Datum24.06.2026 17:44
Quellewww.zeit.de
TLDRDer letzte Spieltag der WM-Vorrunde beginnt, und erste Teams scheiden aus. Schottland kämpft gegen Brasilien um den Einzug in die K.o.-Runde, während Haiti auf sein erstes WM-Tor seit 1974 hofft. Deutschland hat bereits die Gruppe gewonnen und muss nun, wie andere Teams auch, die komplizierte Rechnerei um die besten Gruppendritten meistern.
InhaltDer letzte Spieltag der Vorrunde beginnt – damit geht die WM für die Ersten schon zu Ende. Wie traurig. Und: Eine Ente auf Staatsbesuch. Das bringt der WM-Abend. Schottland gegen Brasilien (0 Uhr, MagentaTV). Die wohl beliebteste Reisegruppe dieser WM, die schottischen Fans, genannt "Tartan Army", ist von Boston nach Miami weitergezogen. Wie gut die Schotten feiern können, weiß man in Deutschland spätestens seit der Europameisterschaft vor zwei Jahren, als die Fußballer zwar kein Spiel gewannen, aber die Fans aus München, Köln und Stuttgart blau-weiße Partyzonen machten. Nun ist die "Tartan Army" eine Attraktion in Amerika. Am Montag waren unzählige schottische Fans bei einem Baseballspiel der Florida Marlins, der übertragende Fernsehsender stellte eine Kamera nur auf sie ab, der verletzte schottische Nationalspieler Billy Gilmour durfte den ersten Pitch werfen. Ach, und falls Sie schlechte Laune haben, schauen Sie sich die Videos der Schotten an, wie sie Yes Sir, I Can Boogie singen. Die Frage ist: Können sie auch mit den Brasilianern tanzen? Denn mindestens ein Punkt gegen den Rekordweltmeister wäre gut. Dann hätte Schottland echte Chancen, erstmals die K.-o.-Runde bei einer WM zu erreichen. Für die Biervorräte Miamis wäre das keine gute Nachricht. Die Heimfahrer. Haiti, Tunesien, Jordanien, Panama und die Türkei sind definitiv schon raus. Ab heute kommen täglich weitere hinzu, denn der letzte Spieltag der Vorrunde beginnt mit gleich sechs Partien. Dabei haben wir viele dieser Teams doch gerade erst lieben gelernt. Es fühlt sich an, als würde ein gerade erst gewonnener Freund schon wieder wegziehen. Oder ist Ihnen die unsentimentale Sicht lieber? Es ist ja ehrlich gesagt schon eine Leistung, in der Gruppenphase auszuscheiden, denn 32 der 48 Mannschaften bleiben im Turnier. Sogar die meisten Gruppendritten. Ab heute beginnt also die große Rechnerei: Mit wie vielen Punkten und welcher Tordifferenz gehört man sicher zu den besten acht Gruppendritten? Da ist nicht nur Fußball-, sondern auch Mathetalent gefragt. Ein bisschen unfair ist das Ganze auch. Denn die Teams, die erst in den kommenden Tagen spielen, werden ungefähr wissen, welche Ergebnisse sie brauchen. Wie wird die Fifa dieses Problem in Zukunft lösen? Vielleicht, indem sie die WM auf 64 Mannschaften aufstockt. Dann könnten wieder jeweils die beiden Gruppenersten weiterkommen, wie früher. Frantzdy Pierrot, Spitzname: der Berg. Macht der 31 Jahre alte Stürmer das erste Tor Haitis bei dieser WM? Es wäre überhaupt erst das dritte haitianische Tor bei einer WM, 1974 in Deutschland trafen die Fußballer des Karibikstaats zweimal. Die Hoffnungen ruhen auf Pierrot, genauer gesagt: auf seinem Kopf. Gegen Schottland hätte er kurz vor Schluss beinahe den Ausgleich geköpft. Der 1,94 Meter große Pierrot kam in Cap-Haïtien zur Welt, zog mit elf Jahren aber in die USA, nach Massachusetts. Nach dem College ging er nach Europa, spielte in Belgien, Frankreich und mit Maccabi Haifa in der Champions League. In Haiti hat er eine Stiftung gegründet, mit der er talentierte junge Fußballer unterstützt. "Wenn ich zu Hause bin, motivieren mich die Kinder dort, weiterzumachen, denn sie haben dieselben Träume, die ich einst hatte", sagt Pierrot. "Sie erinnern mich daran, wie wichtig es ist, weiter hart zu arbeiten und anderen etwas zurückzugeben." Vielleicht beschenkt er Haiti, das leider schon ausgeschieden ist, mit dem ersten WM-Tor seit 52 Jahren. Sie entspannen sich, viele zum ersten Mal. Abgesehen von Manuel Neuer, der 2010 und 2014 schon dabei war, kennt keiner der Nationalspieler die K.-o.-Phase einer WM. Diesmal müssen sich die Deutschen vor dem letzten Gruppenspiel gegen Ecuador (Donnerstag, 22 Uhr, ARD) keine Sorgen mehr machen. Sie sind bereits sicher Gruppenerster. Nach zweimal Vorrunden-Aus nacheinander ist das alles andere als selbstverständlich. "Wir wussten, dass wir in der Pflicht sind, nicht schon wieder früh zu scheitern. Wir sind Deutschland", sagt Kai Havertz im Interview mit meinem Kollegen Oliver Fritsch. Havertz sagt allerdings auch: "Jetzt fängt das Turnier eigentlich erst an." Da ist es wieder, das deutsche Turniermannschaft-Mindset, in dem die Vorrunde nur ein besseres Warmspielen ist.