caritas Venezuela und kirchlichen Strukturen vor Ort gehe es darum, schnell belastbare Hilfsstrukturen aufzubauen. "Unsere Partnerinnen und Partner der Caritas Venezuela mit ihrem Netzwerk von 30.000 freiwilligen Helferinnen und Helfern sind tief in den Gemeinden verwurzelt und verfügen über ein einzigartiges Netzwerk im ganzen Land", sagte Jonas Brenner von Caritas international. Laut Caritas trifft das Beben vor allem Familien, Ältere und Kranke, die oft kaum Ressourcen hätten, um die Folgen der Katastrophe zu bewältigen. Venezuela befinde sich seit Jahren in einer humanitären Krise. Geschätzte 7,9 Millionen Menschen seien auf Hilfe angewiesen.