Datum24.06.2026 12:20
Quellewww.spiegel.de
TLDRDas Netzwerk CLAIM dokumentierte 2023 4096 antimuslimische Vorfälle, darunter Körperverletzungen, Beleidigungen und Diskriminierung. Diese Zahlen gehen von einer hohen Dunkelziffer aus, da viele Vorfälle nicht gemeldet werden, insbesondere im schulischen Bereich oder bei Behördenkontakten. Wiederholte Diskriminierung führt oft zu einer Normalisierung, beeinträchtigt aber die Lebensqualität der Betroffenen. Die Zahl der gemeldeten Fälle stieg aufgrund einer größeren Beteiligung von Beratungsstellen. Es besteht Sorge, dass antimuslimischer Rassismus nicht die nötige Aufmerksamkeit von der Bundesregierung erhält.
Inhalt4096 antimuslimische Vorfälle hat das Netzwerk Claim im vergangenen Jahr dokumentiert. Es geht von einer hohen Dunkelziffer aus – nicht nur bei körperlicher Gewalt. Beleidigungen, Diskriminierung, aber auch körperliche Gewalt: Das Netzwerk CLAIM hat für das Jahr 2025 4096 antimuslimische Vorfälle dokumentiert. Darunter waren laut dem aktuellen Lagebild 214 Körperverletzungen. CLAIM steht für Allianz gegen Islam- und Muslimfeindlichkeit. Das Bündnis vernetzt zivilgesellschaftliche Akteure, dokumentiert bundesweit antimuslimische Übergriffe und Diskriminierungen und qualifiziert Beratungs- und Meldestellen. Das Lagebild ist nicht repräsentativ. Es basiert auf Meldungen von Beratungs- und Meldestellen sowie communitybasierten Initiativen aus 15 Bundesländern. Hinzu kommen beispielsweise bundesweite Fallzahlen der politisch motivierten Kriminalität, sowie Vorfälle aus Polizeipressemitteilungen und Medienberichten. CLAIM geht von einem hohen Dunkelfeld aus. Insbesondere im schulischen Kontext, aber auch im Kontakt mit Behörden oder der Polizei bestünden "hohe Meldehürden" für Betroffene. Was Diskriminierung, Beleidigung oder Volksverhetzung angeht, sei ein gewisser Gewöhnungseffekt zu beobachten. So heißt es in dem bundesweiten Lagebild: "Gleichzeitig zeigt sich, dass alltägliche Formen von Rassismus zunehmend seltener gemeldet werden, da wiederholte Diskriminierungserfahrungen häufig zu einer schleichenden Normalisierung führen." Das bedeute aber nicht, dass die Betroffenen keinen Leidensdruck verspürten, vielmehr beeinträchtigten diese Erfahrungen nachhaltig ihre Lebensqualität und ihr Sicherheitsgefühl. Es herrsche ein Klima der Angst. Zudem sei eine zunehmende Resignation unter den Betroffenen zu beobachten. Im schulischen Bereich würden Vorfälle häufig nicht gemeldet, weil Eltern Angst vor Repressionen hätten. Die 4096 verifizierten Fälle von antimuslimischem Rassismus oberhalb und unterhalb der Strafbarkeitsgrenze sind nicht direkt mit den Daten des Vorjahres vergleichbar, da sich inzwischen mehr Beratungsstellen an der Erhebung beteiligen. 2024 waren von den mit dem Netzwerk kooperierenden 26 Beratungsstellen in 13 Bundesländern 3080 Fälle dokumentiert worden. Im vergangenen Jahr beteiligten sich 38 Stellen in 15 Ländern. Zu den dokumentierten Fällen gehört das Erlebnis eines Mädchens, das dem Lagebild zufolge in Greifswald von Jungen mit Sprüchen wie "Ausländer raus" rassistisch beleidigt wurde, während einer der Jungen versuchte, im Vorbeifahren mit dem Fahrrad eine Zigarette an dem Kopftuch des Mädchens auszudrücken. Eine 52-Jährige mit Kopftuch, die in Düsseldorf im Dezember demnach von einem Unbekannten mit der Faust ins Gesicht geschlagen wurde, dadurch vom Fahrrad stürzte und sich erhebliche Verletzungen zuzog, wandte sich anschließend an die Polizei. Doch nicht nur körperliche Gewalt wirkt oft lange nach. Ein muslimischer Schüler in Schleswig-Holstein berichtet, er werde von der Lehrkraft, sobald es im Unterricht um Extremismus oder Terrorismus geht, entweder gefragt, ob er sich davon "distanzieren" wolle oder "wie Menschen aus seiner Religion" dazu stünden. Rassismus beginne nicht mit Gewalt, sondern da, "wo Menschen pauschal zum Problem erklärt werden", sagte Said Etris Hashemi bei der Vorstellung des Berichts. Er überlebte das rassistische Attentat am 19. Februar 2020 in Hanau schwer verletzt. "Worte bleiben nicht folgenlos." Claim-Geschäftsführerin Rima Hanano sagte, ihr mache es Sorgen, dass das Thema antimuslimischer Rassismus aktuell seitens der Bundesregierung "nicht die notwendige Aufmerksamkeit bekommt, die es verdient".